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10.02.2012

Deutsche Indie-Labels

"Wenn wir es nicht machen, macht es keiner"

Deutsche Indie-Labels: Gemütlich in der Nische?
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Knut Claßen

Zwei Labels, zwei Bands - zwei Welten? Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch und Türen-Chef Maurice Summen sind nicht nur Musiker, sondern auch Betreiber einflussreicher Indie-Labels. Im Doppelinterview sprechen sie über ihr Erbe als Punks, neue Verdienstmodelle und wie lang sie selbst noch durchhalten.

Was überwiegt: die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede? Mit gefühlvollen deutschen Texten und klassischem Gitarrenrock haben Marcus Wiebusch und seine Band Kettcar die Charts gestürmt. Gleichzeitig ist Wiebusch einer der Mitgründer des Hamburger Indie-Labels Grand Hotel Van Cleef, auf dem Acts wie Tomte und Thees Uhlmann erscheinen. An diesem Freitag veröffentlichen Kettcar ihr neues, viertes Album "Zwischen den Runden".

Ebenfalls deutschsprachig, aber mit politischem Akzent sind die Bands von Staatsakt: Ursprünglich von Maurice Summen mitgegründet, um die Platten der eigenen Band Die Türen herauszubringen, ist das Berliner Indie-Label mittlerweile auch die Heimat von Ja, Panik und Christiane Rösinger. An diesem Freitag erscheint nun

die neue, ebenfalls vierte Platte von den Türen "ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ".Zwei Labels, zwei Bands, zwei Alben. Und auch zwei Welten?

Zeit für ein Gipfeltreffen zwischen Maurice Summen und Marcus Wiebusch.

SPIEGEL ONLINE: Marcus, Maurice - Sie treffen sich hier zum ersten Mal. Läuft man sich in der übersichtlichen deutschen Musikszene nicht zwangsläufig über den Weg?

Wiebusch: Als Bands lernt man sich eigentlich nur auf Festivals kennen oder wenn man in derselben Stadt und im selben Kiez wohnt. Aber solche Überschneidungen gibt es bei uns nicht. Außerdem sind unsere Labels zwar beide Independent-Labels, sie bewegen sich aber doch auf anderen Ebenen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie denn das Profil von Staatsakt beschreiben?

Wiebusch: Das ist für mich sehr geprägt durch die zwei Schwergewichte Ja, Panik und Bonaparte.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das musikalisch und inhaltlich genau?

Wiebusch: Allein Ja, Panik und Bonaparte sind so unterschiedlich, da tu ich mich schwer, das noch zu labeln. "Indie" ist ja ein so hohler Begriff.

SPIEGEL ONLINE: Maurice, wie würden Sie das Profil von Grand Hotel van Cleef beschreiben?

Summen: Das ist bei mir auch durch zwei Bands, nämlich Kettcar und Tomte, bestimmt. Die würde ich, was ihren Singer/Songwriter-Ansatz betrifft, musikalisch weniger als Indie denn als Emo bezeichnen.

Wiebusch: Den Begriff Emo kann ich für uns nicht gelten lassen. Damit verbinde ich Kajal und eine gewisse Weinerlichkeit - beides wirst du bei Kettcar doch sehr wenig finden. Aber natürlich haben wir von Anfang bewusst Emotionen in unsere Musik und unsere Texte gebracht. Wir wollen mit unseren Songs berühren und das, ohne den Intellekt zu beleidigen. Trotzdem sind unsere Texte offenbar für bestimmte Leute ein rotes Tuch, weil sie - gerade in Hamburg - gewohnt sind, Songs mit viel Diskurspotenzial zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wiebusch, berühren Sie die Texte der Türen?

Wiebusch: Nein. Sie haben für mich aber einen intellektuellen Reiz.

Summen: Für mich sind unsere Texte durchaus gefühlvoll, schließlich sind sie Ausdruck unseres Lebens. Ich schreibe zwar im Vergleich abstrakter, trotzdem bewegen mich die Themen ja. Generell würde ich aber auch nicht zwischen Kopf und Bauch unterscheiden. Wenn mich etwas intellektuell reizt, spricht es mich immer auch emotional an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind beide auch Labelbetreiber: Wie nehmen Sie den Nachwuchs in Deutschland wahr? Kommen genug gute Bands und Künstler nach?

Summen: Die Nachwuchsszene scheint mir sehr lebendig zu sein, das zeigt sich schon an der Menge von Demos und Links zu Soundcloud-Seiten, die wir bekommen. Da ist auch Vielversprechendes dabei, nur habe ich einfach begrenzte Kapazitäten - auch persönlich, weil das Signing immer einen sozialen Aspekt hat. Wenn man sich auf einen Künstler einlässt, muss man für den da sein. Das kann auch eine Belastung sein.

Wiebusch: Das Soziale ist auch der Grund, warum wir nicht mehr Bands unter Vertrag nehmen. Wir kennen die Härte des Geschäfts - es ist schlicht demütigend für alle Beteiligten, wenn ein Künstler keinen Erfolg hat. Der ist mit Hoffnungen und Ambitionen in die Partnerschaft mit dem Label eingetreten, und nun muss man sich gemeinsam eingestehen, dass man diese nicht erfüllen konnte. Insgesamt würde ich aber auch sagen, dass wir gerade eine sehr kraftvolle, junge Szene haben.

Summen: Auch bei den Majors ist viel los. Die kümmern sich nach Jahren der Vernachlässigung wieder intensiv um deutschsprachige Musik. Zum Teil haben die das so gut aufgebaut, dass Debüt-Alben von Acts wie Casper oder Kraftklub von null auf eins gehen.

SPIEGEL ONLINE: Woher, glauben Sie, kommt der Boom an deutschsprachiger Musik? Stichwort Casper oder Kraftklub, die mit ihren Debütalben von null auf eins gegangen sind.

Summen: Das liegt nicht unwesentlich daran, dass Beat Gottwald (Entdecker und Manager u.a. von Casper und Kraftklub, Anm. der Red.) einen guten Job macht.

Wiebusch: Ja, man muss neidlos anerkennen, dass da der richtige Mann zur richtigen Zeit seine schützende Hand über bestimmte Künstler gelegt hat. Natürlich ist der aber durch seine Zusammenarbeit mit Universal auch mit den Möglichkeiten eines Major-Labels ausgestattet.

Summen: Durch ihre neue Hauspolitik, sich auch um Sachen wie Booking und Merchandise zu kümmern, haben die Majors jetzt mehr Geld zur Verfügung und investieren das auch.

Wiebusch: Wie seid ihr eigentlich bei Staatsakt organisiert? Macht ihr zum Beispiel auch das Booking selbst?

Summen: Nein, bei uns sind die einzelnen Bereiche getrennt.

Wiebusch: Wie schaffst du das denn noch? Die Zeit für dein Modell, eigentlich das klassische Indie-Modell, nur die Alben herauszubringen und den Bands zu überlassen, wo sie mit ihren Rechten hinwollen, scheint mir doch vorbei zu sein.

Summen: Ich weiß auch, dass das nicht mehr lange gut gehen wird. Deshalb überlege ich gerade mit ein paar Agenturen, so etwas wie eine Pop-Genossenschaft zu gründen. Würden wir bei Staatsakt alle Aspekte der Künstlerbetreuung übernehmen, hätte ich Angst, mich und das Label zu überfordern.

Wiebusch: Auf dem schmalen Grad bewegen wir uns auch. Aufgrund unserer Organisationsstruktur sind wir ziemlich schnell gewachsen. Weil wir mit unseren Bands selber Teil des Geschäftsmodells waren, hatten wir das Gefühl, das legitimieren zu können. Aber mittlerweile sind wir statt zu dritt nun schon zu sechst, siebt…

Summen: …Und wenn du so viele Leute versorgen musst, steigt der Leistungsdruck. Dann hängt auch immer mehr von einzelnen Veröffentlichungen ab. Dann kannst du nicht mehr davon träumen, wie schön es wäre, wenn Ja, Panik 15.000 Alben verkauften - dann müssen die 15.000 Alben verkaufen.

Wiebusch: In solchen Momenten schaut man neidvoll auf Bands wie Die Ärzte oder Fettes Brot, die nur ihre eigenen Platten herausbringen. Die stampfen den ganzen Label-Apparat für zehn, zwölf Monate aus dem Boden und fahren ihn danach wieder zurück. Andererseits können die auf diesem Wege auch keine anderen Künstler aufbauen.

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