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05.05.2011
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Amtlich

Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Liebe Indie-Kinder, bitte hier jetzt nicht weiterlesen, das tut nur weh. Jan Wigger und Thorsten Dörting besprechen in der neuen Kolumne "Amtlich" nämlich Metal-Alben - jeden ersten Donnerstag im Monat. Zur Premiere: Pathos von Primordial, die Pentagram-Oma und Liebeslyrik mit Blood Ceremony.

Pentagram - "Last Rites"
(Metal Blade)

Ein neues Studioalbum von Pentragram? Einen Dokumentarfilm ("Last Days Here - It's A Long Way Back From Hell"), den ich in diesem Leben nicht mehr sehen werde? Dass wir das noch erleben dürfen! Nicht nur, dass schon der erste Song "Treat Me Right" zeigt, wo mindestens ein Dutzend Songs von Monster Magnet ihren Ursprung haben (nein, nicht nur bei Blue Cheer und Hawkwind). Vielmehr ist es als biblisches Wunder zu betrachten, dass Sänger Bobby Liebling noch unter den Lebenden weilt: Er ist durchs Heroin gewatet, hat im Crack gebadet und tausend Dollar am Tag verdrückt, verschnupft, verraucht und versoffen. Nach vierzig Jahren Drogenkarriere haut er nun mit "Last Rites" ein Album raus, das noch einmal tonnenschweres Iommi-Riffing, bleiernen Doom und gnadenlos eingängigen Heavy Rock virtuos zusammenführt. Natürlich ist ein Großteil der Stücke alt bis uralt, doch wie Lieblings Leidensgenossen einem hier die hooklines um die Ohren hauen, ist mehr als feierlich. Das abschließende "Nothing Left" zermalmt auf einen Schlag all jene Bands, die es gewagt hatten, Pentagram in Sachen Glaubwürdigkeit, trueness und Authentizität nachfolgen zu wollen: "Well, we might as well give up today/ Because there's nothing left for us anyway/ Alright!". Inzwischen ist Liebling clean. Wünschen wir ihm alle einen neuen Lebenssinn. (Gesamtwertung: 8) Jan Wigger

Anspruch: From Cream to Hendrix. Alle Nörgler dürfen schon mal einpacken. (9)

Artwork: Nicht mal halb so beschissen wie das Cover der neuen U.D.O-Platte "Rev-Raptor". (6)

Aussehen: Bobby Liebling hat zwar eine dreißig Jahre jüngere Freundin, sieht aber nach wie vor aus wie 100. The drugs didn't work. (5)

Aussagen: Glaubt an Gott (oder den Teufel), haltet euch von Drogen fern und mietet eine 30 Jahre jüngere Freundin - sonst seht auch ihr aus wie eure eigene Oma. Kann man das Leben besser zusammenfassen? (9)


Primordial - "Redemption At The Puritan's Hand"
(Metal Blade)

Man kann sich hier zum Einstand ja ruhig mal unbeliebt machen und einwerfen, dass viele irische Rock- und Folkmusiker mit ihrer Jammerlappen-Mucke eine wahre Pest sind, mit ihrem weinerlichen, über-melancholischen Anti-Oppressor-Quatsch, diesem gälisch phrasierten Rumgeheule. Sicher, schön war's nicht mit all den englischen Gemetzeln von Lordprotektor Cromwell bis hin zu General Maxwell, und als nach der Great Famine das Land entvölkert auf der Weltkarte herumlag, hat ja zu Recht auch keiner drüber gelacht, aber: Get the fuck over it, kein Grund, sich in Opferschmerz zu ersäufen. Primordial allerdings dürfen das. Und zwar, weil die fünf Iren im Winter regelmäßig vor die Cliffs of Moher ins Meer gestellt und dort festgekettet werden, um im sturmumtosten Ozean ein neues Album einzuspielen. Was erklärt, woher die Riffwellen herrühren, die hier beharrlich anbranden, woher diese existentielle Verzweifelung kommt, aber auch diese brodelnde Wut - denn wenig ist ja so eindeutig vergeblich wie, haha, die Hoffnung, auch noch die siebte Plattenproduktion im eiskalten Atlantik zu überleben. Im Szenesprech sortieren die üblichen Gebrauchtphrasenhändler Primordial oft in die Schubladen Celtic, Pagan oder Folk Metal ein, was unverschämt ist, denn das suggeriert eine Nähe zu dudeligen Mittelaltermarkt-Rock-Gauklern im Stile von Die Apokalyptischen Reiter. Dabei ist das hier die allerreinste Wucht, ohne Gefiddel und Gegniedel, einfach ein gewaltiger und gewalttätiger Trauergesang. Wer Songs wie "Lain With The Wolf" oder "The Puritan's Hand" allerdings hymnisch nennt, weiß nicht, dass Hymnen von begeisterten Massen intoniert werden, um zu preisen und zu loben. An dieser Stelle M. Night Shyamalan zu paraphrasieren, trägt zu mehr Verständnis bei: Ich höre tote Menschen. (Gesamtwertung: 8) Thorsten Dörting

Anspruch: Kunstfertiges Pathos mit Bizeps. (8)

Artwork: Mittelalterliche Rätselbilder für Hobby-Semiotiker, allerdings eher Dan Brown als Umberto Eco. Dafür in dezentem braun-weiß gehalten, das passt sogar zu "Benno"! (7)

Aussehen: Hätte Mittelerde einen Rotlichtbezirk mit Ork-Puffs, die Türsteher dort sähen aus wie Sänger Alan Nemtheanga. (8)

Aussagen: "We spent the small hours/ Staring into the void/ Between sleep and dreams/ That stretch from the womb to the grave". Sartre für Schrate. (7)


Blood Ceremony - "Living With The Ancients"
(Rise Above Records)

Schauen Sie Alia O' Brien nicht ins Gesicht: Ihre Schönheit tut weh. Obschon sie ihr junges Leben bereits jetzt an allerlei Teufelszeug, Splatterkram und unheilige Spielzeuge verschwendet hat, spielt sie bei der kanadischen Band Blood Ceremony Orgel und Flöte, stiert wie besessen ins Leere und singt wie Jinx Dawson von Coven. Sie würde ihre Großmutter verkaufen, um nur ein einziges vierstündiges Gespräch mit Ian Anderson führen zu dürfen, weshalb das Instrumental "The Hermit" klingt wie ein einziges Liebesgedicht an Jethro Tull. "My Demon Brother" ist der schwer stampfende Superhit der Platte, das mehrteilige, brillante "Morning Of The Magicians" schwebt acht Minuten lang zwischen Jam-Rock, Nachtgebet und dem süßen Wahn einer Flötistin von höchsten Gnaden. Das "The Anti Kosmik Magick" von Blood Ceremony heißt "Daughter Of The Sun": Zehn Minuten, die mich sogleich und mit voller Wucht dorthin zurückspuckten, wo ich eigentlich hingehöre: Ins Jahr 1971. (Gesamtwertung: 7) Jan Wigger

Anspruch: Wie man in härteren Kreisen so sagt: "Ein wertiges Gesamtpaket". (8)

Artwork: Klassische Black Widow/Kenneth-Anger-Schule. Don't fuck with them! (8)

Aussehen: Alia O' Brien. Diese drei Metal-Typen spielen halt auch noch mit. (8)

Aussagen: Haben ihre Jugend mit Snuff Movies und William Somerset Maugham verbracht. Besser geht es nicht. (9)


Tides From Nebula - "Earthshine"
(Mystic Production/Soulfood)

Sicher, es ist ein zweifelhafter Akt positiver Diskriminierung, Tides From Nebula hier nur zu besprechen, weil die Band aus Polen stammt und man selbst gern dort Zeit verbracht hat, aber mit manchen Vorwürfen muss man halt leben, was soll's. Die Promotion-Legende jedenfalls besagt, dass die Postrock-Klugscheißer aus Warschau sich zur Produktion ihres zweiten Albums in die Berge ihrer Heimat zurückgezogen haben, vermutlich ist die Hohe Tatra gemeint, sonst ist das Land bekanntlich ja eher flach. Wer nun mal, wie eben der Autor dieser Zeilen, das Glück hatte, durch dieses Gebirge gefahren zu sein, vielleicht sogar außerhalb der betriebsamen Ski-Saison, der wird viel mit diesen Klanggebilden anfangen können, die die vier hier ohne das genretypische Laut-Leise-Langsam-Schnell-Geruckel leichthändig dahinpinseln: Gesanglose, fein gewobene Gitarrenteppiche, auf denen man sich erst mal eine Weile zur Ruhe legen kann, bevor man weiter in Richtung Osten aufbricht, zum Beispiel in die verwunschene Karpatenukraine, wo Gerüchten zufolge sich jedes Jahr mindestens acht Menschen in Nebelbänken schlicht und einfach freiwillig selbst auflösen, weil sie sich sonst nichts Schöneres mehr für ihre Leben vorstellen können. Wer Naturlyrik grundsätzlich nicht mag, sollte "Earthshine" lieber nicht anfassen. Für alle anderen geht's nach der Ukraine weiter: ins bitterwarme "Sibiria", dem besten Track des Albums. (Gesamtwertung: 6,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Caspar David Friedrich mit Klampfe. (7)

Artwork: Eine dunkle Sabsch-Wolke wabert aus einem Düsterwald in einen orangeroten Himmel hinein. Nur für Freunde dunkler Sabsch-Wolken. (4)

Aussehen: Bleiche, hagere junge Männer mit Kurzhaarschnittversuchen, die graumelierte Kapuzenpullis oder Oberhemden in einer Farbe tragen, die mal anthrazit gewesen sein mag - Polen in Postrocker-Uniform halt. (5)

Aussagen: Mein Kopf hängt tief herab, aber nur aus Nachdenklichkeit. Umbringen würde ich mich (Goth Metaller) oder dich (Black Metaller) nie. (7)


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

Forum

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insgesamt 54 Beiträge
1. Primordial
patpong records 05.05.2011
---Zitat--- Aussehen: Hätte Mittelerde einen Rotlichtbezirk mit Ork-Puffs, die Türsteher dort sähen aus wie Sänger Alan Nemtheanga. (8) ---Zitatende--- Wunderschön formuliert^^
---Zitat--- Aussehen: Hätte Mittelerde einen Rotlichtbezirk mit Ork-Puffs, die Türsteher dort sähen aus wie Sänger Alan Nemtheanga. (8) ---Zitatende--- Wunderschön formuliert^^
2. Titel
n-less 05.05.2011
Über "eine Nähe zu dudeligen Mittelaltermarkt-Rock-Gauklern im Stile von Die Apokalyptischen Reiter." stolpert man da aber schon ein wenig... Natürlich gibt es Songs wie diesen hier [...]
Über "eine Nähe zu dudeligen Mittelaltermarkt-Rock-Gauklern im Stile von Die Apokalyptischen Reiter." stolpert man da aber schon ein wenig... Natürlich gibt es Songs wie diesen hier (http://www.youtube.com/watch?v=6IO7S6a_mqs), aber die Regel war ja immer eher etwas wie das hier (http://www.youtube.com/watch?v=16IVlktx4Bk).
3. Endlich!
bigsam 05.05.2011
mal eine Metal-Musik Besprechung in SPON! Sonst sind da immer nur schwurblige Pop und Jazzbesprechungen zu lesen, das kann ja nicht sein...
mal eine Metal-Musik Besprechung in SPON! Sonst sind da immer nur schwurblige Pop und Jazzbesprechungen zu lesen, das kann ja nicht sein...
4.
kuriosos 05.05.2011
lulz es gibt keine guten metal alben mehr. erledigung durch zeitablauf. warum macht ihr jetzt auf berufsjugendlich und besprecht eine aussterbende nischenkultur mit atavistischem akustik verständnis? gibt es hier bald auch jazz [...]
lulz es gibt keine guten metal alben mehr. erledigung durch zeitablauf. warum macht ihr jetzt auf berufsjugendlich und besprecht eine aussterbende nischenkultur mit atavistischem akustik verständnis? gibt es hier bald auch jazz besprechungen? dann könntet ihr die rubrik die ewig gestrigen oder bedrohte arten oder so nennen.
5. Bravo SPON
metaller16 05.05.2011
Gut daß es jetzt so ne Kolumne gibt. Metal rules. /../
Gut daß es jetzt so ne Kolumne gibt. Metal rules. /../

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