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Kultur

Musik und Literatur aus Südkorea

"Ich träume davon, in Pjöngjang zu singen"

Nordkorea und Südkorea - zwei fremde Welten. Die Jazzsängerin Youn Sun Nah und die Schriftstellerin Anna Kim arbeiten sich an der grausamen Geschichte des Landes ab.

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Freitag, 16.06.2017   18:24 Uhr

Als die Mauer fiel, reiste die damals 20-jährige Youn Sun Nah sofort nach Deutschland. "Ich wollte mit eigenen Augen sehen, was in Berlin passierte", erzählt sie. Bis heute hütet die inzwischen weltbekannte Sängerin ein Mauersteinchen als Souvenir.

Ein "Wunder" wie in Deutschland wünscht sich Sun Nah auch in Korea. Ihr Vater stammt aus dem Norden des seit 1949 geteilten Landes. Von dort lebenden Verwandten hat die Familie seit Jahrzehnten nichts gehört. Das kommunistische Regime verbietet Kontakte. Aber auch für Südkoreaner ist das Thema heikel. Wer sich für eine Wiedervereinigung engagiert, wird schnell als Nordkorea-Sympathisant diffamiert.

Das mag erklären, warum Sun Nah bei ihren Begegnungen mit Journalisten nicht von sich aus über die Teilung ihres Heimatlandes spricht, und warum sie nicht in ihrer Kunst thematisiert, was ihr offenbar am Herzen liegt. Die 47-Jährige, die nach ihrem Musikstudium in Seoul aus Liebe zum französischen Chanson nach Paris zog und dort über 20 Jahre lebte, etablierte sich als Sängerin zwischen Genres und Kontinenten. Ihre Platten toppen europäische Jazzcharts und erscheinen gleichzeitig in Pop-Ranglisten.

Auf ihrem neuen Album "She Moves On" widmet sie sich dem Jazz und Folk Nordamerikas. Dabei arbeitete sie zum ersten Mal in New York mit amerikanischen Spitzenmusikern und nahm neben Titeln von Joni Mitchell und Paul Simon drei Eigenkompositionen auf - die Diva als Singer-Songwriterin.

Kulturbotschafterin Südkoreas

Und Korea? "Musik ist die Sprache der Welt", sagt Nah, "ich verstehe mich als Brückenbauerin." Mit dem gleichen Repertoire, mit dem sie in Europa Erfolg hatte, gewann sie in Südkorea die höchsten Musikpreise. Die Koreaner lieben westliche Musik. Das vom Berliner Grips-Theater entwickelte Musical "Linie Eins", bei dem Nah zum Beginn ihrer Karriere mitspielte, erlebte in Seoul 4000 Aufführungen. Klassische koreanische Musik interpretiert Sun Nah, wenn sie - wie beim G20-Gipfel in Seoul 2010 oder bei der Abschlussveranstaltung der olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 - als Kulturbotschafterin Südkorea vertritt.

Das eingeschworen antikommunistische Land hat angebliche Nordkorea-Sympathisanten als Staatsfeinde verfolgt. 1967 kidnappten Geheimagenten den in West-Berlin lebenden südkoreanischen Komponisten Isang Yun und brachten ihn nach Seoul. Dort wurde der Avantgarde-Musiker in einem Schauprozess zu lebenslanger Haft verurteilt, aber nach weltweiten Protesten - mit Karajan, Strawinsky und Stockhausen an der Spitze - freigelassen. Isang Yuns Vergehen: Er war auf Einladung des kommunistischen Regimes von Ost-Berlin aus zu einem Besuch nach Nordkorea geflogen.

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Youn Sun Nah:
She Moves On

ACT; 13,99 Euro

Heute ist so ein skandalöser Rechtsbruch einer südkoreanischen Regierung unwahrscheinlich. Aber noch 2012 verhinderte der Familienhintergrund den Wahlsieg eines Präsidentschaftskandidaten: Weil der Linksliberale Moon Jae Sohn eines Flüchtlings aus Nordkorea ist, verweigerten ihm viele Bürger ihre Stimme. Der 64-jährige Menschenrechtsanwalt trat fünf Jahre später wieder an und betonte nun bei jeder Gelegenheit seinen "patriotischen" Wehrdienst bei einem Spezialkommando der südkoreanischen Streitkräfte. Diesmal gewann er die Wahlen.

Ein neuer Roman erzählt Koreas Geschichte

Koreas Geschichte von der Besatzung durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg, seine Teilung in ein kommunistisches und ein kapitalistisches Land im Kalten Krieg und das Leben der Menschen in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren bildet den Hintergrund des epischen Romans "Die große Heimkehr" von Anna Kim. Die 1977 in Südkorea geborene österreichische Schriftstellerin erzählt, wie drei Freunde versuchen, in der von Misstrauen, Gewalt und Armut geprägten südkoreanischen Gesellschaft zu überleben.

Werner Geiger/ Suhrkamp Verlag

Autorin Anna Kim

Johnny, der aus einer reichen Familie stammt, terrorisiert als Mitglied einer vom Regime gesponserten Schlägertruppe oppositionelle Studenten. Die Prostituierte Eve arbeitet für den amerikanischen Geheimdienst. Yunho, der seinen Lebensunterhalt als Arbeiter verdient, sympathisiert mit den Kommunisten in Nordkorea. Dabei liebt er den mit den Amerikanern ins Land gekommenen Jazz. Er spielt immer wieder Platten von Billie Holiday, deren Musik wie ein Leitmotiv durch den Roman klingt. Für Yunho waren "Jazz-Bars die besten Verstecke, die man sich vorstellen konnte. In ihnen gab es keine Politik, keinen Kommunismus, keinen Kapitalismus, keine Diktatoren, nur Musik, Jazz, Jazz, Jazz!"

Anna Kims Buch hat die Elemente einer Liebesgeschichte und eines Spionageromans; dabei schildert die Autorin Entwicklungen und Ereignisse, die in Europa wenigen bekannt sind. So sahen viele Südkoreaner anfangs in Kim Il Sungs Nordkorea mit seinen sozialen Einrichtungen den besseren der beiden Staaten. Zehntausende in Japan lebende Koreaner kehrten lieber dorthin heim als in den kapitalistischen Süden. Und Unterdrückung, Folter und Erschießungen von Andersdenkenden gab es in beiden Teilen des Landes, durch das sich seit fast 70 Jahren eine unpassierbare Grenze zieht.

"Heute sind die Nordkoreaner für uns weniger erreichbar als jedes andere Volk der Welt", sagt die Südkoreanerin Youn Sun Nah. "Mit unserer Kleidung sehen wir anders aus als sie, unsere Sprache klingt anders als ihre." Die sensible Sängerin nennt das "the saddest story" und bekennt: "Ich träume davon, in Pjöngjang aufzutreten."

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Anna Kim:
Die Große Heimkehr

Suhrkamp Verlag; 558 Seiten; 24 Euro.

insgesamt 2 Beiträge
30-06 18.06.2017
1. Vielleicht
sollte man sich klarmachen woher der Hass in Nord Korea auf alles US Amerikanische beruht: In a 1984 interview, Air Force Gen. Curtis LeMay, head of the Strategic Air Command during the Korean War, claimed U.S. bombs [...]
sollte man sich klarmachen woher der Hass in Nord Korea auf alles US Amerikanische beruht: In a 1984 interview, Air Force Gen. Curtis LeMay, head of the Strategic Air Command during the Korean War, claimed U.S. bombs "killed off 20 percent of the population" and "targeted everything that moved in North Korea." "Most Americans are completely unaware that we destroyed more cities in the North then we did in Japan or Germany during World War II... Every North Korean knows about this, it's drilled into their minds. We never hear about it," historian and author Bruce Cumings told Newsweek by email Monday. http://www.newsweek.com/us-forget-korean-war-led-crisis-north-592630
movfaltin 19.06.2017
2. Tja...
Da hat die Sängerin aber die Rechnung ohne die südkoreanische Gesetzeslage gemacht. Es ist - etwas anders als damals bei der DDR - nicht Nordkorea, das Südkoreaner von der Einreise abhält, sondern es sind südkoreanische [...]
Da hat die Sängerin aber die Rechnung ohne die südkoreanische Gesetzeslage gemacht. Es ist - etwas anders als damals bei der DDR - nicht Nordkorea, das Südkoreaner von der Einreise abhält, sondern es sind südkoreanische Gesetze, die jedem Bürger Südkoreas die Einreise in den Norden verwehren. Zwar würde auch Nordkorea die Zureise reglementieren und Einreisende Südkoreaner erstmal "aufwendig" checken, aber eben so wie bei bspw. US-Amerikanern auch. Derzeit ist "südkoreanisch" die einzige Nationalität, die - durch eigene Gesetzeslage - nicht nach Nordkorea darf. Im Süden wird genauso wie im Norden tatsächlich befürchtet, der andere Part könne sich in Teilen des gesellschaftlichen Systems als überlegen erweisen. Immerhin strebt Nordkorea zumindest nach außen eine Wiedervereinigung an; so heißt etwa die Partei von Herrn Kim sinngemäß "Partei für die Wiedervereinigung". Im Süden ist das Bestreben nach einer Wiedervereinigung in den letzten zwei Dekaden hingegen drastisch zurückgegangen. Grund sind neben den wirtschaftlichen Diskrepanzen auch harte propagandistische Anschwärzungen, Verhöhnungen und Verunmenschlichungen der Nordkoreaner. Leider gehört auch das zu den Verfehlungen in den koreanisch-koreanischen Beziehungen. In Nordkorea hingegen hetzt man vielmehr über die USA und stellt diese als barbarisch und unmenschlich dar. Eine freie Aggression des Nordens gen Süden ist vor allem durch den Koreakrieg noch in den Köpfen drin; klar, könnte sich ganz eventuell irgendwann ähnlich abspielen, vor allem im Wettstreit der Systeme, aber derzeit weist - zumindest ohne äußeren Anlass - wenig bis nichts darauf hin, dass ein Einmarsch von Norden aus gen Seoul oder Busan erfolgt. Eigentlich sind die Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung gar nicht so ungünstig. Wenn der Süden nicht extreme Hetzpropaganda betrieben hätte und nicht beide Systeme in Konkurrenz stünden (im Süden der recht freie Markt, im Norden der bemutternde Staat). Und wenn Kim mit einer Amnestie rechnen könnte anstatt mit irgendwelchen ostentativ drakonischen Strafen um Leben und Tod.
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