Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Abgehört - neue Musik

Old funky Nobody

Mit P-Funk gegen die Verhärtungen des Zeitgeists: Maurice & Die Familie Summen machen Diskurspop groovy. Außerdem: Billy Corgan wird seriös, Fünf Sterne deluxe bleiben albern, The Weather Station befreit sich.

Von und
Dienstag, 10.10.2017   17:04 Uhr

Maurice & Die Familie Summen - "Bmerica"
(Staatsakt, seit 6. Oktober)

Ist Konservatismus die neue Avantgarde? Könnte man drauf kommen, wenn man sich das neue Album des Berliner Staatsakt-Labelchefs, Musikers (Die Türen, Der Mann) und DJs Maurice Summen anhört: "Nichtantworten ist das neue Nein" heißt es da ganz smartphonepessimistisch, vor den ganzen "traurigen Gesichtern" vor den Tinder-Monitoren in der Stadt bleibt nur die Flucht aufs Land, wo sich "Mensch und Mensch ohne Maschine" vereint. Summen, reaktionärer Gedanken vollkommen unverdächtig, will plötzlich seine "alte Zeit zurück" und pocht auf sein "Recht auf Unerreichbarkeit". Dazu nostalgisiert er die Musik seiner Kindheit und Jugend, den Funk und Soul, den sein Vater einst in der westfälischen Provinz auflegte. Was ist denn da los?

Spätestens in "Zeit zurück", zur Hälfte dieses hochgradig eklektischen Albums, bekommt Summens Retroseligkeit einen Dämpfer von Deichkind-Rapper Kryptik Joe: "Also Maurice, sag, wo willste hin? Dit is Schnee von gestern, mehr ist nicht drin", hält er ihm über freijazzendem Saxofon und stolpernden Beats berlinernd vor - und Summen gibt zu, dass er sein Publikum mal wieder an der Deutungsnase herumgeführt hat: "Ciao-ciao Moderne, hallo romantische Vorstellung" säuselt er selbstironisch im Refrain. Nix war früher besser, man muss das Beste aus dem Jetzt machen, alles andere ist nur Verklärung.

ANZEIGE

"Zeichen des Widerstands sind wichtig", heißt es gleich zu Beginn. Widerstand heißt bei Summen, einem der klügsten Musiker und Texter der Republik, aber auch schon immer: Nicht blindlings in die Rolle rückwärts, aber auch nicht in den urbanlinksprogressiven Mainstream-Flow verfallen, mit den "feindlichen Gedanken" leben, den Zweifel lieben. Und im Zweifel eben auch mal ein Funk-Album aufnehmen, um die Verhärtungen im Zeitgeist zu lockern.

Wenn Weiße Funk spielen, ist das schon cultural appropriation? Dazu müsste man wohl mal Silvester "Sly" Stewart befragen, dessen von Summen im Bandnamen gewürdigte "Family Stone" die erste multiethnische Funk-Band war - und auch Nicht-Afroamerikaner ins Genre einlud, von Daryl Hall bis Steely Dan, von Can bis Kurt Hauenstein. An dessen Supermax-Hit "Lovemachine" erinnert Summen in "Kommerzialisierung", einem pumpenden Abgesang auf den Fetisch Geld: "Die Kommerzialisierung der Welt/ Hat uns nichts gekostet… na gut/ ein bisschen den Verstand".

Andreas Borcholtes Playlist KW 41

SPIEGEL ONLINE

01 Maurice & Die Familie Summen: Klima

02 Blumfeld: Pro Familia

03 Steve Winwood: Night Train

04 Fünf Sterne deluxe: Moin Bumm Tschack

05 Fantasma Goria: Boof Bäng Pow

06 Kelela: LMK

07 Siriusmo: Dagoberta

08 Destroyer: Tinseltown Swimming In Blood

09 Björk: The Gate

10 Ben Frost: A Sharp Blow In Passing

Der sinistere Groove von "Die feindlichen Gedanken" zitiert mit Steve Winwood ein weiteres Weißbrot der Funkgeschichte, der Lethargie-Sermon "#Bock" streckt sich die aus dem Label-Umfeld rekrutierte Allstar-Band nach dem P-Funk und Proto-Rap von Blowfly oder Parliament. Der achtminütige Bonus-Track "Ich und meine multioptionale Gesellschaft" schließlich ist ein "Tobacco Road" für eine Generation Qual-der-Wahl, die Identität nicht mehr geografisch, sondern im Warenregal verortet: "Craft-Bier oder Becks", "Lady Gaga oder Miley Cyrus", "The Wire oder Breaking Bad", "Aufstehen oder Liegenbleiben", "Huhn oder Ei"? "Verhafte dich, Baby", fordert Summen gegen die Halt- und Haltungslosigkeit des digitalisierten Zeitalters.

Für den deepen Groove von Summens musikalischer Zeitreise zwischen Kurtis Blow und Holger Czukay sorgten die Produzenten Olaf Opal (Liquido, Die Sterne) und Michael Mühlhaus, der einst Kante- und Blumfeld-Platten betreute. Blumfeld ist ein gutes Stichwort. Denn wie die Familie Summen mit ihrem B-Movie-Projekt "Bmerica" einen musikalischen Kontrast zu herrschenden Indie-Dogmen schafft, das erinnert an "Old Nobody", jenes für alte Fans nachhaltig irritierende Album, mit dem sich die Hamburger Diskursrockband 1999 orchestralem Pop öffnete - und damit Codes lockerte.

"Code is Law, aber Programmieren ohne Gewissen ist Kot, also Scheiße", weiß auch Summen. Im großartigen Öko-Gospel "Klima" spricht er wie damals Jochen Distelmeyer in "Pro Familia" seinen Text und entwirft, über Krautrock-Space-Funk-Schunkeln plaudernd ein Panorama der deutschen Zerstreutheit 2017: "Ist das noch Wetter oder schon Klima?" Play that funky music, white boy. (9.0) Andreas Borcholte

William Patrick Corgan - "Ogilala"
(BMG, ab 13. Oktober)

Der Zeitpunkt, an dem Billy Corgan den Kontakt zu den Dingen verloren hat, lässt sich einigermaßen präzise festlegen: Irgendwann nach dem vierten Smashing-Pumpkins-Album "Adore", welches bereits das Dokument einer zwischenmenschlichen Verwüstung war, entfernte sich Corgan nicht nur endgültig von seinen Mitmusikern. Der Mann, der einer der begabtesten Songschreiber seiner Generation war, wurde auch von seiner Inspiration verlassen. Manche meinen: Spätestens damals verlor der chronisch beleidigte Egomane außerdem den Kontakt zur Realität.

Das Werk der Jahre danach, 20 sind es inzwischen, war jedenfalls wenig geeignet, den Ruhm Corgans zu mehren. Nun aber ist ein Wunder geschehen: Zum vielleicht ersten Mal in seinem Leben hat Corgan auf jemand anderes gehört als sich selbst. Rick Rubin war es, der dem Trotzkopf empfahl, auf monatelange Verfeinerungsarien in teuren Studios zu verzichten und seine neuen Songs so reduziert wie möglich aufzunehmen: alleine, live, nur mit der Gitarre.

ANZEIGE

Besondere Anstrengung war für Rubin bei diesem Konzept nicht vonnöten, das konsequente Runterstrippen ist seit seiner Zusammenarbeit mit Johnny Cash geringfügig variierter Markenkern der Arbeitsweise des US-Produzenten.

Mit dieser Philosophie ist Rubin in Zeiten von Autotune und Cloud-Rap ebenso wie Corgan eine Figur der Neunzigerjahre, aber eine weitgehend unbeschädigte.

Daran wird auch "Ogilala" nichts ändern. Von der Verwendung seines vollständigen Namens verspricht sich der nun 50-jährige Corgan einen Zuwachs an Seriosität. Rubin hat die kargen Gitarrenlieder hübsch mit Klavier- und gelegentlichen Streicherpassagen ausgekleidet, wobei er behutsam und dramaturgisch nachvollziehbar vorging. So rücken zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Elemente in den Vordergrund, die für den frühen Corgan elementar waren: Zweifel, Verwundbarkeit, die Sehnsucht nach Liebe.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Dabei hatte Corgan ursprünglich an einer neuen Smashing-Pumpkins-Platte gearbeitet. Doch dann überkamen ihn Zweifel: Wie konnte er alleine eine Band sein? Er nahm wieder Kontakt zu Bassistin D'arcy Wretzky auf, versöhnte sich mit Drummer Jimmy Chamberlin und sogar mit Gitarrist James Iha. Corgan bereiste die Straßen der USA und notierte für "Ogilala", was er sah.

Bessere Songs hat er lange, sehr lange nicht geschrieben. "Zowie" ist eine Hommage an David Bowie, der seinen Sohn so genannt hatte, "Half-Life Of An Autodidact" ist so sehr Folk, wie es diesem Mann möglich ist, "The Spaniards" eine herrlich sehnsuchtsvolle Traummusik. "It's a long way to get back home", singt Corgan in "Processional". Die Gitarre spielt der alte Kumpel Iha. William Patrick Corgan, der früher Billy hieß, scheint angekommen zu sein. (8.0) Torsten Groß

The Weather Station - "The Weather Station"
(Paradise of Bachelor/Cargo, seit 6. Oktober)

Im Flugzeug einzuschlafen, gehört zu den alltäglichsten Selbstverständlichkeiten. Aber auch zu den mutigsten. Wenn man mal drüber nachdenkt, dass man sich kilometerweit über der Erde in die Hände eines Piloten begibt, den man nicht kennt und nie gesehen hat, in die zweifelhafte Obhut einer tonnenschweren Blechbüchse, angesichts derer man sich immer schon gefragt hat: Himmel, wie fliegt das Ding!?

Tamara Lindeman erkennt die Tollkühnheit in solchen beiläufig-existenzialistischen Situationen und ihren transformativen Wert: "I fell asleep on the plane and I woke up strange, twisted in the pale blue seat/ An hour gone by (…) I spent my whole life thinking I was some kind of coward", singt sie in "Power" in der Mitte ihrer vierten Veröffentlichung als The Weather Station. Es ist zugleich das bisher souveränste und beste Album der Sängerin aus Toronto.

Lindeman machte sich in den vergangenen Jahren einen Namen in der kanadischen Folk-Szene als Joni-Mitchell-Enkelin. Ihre bis dato sparsam arrangierten Songwriter-Kurzgeschichten mit Banjo, Gitarre und Appalachen-Atmosphäre wurden auch schon mit den späten Alben Bill Callahans verglichen. Auf dem Cover ihrer bisher erfolgreichsten Platte, "Loyalty" von 2015, wandte sie ihrem Publikum noch den Rücken zu, jetzt zeigt sie sich in Schwarzweiß, ganz unprätentiös, in Ganzkörperpose von vorne: full disclosure.

ANZEIGE

Das gilt auch für ihre Musik, die sich mit neu gefundener Vehemenz in komplizierte Beziehungsdramen hineinfühlt - und sie wortreich analysiert: "I don't know what to say, so I talk too much", singt sie einmal, im lakonischen Aimee-Mann-Modus, "And maybe through it all you felt a shiver at my touch". Dass man durch die dicht gewebten Texte hindurch tatsächlich viel fühlt, dafür sorgt die glasklare, sanft elektrifiziert dahinperlende Musik, die Lindemans sprudelnden Bewusstseinsstrom mal in zupackenden Roots-Rock kanalisiert ("Thirty", "Kept It All To Myself"), mal in verhaltenem Talking-Blues oder naturmystischem Folk-Fingerpicking fließen lässt ("In An Hour").

"All these years I have followed you/ It never occured to you to follow me", stellt Lindeman im emanzipatorischen Eröffnungssong "Free" fest, bevor sie sich mit neuer, weit herausatmender Freiheit alles von der Seele singt. Dieser ganz und gar beflügelnde Superhelden-Moment, wenn man aufwacht, feststellt, dass man noch lebt - und fliegt. (8.2) Andreas Borcholte

Fünf Sterne deluxe - "Flash"
(Warner, seit 6. Oktober)

Die alten Männer sind zurück. Ach nee, den Gag haben Tobi Tobsen und Das Bo ja schon vor, Achtung, 17 Jahren verbraten. So lange liegt das letzte Album der Hamburger Hip-Hop-Gruppe Fünf Sterne deluxe zurück. Das Comeback, das natürlich nicht so genannt werden soll, wird nun fast einhellig verrissen, mit einer gnadenlos miesen Laune, von der man sich letztes Jahr, bei der kurios umjubelten Wiederkehr der Beginner, mehr gewünscht hätte.

Aber in Hamburg (mit ch am Ende) gibt man sich zwar gerne derbe, man ist jedoch auch krüsch. Soll heißen: Irgendwann ist ja auch mal gut mit dem Rumalbern. Womit genau es sich der Tobi und das Bo, Marcnesium und DJ Coolmann, die einst, noch vor der Eimsbush/Mongo-Clikke, zusammen mit Fettes Brot und Fischmob die Urzelle eines anarchischen Waterkant-Raps bildeten, bei der sonst gerne retroseligen Kritik verscherzt haben…, weiß man nicht so genau. Anfeindungen aus dem Lager der Krediblen gab es schon früher, das nachhaltige Abwinken könnte aber, türlich, türlich, Digger, etwas mit der in den Nullerjahren vielleicht etwas zu uncool ausgelebten Euro-Trash-Neigung von Bo zu tun haben.

ANZEIGE

Der Credibility-Code für die mittelalten Hip-Hop-Survivor von der Elbe geht also aktuell folgendermaßen: Beginner: Kult. Deichkind: cool. Fettes Brot: niedlich. Fünf Sterne deluxe: Pffff. Oder, um es aus einem der besten und bekanntesten FSD-Songs zu zitieren: "Haha, ganz lustig, was Ihr da macht/ Aber Ihr wirkt auf mich, wie ausgedacht" Haha. Jaja. Deine Mudder.

Die Wahrheit ist: "Flash" ist gar kein übles Album. "Moin Bumm Tschak", "Ichsen & Ihmsen", Inspektor Jabidde" und auch das selbstbeweihräuchernde "SMS" sind geradezu klassische Fünf-Sterne-Hits, die es mit dem alten Scheiß locker aufnehmen können. Wer in diesem Spaßbad der gereimten Kalauer nach festem Grund, belastbarer Haltung oder gar innovativen Beats sucht, hat das Thema verfehlt. Wahr ist aber leider auch: In den anderen 15 Stücken, irgendwo zwischen "Beatboxrocker", "Bleibmalogga", "Bruzzelbude" und "Endrille", stellt sich ein ungutes Fips-Asmussen-Feeling ein: Früher hat man drüber gelacht, heute ist's einem 'n büschen peinlich. (5.0) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Sagen Sie Ihre Meinung!
Newsletter
Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP