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Kultur

Sänger Benjamin Clementine

"Die Welt ist kein abgefuckter Ort"

Bevor er als Musiker berühmt wurde, lebte Benjamin Clementine als Obdachloser in Paris. Jetzt erscheint sein zweites Album. Im Interview erläutert er, wie er darauf Düsternis in Licht verwandelt.

Getty Images
Ein Interview von
Freitag, 06.10.2017   22:16 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Clementine, laut Ihrem neuen Album sind sie ein "Alien of extraordinary abilities". Was genau bedeutet das?

Benjamin Clementine: Das stand genau so in meinem Visum für die USA.

SPIEGEL ONLINE: Eine sonderbare Formulierung.

Clementine: Sicher, das soll einen dran erinnern, dass man nicht dazugehört. Aber ich glaube auch, dass es sich dabei um ein notwendiges Übel handelt.

SPIEGEL ONLINE: Notwendig? Wie meinen Sie das?

Clementine: Es hilft einem zu realisieren, dass man am Ende ein Fremder bleibt. Man glaubt, Dinge zu besitzen, aber man ist doch nur ein Streuner in dieser Welt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein guter Ort für einen Künstler? Die Position als Fremder?

Clementine: Niemand hat das Recht zu sagen, was ein Künstler zu sein hat. Aber klar, ich glaube, dass die Position als Alien gut ist.

SPIEGEL ONLINE: Als solches finden Sie auf ihrem neuen Album eine ziemlich abgefuckte Welt vor.

Clementine: Das stimmt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Es geht auf "I Tell A Fly" ganz konkret um die Situation in Syrien, um das "Jungle" genannte Flüchtlingscamp im französischen Calais und um die rechtsextreme Front-National-Chefin Marine Le Pen.

Clementine: Trotzdem ist die Welt kein abgefuckter Ort. Das Problem ist die aktuelle Situation an manchen Orten. Und als Künstler muss ich darüber sprechen, zumindest über die Aspekte, die mich berühren.

SPIEGEL ONLINE: Darin unterscheidet sich "I Tell A Fly" von Ihrem Debüt. Sie schreiben darauf nicht mehr nur über Ihr Innenleben.

Clementine: Ich spürte eine Art Verantwortung. Ich habe es über die Jahre geschafft, mit mir selbst ins Reine zu kommen. Also war der nächste logische Schritt, mein Spektrum zu erweitern.

SPIEGEL ONLINE: Im Song "Phantom of Aleppoville" vergleichen Sie das Leid in Syrien mit Mobbing an Schulen. Vergreifen Sie sich da nicht etwas?

Clementine: In 50 Jahren, wenn der Krieg in Syrien hoffentlich längst vorbei ist, was glauben Sie werden die Leute von meinem Song denken? Er wird immer noch aktuell sein. Wir werden immer mit Mobbing zu tun haben.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind Bomben und Mobbing nicht ein ziemlich großer Unterschied?

Clementine: Ich habe jahrelang extrem unter Mobbing gelitten und es hat mich auf Jahre hin traumatisiert. Dasselbe passiert in Syrien, nur mit anderen Mitteln.

SPIEGEL ONLINE: In Aleppo müssen Kinder täglich um ihr Leben fürchten.

Clementine: Und es werden ständig Kinder zu Tode gemobbt. Ich möchte an die Wurzel des Problems. Und ich glaube, dass man die Menschen am besten erreicht, wenn man ihnen etwas erzählt, zu dem sie einen Bezug herstellen können. Nur wenige kennen das Gefühl, im Krieg zu sein. Aber viele wurden gemobbt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt, als wollten Sie ein bestimmtes Gefühl im Menschen wecken. Das Gefühl, hilflos zu sein.

Clementine: Leider funktioniert die menschliche Empathie über die Ähnlichkeit eines Umstands zu eigenen Erlebnissen. Deswegen spreche ich auf die beschriebene Art über solche Dinge. Und auch, weil ich es nur so kann.

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Benjamin Sainte-Clementine: Bomben und Mobbing

SPIEGEL ONLINE: Ursprünglich sollte das Album ein Theaterstück werden. Warum haben Sie sich doch noch umentschieden?

Clementine: Ich habe einfach gemerkt, dass ich für ein Theaterstück länger brauchen würde als bloß zwei Jahre. Aber das Theater bleibt ein Ziel, es passt einfach zu dem ständigen Transformationsprozess in meinem Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Welche Transformation findet denn auf "I Tell A Fly" statt?

Clementine: Das Album ist aus düsteren Themen geboren, verwandelt sie aber in Licht. Das ist wohl Leichtigkeit in meinem Kosmos. Während seiner Entstehung habe ich jedenfalls wesentlich mehr gelächelt. Das musste ich auch tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Clementine: Man könnte sagen, dass ich ein Sendungsbewusstsein entwickelt habe. Ich habe mich gefragt, was meine Ausstrahlung bewirkt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie kamen zu dem Schluss, dass sie ein positives Beispiel sein wollten?

Clementine: Genau. Oft sehen Musiker in politischen Songs unheimlich wütend aus. Aber ich bin überzeugt davon, dass ein wichtiges Thema in einem Lächeln verpackt viel besser zu den Menschen vordringt.

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SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich hat Ihr neues Album hinter all der Dunkelheit einige komödiantische Momente. In "Paris Cor Blimey" veralbern Sie beispielsweise Marine Le Pen als kleinen Stift.

Clementine: Man muss als Künstler verstehen, dass Menschen in erster Linie glücklich sein wollen. Wenn ich mit so einem Vergleich jemanden zum Lachen bringe ist, die Möglichkeit, dass die Person auch ein paar Tage später noch an das Thema denkt, ungleich höher.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen vom Lächeln, als sei es eine ungeliebte Arbeit.

Clementine: Ich lächele wirklich nicht gern, vor allem nicht auf der Bühne. Von daher war es schon ein Stück Arbeit für mich.

SPIEGEL ONLINE: Und jetzt ringen Sie sich eins ab, weil Sie Wut für die falsche Antwort auf die Probleme unserer Zeit halten?

Clementine: Manchmal müssen die Leute schon aufgerüttelt werden und, klar, auch ich bin wütend. Aber am Ende ist Wut immer destruktiv und disqualifiziert damit jeden guten Ansatz.

SPIEGEL ONLINE: Aber hat stiller Protest überhaupt noch die Kraft, sich in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie durchzusetzen?

Clementine: Denken Sie an Aktionen wie die von Rosa Parks, die 1955 verhaftet wurde, weil sie im Bus auf einem Sitzplatz für Weiße saß. Das würde heute, in Zeiten der sozialen Medien, noch besser gehen. Aber wer weiß, vielleicht ist auch alles okay so, wie es ist.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Clementine: Es tut weh, das zu sagen. Aber ohne das viele Leid und die menschlichen Schattenseiten hätten wir wesentlich weniger große Kunst und Kultur. Vielleicht gibt es doch so etwas wie eine Balance zwischen Gutem und Schlechtem in der Welt, die einfach unumgänglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen würden Ihnen jetzt antworten, dass die Balance in ihrem Leben in Richtung des Schlechten gekippt ist.

Clementine: Das kann man aber doch nicht so sagen. Trotz aller Probleme ist die Welt sicherer, als sie es jemals war. Das Problem ist eher, dass wir uns so fühlen, als sei alles schlimmer denn je.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden in der Schule gemobbt, sind mit 19 von zu Hause abgehauen und haben jahrelang in Paris auf der Straße gelebt. Nun sitzen Sie hier als bekannter Künstler. Können Sie uns nicht einen Rat geben, wie wir aus der Misere rauskommen?

Clementine: Vertrauen Sie sich selbst. Jeder Mensch weiß in seinem Inneren, wie alles besser wird. Wenn wir diesem Instinkt vertrauen, können wir alles schaffen.

insgesamt 3 Beiträge
fbroetgen 06.10.2017
1. Konzerterfahrung
Ich habe Herrn Clementine, auch wenn er sehr gut Musik macht, auf verschiedenen Konzertauftritten beim Haldern Pop Festival leider als extrem arrogant erlebt. Ständig hat er sich auf der Bühne über sein Publikum beschwert (zu [...]
Ich habe Herrn Clementine, auch wenn er sehr gut Musik macht, auf verschiedenen Konzertauftritten beim Haldern Pop Festival leider als extrem arrogant erlebt. Ständig hat er sich auf der Bühne über sein Publikum beschwert (zu laut, zu leise, zu fröhlich, zu traurig). Wer das Haldern Pop und seine Besucher kennt, weiß, dass alle Künstler dort mit offenen Armen empfangen werden.
zhejianghz 07.10.2017
2. Ich kannte...
...den Kuenstler nicht. Habe dann nachdem ich das Interview gelesen habe reingehört in seine Musik. Sehr, sehr poetisch und nachdenklich. Immer auch ein wenig sarkastisch. Gefällt mir sehr gut. Vor allem ,Jupiter, und ,God save [...]
...den Kuenstler nicht. Habe dann nachdem ich das Interview gelesen habe reingehört in seine Musik. Sehr, sehr poetisch und nachdenklich. Immer auch ein wenig sarkastisch. Gefällt mir sehr gut. Vor allem ,Jupiter, und ,God save the jungle, haben es mir angetan. Ich hoffe, dass noch viele sich an Ihm versuchen.
charlybird 07.10.2017
3. Ziemlich melodischer Einheitsbrei
mit theatralischer Bedeutungsschwangeritis, aber wer's mag. Ein paar Blue Notes mehr würden dem ganzen auch gut tun. Vielleicht sollte er tatsächlich schreiben. Für meine Begriffe gibt und gab es in dem Genre aber schon, [...]
mit theatralischer Bedeutungsschwangeritis, aber wer's mag. Ein paar Blue Notes mehr würden dem ganzen auch gut tun. Vielleicht sollte er tatsächlich schreiben. Für meine Begriffe gibt und gab es in dem Genre aber schon, zumindest musikalisch, deutlich besseres. Aber ich kenne die Klientel, die das mag. :-) Dennoch, schöne Karriere, aber er sollte den Messias in sich etwas zurücknehmen.
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