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Kultur

Depeche Mode in Berlin

Düster dröhnen

Die britische Stadion-Popband Depeche Mode gab zur Veröffentlichung ihres neuen Albums "Spirit" ein intimes Konzert in Berlin, das in die ganze Welt übertragen wurde. Alte Hits sorgten für Ekstase, Politisches verpuffte.

DPA
Von
Samstag, 18.03.2017   09:36 Uhr

Als Popband hat man es ja nicht leicht dieser Tage: Gilt es in friedvollen Zeiten vorrangig, einen Entertainment-Auftrag zu erfüllen, was schon mal an sich gar nicht so leicht ist, so recken sich dem Künstler in Zeiten der Krise und Verunsicherung, also jetzt gerade, zusätzlich fragende Gesichter aus dem Publikum entgegen - in der Hoffnung nicht mehr nur auf Erlösung durch Unterhaltung, sondern auch noch auf moralischen Beistand und politische Orientierungshilfe.

Im besten Fall gelingt es, beide Bedürfnisse zu befriedigen, die nach Gefühls-Nirvana und süßem Vergessen ebenso wie die inspirierende Agitation. Im schlimmsten Fall wird es peinlich - und im allerschlimmsten Fall hebt sich beides gegeneinander auf, sodass am Ende nur ein gutmütiges Schulterzucken bleibt: Joa, war schon okay.

Zu Letzterem kam es am Freitagabend beim Konzert der weltweit, besonders aber in Deutschland geliebten britischen Popband Depeche Mode im ehemaligen DDR-Funkhaus in der Nalepastraße im Berliner Stadtteil Treptow-Köpenick. Der mächtige Häuserkomplex, einst eine Sperrholzfabrik, verfügt über einige große getäfelte Orchester-Aufnahme- und Sendesäle. Portishead spielten hier schon einmal ein grandioses Konzert - und der US-Elektrobarde Bon Iver veranstaltete in den nach Historie und Holz müffelnden Hallen, Studios und Fluren im letzten Jahr ein ganzes Indie- und Avantgarde-Festival.

Und nun hatte ein großer Kommunikationskonzern einen dieser Säle für einen sogenannten "Street-Gig" gemietet, das Gebäude von draußen in greller Magenta-Farbe angeleuchtet und drinnen modernstes Kamera-Equipment installiert, um den Auftritt per Internetstream in die ganze Welt zu übertragen. Rund 1000 Gäste durften live dabei sein, als Martin Gore, Dave Gahan, Andy Fletcher sowie ein Drummer und ein Bassist zum ersten Mal Songs aus ihrem neuen Studio-Album vorspielten. Die 14. Depeche-Mode-Platte seit 1981 war ebenfalls am Freitag erschienen. Ein Mega-Event also, bedenkt man, dass die Band, wenn sie im Juni erneut nach Berlin kommt, im Olympiastadion vor rund 80.000 Leuten auftreten wird.

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Spirit

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"Global Spirit" heißt die zugehörige Tournee, für die Depeche Mode nun also schon einmal in Klub-Atmosphäre vorglühten. Wobei man es wohl eher ein Simmern nennen müsste, denn ganz dem herrschenden Weltgeist entsprechend klingen die neuen Lieder der gefühligen Synthiepop-Pioniere so nachhaltig trist und düster-dräuend, als stünde das Jüngste Gericht nun tatsächlich kurz bevor. Depeche Mode reagieren darauf aber nicht mit Lautstärke oder Dringlichkeit, sondern mit schwermutsvoller Andacht. Wie immer.

Der neue Produzent James Ford (Simian Mobile Disco, Arctic Monkeys) sorgte allerdings für einen reduzierten, zumeist in mittlerem Tempo träge pulsierenden Elektronik-Sound, der unter jedem noch so melodischem Refrain oder Harmoniebogen ein bröckelndes, donnerndes Grummeln oder Raunen mitschleift, während oben drüber kristalline Gitarren Twang- oder Riff-Akzente setzen. Das klingt hervorragend und passt sehr gut zu dem Gospel- und Blues-Ambiente, mit dem sich Depeche Mode zuletzt auf dem Album "Delta Machine" (2013) auch durch den wachsenden Einfluss von Sänger Gahan umgaben.

Der, 54 Jahre alt und durch jahrelange Drogensucht und lebensbedrohende Krankheiten zu dürrer Sehnigkeit gelangt, gab auf der Bühne den wollüstigen Schamanen, was er auch im Zusammenspiel mit seiner anderen Band, den Soulsavers, in jüngerer Zeit gerne tut. Sein in Sündenrot und Abgrundschwarz aufgeteilter Dress sowie ein dandyhaftes Menjou-Bärtchen und seine wie immer aus der Hüfte zuckenden Schlangentanz-Bewegungen gaben ihm eine mephistophelische Aura. Bandleader Gore wirkte daneben mit Gitarre und Casual-Kluft noch blasser als sonst, Andy Fletcher verschanzte sich hinter Keyboards, Coolness und Sonnenbrille. Man fragte sich zwischendurch, ob die drei wohl noch viel Zeit privat miteinander verbringen.

Als Band funktionieren sie indes auch nach mehr als 30 Jahren sehr gut und hatten keinerlei Mühe, den unten vor der Bühne mit frenetischen Fans, weiter oben auf den Rängen mit Presse, Promis und sonstigen Gästen gefüllten Saal binnen weniger Songs in Ekstase zu versetzen. Wobei das weniger an der Musik gelegen haben dürfte, sondern allein an dem Wow-Effekt, den Stadion-Act Depeche Mode in derart intimen Rahmen erleben zu dürfen. Man unterschätze nie den Begeisterungs-Impetus der exklusiven Teilhabe.

Denn eigentlich animierte gerade der erste Song, "Going Backwards" vom neuen Album, nicht gerade zum Jubeln, denn dort wird unmissverständlich der gesellschaftliche Rückfall in die Barbarei im Broadband-Tempo beschworen: "We're going backwards/ Armed with new technology/ Going backwards/ To a cavemen mentality". Nicht alle Songs auf "Spirit" sind

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Depeche Mode in Berlin: Schwemutsvolle Andacht

so eindeutig politisch, aber es gibt ungewöhnlich viele Momente neben den üblichen Auslotungen von Seelenqualen und Glaubensfragen aus Gores Feder, in denen die Band Stellung zum Zeitgeist bezieht. "Scum" zum Beispiel, oder "Cover Me", kleine Moritaten, die allerdings nichts weiter bewirken sollen, als mit hinreichendem Düsterdröhnen die Trauer darüber zu illustrieren, "dass die Welt gerade aus den Fugen gerät", wie Dave Gahan im Interview mit der "Zeit" sagte.

Brexit, Rechtspopulismus, Terrorangst und Trump, da kann man schon mal mit berechtigter Provokation fragen: "Where's The Revolution", wie Depeche Mode in einem von nur vier neuen Songs in dem exakt einstündigen Konzert. Aber man kann halt nicht einerseits nur beklagen wollen und andererseits die Revolte fordern, da steht man sich zwangsläufig selbst im Wege. Folglich geriet die Performance des unabhängig davon sehr guten Songs zum vielleicht symptomatischsten Moment des Abends.

Denn Gahan gab den Refrain ("Where's The Revolution/ Come on, people you're letting me down") irgendwann als launiges Call-and-Response-Spiel zum Mitsingen ins Publikum, an das sich die Frage ja aber eigentlich richtet: "Wieso macht ihr denn keine Revolution? Kommt schon Leute, ihr enttäuscht mich!" So schallte es denn auch ein wenig irritiert aus verhaltenen Kehlen zurück auf die Bühne - und jegliches revolutionäre Moment, das an diesem Abend theoretisch hätte entstehen können, wurde im Vakuum dieser tragikomischen Pop-Dialektik neutralisiert. Zumindest das von Links. Die Revolution von Rechts findet ja da draußen gerade ungehindert statt. Darüber musste man dann aber auch gar nicht weiterreden: Außer ein paar artigen "Thank yous" gab es keine Ansprache von der Band an die Fans, das wäre ob der globalen Fernüberwachung per Livestream dann wahrscheinlich doch zu spezifisch und intim gewesen.

Der Rest war Nostalgie und Crowd-Pleasing. Mit einer Handvoll Hits aus dem reichhaltigen Kanon, darunter "Personal Jesus", "Walking In My Shoes", das unvermeidliche "Barrel Of A Gun" und das von Martin Gore solo an der Akustikgitarre bestrittene "Little Soul" brachte die Band ihren "Street Gig" zwar nicht auf die Straße zum Protestieren, aber immerhin sicher nach Hause. That's the Spirit? Schon okay.

insgesamt 36 Beiträge
tamagochi77 18.03.2017
1. Trauriger Autor
Es gibt bei jeder Band gute und schlechte Zeiten. Und nur Fakten zu dem Live Stream zu präsentieren wäre auch genug. Anstatt solche emotionslose Kommentare sogar vor Publikum auszusprechen. Wo ist der Respekt geblieben, dass es [...]
Es gibt bei jeder Band gute und schlechte Zeiten. Und nur Fakten zu dem Live Stream zu präsentieren wäre auch genug. Anstatt solche emotionslose Kommentare sogar vor Publikum auszusprechen. Wo ist der Respekt geblieben, dass es dies eine der wenige Bands ist, die seit so viele Jahren überhaupt noch Alben produziert und auf Welt Tournee geht, 80 000 Leute zum übeln bringt. Ich habe es gestern genossen, sogar bereut nicht live dabei zu sein.
uhrentoaster 18.03.2017
2. Übertragung
Von dieser Übertragung wusste ich gar nichts. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass der Spiegel oder andere Medien darauf hingewiesen hatten.
Von dieser Übertragung wusste ich gar nichts. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, dass der Spiegel oder andere Medien darauf hingewiesen hatten.
yves.christelsohn 18.03.2017
3.
Ein paar Anmerkungen. Wenn ich einen Artikel schreibe, sollte ich mich informieren. Gordeno und Aigner sind seit Jahren fester Bestandteil der Live-Formation, das kann man wissen. Alte Hits habe ich keine gehört, lediglich mit [...]
Ein paar Anmerkungen. Wenn ich einen Artikel schreibe, sollte ich mich informieren. Gordeno und Aigner sind seit Jahren fester Bestandteil der Live-Formation, das kann man wissen. Alte Hits habe ich keine gehört, lediglich mit "Personal Jesus" kratzte man an dieser Kategorie. Und warum "Barrel of a gun" als "unvermeidlich" bezeichnet wird, erschliesst sich mir nicht. Dieser Song ist genauso "unvermeidlich" wie jeder andere. Er wird ganz sicher nicht öfter gespielt als andere. Ansonsten gebe ich dem Autor recht. Es war lieblos und erschien wie ein lästiger Pflichttermin.
yves.christelsohn 18.03.2017
4. Berichtigung
Christian Eigner natürlich.
Christian Eigner natürlich.
scottbreed 18.03.2017
5. super
hab das neue Album gleich als CD gekauft...
hab das neue Album gleich als CD gekauft...

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