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Kultur

Rolling Stones in Hamburg

"Irgendjemand hier aus Pinneberg?"

82.000 Zuschauer, Tickets für bis zu 25.000 Euro: Das Konzert der Rolling Stones in Hamburg war ein Auftritt der Superlative. Die Altrocker müssen irgendwo einen Zaubertrank versteckt haben.

Foto: DPA
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Sonntag, 10.09.2017   13:00 Uhr

Am Anfang gab es das übliche Gezeter: Die Rolling Stones sind zu alt, die Tickets für ihre Auftritte zu teuer. Bla, bla, bla.

Fest steht nach dem Samstagabend, an dem Mick Jagger und seine Gang ihre Europa-Tournee im Stadtpark zu Hamburg eröffneten, dass sie eindeutig nicht zu betagt für den großen Rock'n'Roll-Zirkus sind, den diese Briten so gut beherrschen wie keine andere Band.

Immerhin begann die Aufregung schon lange bevor die Stones die Manege überhaupt betreten hatten. Denn verblüffend viele Menschen bemühten sich nach der Ankündigung des Spektakels hysterisch um die kühn ausgepreisten Konzertkarten. Sogar zwei Tickets, die für jeweils 25.000 Euro einen warmen Händedruck der Altrocker beinhalteten, gingen weg. Die Spannung stieg, als am frühen Dienstagabend die bandeigene Boeing 767 mit großer, roter Zunge auf dem Helmut-Schmidt-Airport landete. Es war ein Aufblitzen eines lustigen, überkandidelten Größenwahns ganz alter Schule, wie er in diesem Jahrtausend eigentlich ausgestorben ist, um der sogenannten Vernunft zu weichen.

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Rolling Stones: "Moin, Hamburg! Guten Abend, Deutschland!"

Glamour statt Umweltschutz

Nachgewachsene Rockbands wie Radiohead bewegen sich auf Konzertreisen lieber mit der Bahn von Stadion zu Stadion, um die Ozonschicht zu schonen. Das ist selbstverständlich eine sehr lobenswerte Haltung, aber leider eben auch ein wenig trist, weil Glamour nun mal zum Rock'n'Roll gehört wie Gitarren und Verstärker. Egal, die hohe Kunst, eine Millionenstadt durch ihre bloße Anwesenheit in helle Aufregung zu versetzen, beherrschen die Rolling Stones immer noch weltmeisterlich. Jeder noch so lächerliche Schnappschuss vom Eingang "ihres" Hotels in der Hamburger Innenstadt landete sofort in Zeitungen und im Internet.

Nur das Wetter schien nicht mitzuspielen bei dieser großen Show. Zwei Tage lang hatte es selbst für Hamburger Verhältnisse so massiv geschüttet, als wollten die Regengötter die alten Rocker aus der Hansestadt spülen. Aber potzblitz verzogen sich auf wundersame Weise zwei Stunden vor Showbeginn alle Regenwolken, wie um den Rolling Stones die Ehre zu erweisen. Angemessen friedlich waren die 82.000 Ticketbesitzer seit dem Nachmittag zu der extra für die Band gebauten Bühne geströmt, hatten geduldig die jungen Isländer namens Kaleo erduldet, die den Abend eröffnen durften, und dazu viel Bier aus Rolling-Stones-Plastikbechern getrunken.

Punkt 20.30 Uhr begann dann der ganz große Rock'n'Roll-Zirkus. Die vier gewaltigen Videoleinwände flackerten rot und mit majestätischer Wucht erklang das Intro für "Sympathy for the Devil". Besser kann man eine Show kaum beginnen. Als dann für alle, die nicht für den Preis eines Gebrauchtwagens einen Sitzplatz direkt vor der Bühne erstanden hatten, die Stones auf den Videoleinwänden genauer zu inspizieren waren, wurde aber deutlich, dass die Künstler mindestens so alt aussehen, wie sie sind. Genaugenommen: steinalt. Insbesondere der große, charmante Charlie Watts - makellos im weißen Oberhemd -, der angeblich tatsächlich nach dieser Tour die Trommel-Sticks für immer einpacken will, sah keinen Tag jünger aus als 76. Über die tiefen Furchen, die das Leben im Dienste des Rock'n'Roll in den Gesichtern seiner Kollegen hinterlassen hat, wurden mehr als genug Scherze gemacht.

Rolling Stones in verblüffender Form

Geschenkt, denn gestern Abend war das völlig egal. Irgendwo müssen sie den Wundertrank aus den Asterix-Comics versteckt haben, denn sie waren in verblüffender Form. In einem Alter, in dem die meisten Menschen ihre Tage mit Heizdecken vor dem Fernseher verdämmern, beschworen sie in Hamburg mal wieder den Geist des Rock'n'Roll. Insbesondere Mick Jagger zappelte locker und durchtrainiert zweieinhalb Stunden lang über die gewaltige Bühne, wechselte öfter als Madonna das Outfit und scherzte ausgelassen mit dem Publikum, das er auf Deutsch mit "Moin, Hamburg! Guten Abend, Deutschland!" begrüßte. Später legte er nach, dass "ein paar gute Freunde aus Liverpool" ihnen verraten hätten, "dass Hamburg eine gute Stadt sei, um eine Karriere zu starten". Er fragte sogar, ob "irgendjemand aus Pinneberg" im Publikum sei (offensichtlich nicht), und ermahnte die Fans, sich besser zu benehmen als die Pink-Floyd-Verehrer, die einst den Stadtpark gestürmt hatten.

Mehr zum Thema - SPIEGEL BIOGRAFIE 4/2017

Dazu spielten Keith Richards und sein Kumpel Ronnie Wood mit lässigem Amüsement. Und auch Charlie Watts kam gut in Fahrt. Nach dem furiosen Beginn mit "Sympathy for the Devil" folgten Klassiker wie "It's Only Rock'N'Roll", "Tumbling Dice", "You Can't Always Get What You Want", "Paint It Black", "Honky Tonk Women", "Under My Thumb" und "Miss You". Leidenschaftlicheren Fans trieben selten aufgeführte Songs wie "Play with Fire" oder "Dancing with Mr D" Tränen des Glücks in die Augen. Gut gelangen auch die beiden Blues-Coverversionen vom aktuellen Album, die noch mal klarmachten, wie tief die Liebe von Jagger und Richards zu dieser Musik, die sie einst auf einem Londoner Bahnhof ins Gespräch brachte, immer noch sitzt.

Auch Richards schien glücklich, als er für zwei runtergemurmelte Songs ans Mikrofon trat. Nach dem unvermeidlichen Büro-Party-Renner "Satisfaction" sowie "Gimme Shelter" und "Jumping Jack Flash" war dann Schicht. Es blieb die Frage, ob nun diese Musik die Stones so belebt oder umgekehrt. Aber die noch immer ungetrübte Freude der Band an der Musik wurde mehr als deutlich. Mit Routine hatte das alles nur bedingt zu tun. Dass sie so aber nicht mehr lange weitermachen können, ist auch klar, denn sie steuern alle auf die 80 zu.

Vor dem Stadion verteilten freundlich lächelnde Christen ein Büchlein mit dem mahnenden Untertitel "Rockstars auf ihrer letzten Tour" an das Publikum auf dem Heimweg. Dort steht zu lesen, dass, "wer sich für Sex, Drogen und laute rhythmische Musik entscheidet", seine "eigenen Götter" gewählt habe. Gestern Abend zumindest waren es die richtigen.

insgesamt 152 Beiträge
bienchen-maja 10.09.2017
1. Fan
Liest sich für mich wie die undifferenzierte Erlebniserzählung eines Fans. Wo soll da der Wert für den Leser sein? Um Musik geht es in den Beitrag zumindest nicht.
Liest sich für mich wie die undifferenzierte Erlebniserzählung eines Fans. Wo soll da der Wert für den Leser sein? Um Musik geht es in den Beitrag zumindest nicht.
thd1958 10.09.2017
2. ... Es war ein Erlebnis ...
... das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Und wir waren dabei! Ich bin davon überzeugt, daß die Rollenden Steine in zehn Jahren allesamt nochmal in Hamburg vorbeirollen werden ... Jawoll!
... das ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Und wir waren dabei! Ich bin davon überzeugt, daß die Rollenden Steine in zehn Jahren allesamt nochmal in Hamburg vorbeirollen werden ... Jawoll!
primus_sucks 10.09.2017
3.
Genau aus den o. g. Gründen würde ich nicht zu einem Konzert der Stones gehen. Hier schreibt wohl ein wahrer Stones Fan, der ziemlich unkritisch das Spektakel beleuchtet.
Genau aus den o. g. Gründen würde ich nicht zu einem Konzert der Stones gehen. Hier schreibt wohl ein wahrer Stones Fan, der ziemlich unkritisch das Spektakel beleuchtet.
freddykrüger 10.09.2017
4. Lachkrampf
zitat - dass, "wer sich für Sex, Drogen und laute rhythmische Musik entscheidet", seine "eigenen Götter" gewählt habe.*- zitatende. Sex & Drugs & Rock "n" Roll? Man kann es auch ein [...]
zitat - dass, "wer sich für Sex, Drogen und laute rhythmische Musik entscheidet", seine "eigenen Götter" gewählt habe.*- zitatende. Sex & Drugs & Rock "n" Roll? Man kann es auch ein bißchen bösartiger formolieren. Viagra & Galama & Heizdecken.
eagle29 10.09.2017
5.
Ein super Kommentar, der mich an die letzten Auftritte bei der "Bigger Bang" Tour erinnert. Damals war die Band in ebenfalls in Hochform. In Sttuttgart kochte das Stadion bei Satisfaction derart, dass der sonst so [...]
Ein super Kommentar, der mich an die letzten Auftritte bei der "Bigger Bang" Tour erinnert. Damals war die Band in ebenfalls in Hochform. In Sttuttgart kochte das Stadion bei Satisfaction derart, dass der sonst so kontrolliert wirkende Jagger zu den Zuschauern runtersprang und sie reihenweise umarmte. Anscheinend lassen die Kerle nach...
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