Lade Daten...
25.02.2012
Schrift:
-
+

Rasante Kammermusik

Leichte, gesunde Drogen im Spiel

Von
Sony Music/ Lisa Marie Mazzucco

Träumereien mit französischen Komponisten: Musiker wie Natalie Dessay, Joshua Bell und Jeremy Denk berauschen sich an französischer Kammermusik. Das klingt virtuos - und ist nicht frei von Ironie.

Ja, es ist mal wieder Jubiläumsjahr, und nein - man muss sich nicht drum kümmern. Um die Musik unserer französischen Nachbarn aufregend zu finden, braucht man keinen Anlass! Auch wem der 150. Geburtstag von Claude Debussy komplett egal ist, sollte französische Musik genießen. Zum Beispiel das Album "French Impressions": Hier präsentieren die beiden famosen Musiker Joshua Bell (Violine) und Jeremy Denk (Klavier) mit rasender Finesse Kabinettstückchen der Kammermusik aus Frankreich. Und diese Finesse liegt nicht in der technischen Virtuosität der Interpreten, sondern im Feingefühl für den Charme der effektvollen Werke. Anders könnte man mit den wohlbekannten Stücken von Saint-Saens, Franck und Ravel auch kaum überzeugen. Die Konkurrenz auf diesem Terrain ist groß.

Der beschwingte Ansatz von Bell/Denk hat sicher zu dem plakativen Albumtitel "French Impressions" inspiriert, denn mit hingetupfter, kaum forcierter Eleganz weben beide ein federndes Klanggeflecht, das bei der ersten Sonate op. 75 von Camille Saint-Saens sofort begeistert. Das der Satzbezeichnung Allegro beigegebene "agitato" kommt wunderbar "erregt" rüber, es springt den Hörer förmlich an und erzeugt eine beglückende Sogwirkung, die über die gesamte rund 20-minütige Distanz der d-moll-Sonate nicht mehr abreißt. Guter Start. Cesar Francks ähnlich populäres Duo-Werk in A-Dur folgt, Maurice Ravels Renner für die gleiche Besetzung schließt die sanfte Tour-de-force ab. Joshua Bell, dessen geschmeidiger Ton wie geschaffen erscheint für den Sound dieser "französischen Eindrücke", besitzt die elegante, aber nie oberflächliche Leichtigkeit, die alle technischen Tücken nur erahnen lässt, aber Strukturen und Spannungsbögen sauber herauspräpariert.

Dekadente Diva im Debussy-Rausch

Joshua Bell, Jahrgang 1967, stammt aus Bloomington im US-Bundesstaat Indiana und kann inzwischen auf über 30 Alben zurückblicken - ein vielseitiger Routinier, der für jegliche Musik von Barock bis Pop und Avantgarde markante Töne findet. Auch für Soundtracks wird er gern gebucht, Popularität und Können machten ihn in den USA und Europa zu einem der erfolgreichsten Musiker. Immer und gern wendet sich Bell jedoch der Kammermusik zu - ein Gesundbrunnen für Kreativität und Ausdruck. Dabei ist sein Partner Jeremy Denk, wie auch bei dem Album "French Impressions", stets ein selbstbewusster Sekundant, der zur rechten Zeit auch auftrumpfen kann. Jeremy Denk steuerte hier auch die smarten und lesenswerten Liner Notes bei, die voller Begeisterung über die Stücke reflektieren und einiges zur Interpretation der beiden Virtuosen erläutern - das erhöht den Reiz der CD noch entscheidend.

Wenn man sich dann doch früh im Jubeljahr eine Portion des genialischen Klangschöpfers abholen möchte: Natalie Dessay hat Lieder aufgenommen, die Claude Debussy zum großen Teil im zarten Alter von 18 Jahren komponierte. Die renommierte Sopranistin schlängelt sich, unterstützt vom Pianisten Philippe Cassard durch Gedichtvertonungen von großen Debussy-Künstlerkollegen wie Paul Verlaine, Stéphane Mallarmé oder Théophile Gautier, und sie trifft immer den betörenden, subtilen Ton der Frühwerke. So, als wären leichte, gesunde Drogen im Spiel, flirrt Dessay als leicht dekadente Diva mit zarter Stimme durch ihr Programm, über 19 Stationen, und zum Schluss unterstützt sie der "Jeune Choeur de Paris" unter Leitung von Henri Chalet in einem emotionalen Aufschwung, der diese nostalgisch anmutende Reise anmutig rundet. Ein Blick auf das Cover irritiert zunächst: Sehr stylisch und ohne Angst vor Kitsch präsentiert sich die CD in einem Jugendstil-Gewand, was aber zur Poesie von Musik und Text passt. Das gezeichnete Bild von Natalie Dessay auf den Cover, als erschöpfte, sehnsüchtige Diva, die nächtens zum Mond singt und sich in eine "Mein Gott, diese Hitze!"-Pose" wirft, gewinnt dann jene ironische Distanz, die sich in Dessays kontrollierter, genau formulierter Interpretation wiederfindet. So gibt sie den überschwänglichen Jugendwerken des späteren Revolutionärs Debussy die nötige Würde und Gestalt.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
Sagen Sie Ihre Meinung!

Empfehlen

MEHR IM INTERNET

CD-Tipps

CD-Tipps

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Klassik/Jazz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten