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Kultur

Neues Kesha-Album "Rainbow"

Das Partygirl macht Ernst

Partys, Bulimie und Vergewaltigungsvorwürfe: Viel war in jüngster Zeit von Kesha zu hören - nur keine Musik. Jetzt erfindet sich die ehemalige White-Trash-Diva neu.

AP
Von Ariana Zustra
Freitag, 11.08.2017   16:45 Uhr

Es ist schwer zu verstehen, warum Kesha als Popstar nicht ebenso präsent ist wie, sagen wir, Katy Perry oder Lady Gaga. Also einer der Größenordnung, von dem sogar die eigene Oma oder Tante schon mal gehört hat. Kesha Rose Pebert, geboren 1987 in Los Angeles, verkaufte bislang mehr als 60 Millionen Tonträger, erhielt allein für ihren Nummer-eins-Hit "TiK ToK" fünf Mal Platin und schrieb nicht nur all ihre Songs selbst, sondern auch welche für Miley Cyrus und Britney Spears. Sie ist seit zwölf Jahren im Musikgeschäft und platzierte Hits, die jeder schon mal gehört hat, von denen aber nicht jeder weiß, dass sie von ihr stammen.

Kesha, ehemals Ke$ha, war die Frau mit dem blauen Lippenstift, vielleicht, um sich von der Frau mit den blauen Haaren (Katy Perry) abzuheben. Oder vielleicht wurde sie auch mit dieser verwechselt, weil sie sich mit dem Durchlauferhitzer-Dancepop musikalisch nicht wesentlich von jener und all den anderen unterschied. Doch während Perry auf einer Party höchstens ein girl küsst, besiegt Kesha vermutlich in der Küche ein paar Kerle im Armdrücken, bevor sie anschließend noch irgendwo hinkotzt (wie zum Beispiel damals in den Kleiderschrank von Paris Hilton, kein Scherz). Die Sängerin hatte durch ihre Punk-Attitüde immer etwas schief Gewickeltes an sich.

Fotostrecke

Fotostrecke: Kesha und ihr neues Album "Rainbow"

Kesha nannte ihr Debütalbum "Animal" und verkleidete sich bei Bühnenshows als textmarkerfarbener White-Trash-Wanderzirkus. Sie selbst sagte, ihre übersexualisierte Bühnenpersona sei ein ironischer Kommentar zur übersexualisierten Musikwelt. Wenn Übertreibung eines der Merkmale von Satire ist, beherrschte Kesha diese mit links. Dumm nur, wenn die Adressaten das nicht merken.

Das böse Erwachen

Doch was wird aus dem Partymädchen, wenn die Party vorbei ist? Das böse Erwachen kam 2014: Erst landete Kesha wegen Bulimie in einer Klinik. Dann klagte sie ihren langjährigen Produzenten Lukasz Sebastian "Dr. Luke" Gottwald an, sie seelisch und körperlich misshandelt und sexuell missbraucht zu haben. Dieser reagierte mit einer Gegenklage wegen Verleumdung und warf ihr vor, sich auf diesem Wege vorzeitig aus ihrem Vertrag stehlen zu wollen. Eine einstweilige Verfügung gegen Gottwald wurde am 19. Februar 2016 fallen gelassen. Im Missbrauchsskandal solidarisierten sich unter dem Hashtag #FreeKesha Fans und Kolleginnen, Taylor Swift spendete 250.000 Euro.

Jahrelang gab es keine neue Musik von Kesha, und nun ist da das dritte Album "Rainbows". Ein Ergebnis ihrer Entwicklung ist die Single "Praying", eine Klavierballade (Klavier! Ballade!), die sie schon in beeindruckenden Live-Performances vorgestellt hat. Es ist unschwer zu erkennen, dass sich dieses Lied an ihren ehemaligen Produzenten richtet. Doch da das Gör kein Gör mehr ist, wünscht sie ihm nicht etwa die Pest an den Hals, sondern singt: "I hope you're somewhere prayin', prayin' / I hope your soul is changin', changin' / I hope you find your peace / Falling on your knees, prayin'."

Früher rächte sich Kesha am patriarchalischen Business, indem sie in Songs wie "Blah Blah Blah" Männer zum Objekt erklärte, während sie sich in der Performance selbst zum Objekt degradierte. Es war ein Dilemma, das in anderer Form an jungen weiblichen Popstars zu beobachten ist, die sich immer mehr die Klamotten vom Leib reißen in einem angeblichen Akt der Selbstermächtigung, bevor sie feststellen, dass dies widersinnig ist, und sich dann im darauffolgenden Level in einem weiteren Akt der Selbstermächtigung die Klamotten wieder anziehen. Kesha sang vom Außenseiterdasein, während sie dem Mainstream folgte und predigte Unabhängigkeit, während sie abhängig war von einem Mann, der ihr den Erfolg brachte und, wie sie sagt, die Hölle.

Ihren Absturz bereitet sie nun als Triumph auf, mit einem Powerfrauen-Pop, der die Massen berühren wird. Der Befreiungsschlag aus ihrer Krise ist die letzte Prüfung auf ihrer Heldenreise. Somit ist die wilde Kesha gewissermaßen der artigste, sprich perfekte Popstar, weil sie aus ihrem Leben die ideale Story macht.

Auf dem neuen Album ist sie nicht mehr geschmackssicher geschmacklos, sogar Instrumente sind auszumachen (gezupfte Gitarren!). Die besten Stücke sind jene, bei denen Kesha, die in Nashville aufwuchs, sich auf ihre Country-Wurzeln besinnt ("Spaceship"). Aber wie die Stücke im Detail klingen, ist fast egal. Das Beste an "Rainbows" ist, dass da ein Anliegen spürbar ist. Zum ersten Mal hat dieser Mensch eine Stimme, im wahrsten Sinne des Wortes (bisher war ja wegen ihres Quäkens und ausgiebigen Autotune-Einsatzes schwer herauszuhören, wie gewaltig sie singen kann).

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Kesha:
Rainbow

Audio-CD; Sony Music; 14,99 Euro

Gut, dass diese Künstlerin, der ein IQ von 140 nachgesagt wird, ihr Talent nicht mehr nur in Sauf-Songs ertränkt. Bitter, dass viele ihr Gesicht erst zur Kenntnis nahmen, nachdem es vor Gericht im Zuge eines Vergewaltigungsskandals weinte. Das ist es auch, was über die Biografie von Kesha hinauszeigt: das Machtgefälle im Musikbusiness, meist von einer Frau gegenüber Männern. Kesha macht sich nun vom Objekt zum Subjekt. Ein ehemaliges Partygirl, das sich als Diskurspop-Sprachrohr platzieren könnte - das ist also diese Kesha.

Mehr über neue Musik? Hier geht's zu unserer "Abgehört"-Kolumne.

insgesamt 3 Beiträge
normantrek 11.08.2017
1. Nicht alles selbst geschrieben
Es liest sich in Teiken wie ein Fanboy-Artikel, die Angabe dass sie "all ihre Songs selbst geschrieben" hat, ist nicht richtig. Insbesondere die Hits entstammen typischen Autorenkollektiven, in diesem Falle rund um Dr. [...]
Es liest sich in Teiken wie ein Fanboy-Artikel, die Angabe dass sie "all ihre Songs selbst geschrieben" hat, ist nicht richtig. Insbesondere die Hits entstammen typischen Autorenkollektiven, in diesem Falle rund um Dr. Luke. Steht auch jeweils in den Credits, ist also kein Geheimnis. Das Künstler trotzdem behaupten, massgeblich beteiligt gewesen sein, ist aus Authentizitätsgründen Usus. Deswegen unterscheidet sie sich kaum von ähnlichen Künstlern.
Besser_Meyer 12.08.2017
2. Bla Bla Bla
Totaly waste of Time. Autotune und mehr nicht.
Totaly waste of Time. Autotune und mehr nicht.
luisepf 12.08.2017
3.
Sehr schöner Artikel, sehr schön geschrieben. Über das Thema habe ich oft nachgedacht, finde es großartig auf den Punkt gebracht.
Sehr schöner Artikel, sehr schön geschrieben. Über das Thema habe ich oft nachgedacht, finde es großartig auf den Punkt gebracht.

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