24.05.2012
Guns-N'-Roses-Legende Slash
"Das Internet ist voller Zuhälter und Diebe"
SPIEGEL ONLINE: Slash, haben Sie eigentlich schon mal auf der Bühne geweint?
Slash: Nein. Wieso fragen Sie?
SPIEGEL ONLINE: Myles Kennedy, Sänger auf Ihrem neuen Album "Apocalyptic Love", hört in Ihrem Gitarrenspiel einen "wunderschönen Schmerz".
Slash: Alles, was ich sagen kann, sage ich über Musik - ich bin nicht sonderlich gut darin, Gefühle zu verbalisieren, ich spreche durch mein Spiel. Vermutlich entdeckt Myles darin Emotionen, auf die er sich persönlich sehr gut beziehen kann. Ich wüsste da aber nichts Spezifisches.
SPIEGEL ONLINE: Recht hat er dennoch: Ihre Musik verströmt Melancholie, Ihr Solo in dem Welthit "Sweet Child Of Mine" ist wohl das berühmteste Beispiel.
Slash: Das ist ein Erbe des Blues. Die Musik diktiert mir, wohin ich gehe. Sie ist eine Art Katalysator, der bei mir unbewusste Gefühlszustände hervorholt, besonders auf der Bühne. Dort drücke ich mich viel klarer aus, als wenn wir hier in einer Hotelsuite sitzen und reden.
SPIEGEL ONLINE: Versuchen Sie's trotzdem mal mit Worten: Wenn Sie einen Song live spielen, erleben Sie dann dieselben Gefühle noch mal, die Sie hatten, als Sie ihn komponierten?
Slash: Kommt vor, ja. Langsam zaubere ich alles wieder hervor, oft erschaffe ich die alten Bedeutungen wieder neu, wenn ich zu den Soli komme. Die Intensität variiert allerdings. Manchmal überwältigt mich das Gefühl, manchmal ist eher verwaschen. Das hängt von der Länge eines Gigs ab. In 45 Minuten ist es schwierig, zu Dir selbst eine Verbindung herzustellen. Und es hängt davon ab, wie oft du einen Song spielst. Außerdem kommen neue Assoziationen hinzu, alte verblassen oder werden überlagert.
SPIEGEL ONLINE: Wovon träumen Sie, wenn Sie eine Bühne betreten?
Slash: Von einem perfekten Sturm, dem extremsten emotionalen Zustand: Energie verwandelt sich in Synergie, die Band fühlt sich tief miteinander verbunden, ein Song erwacht zum Leben - so banal das klingt, alles erwächst dann aus tiefstem Herzen. Das erlebe ich gar nicht oft. Aber wenn, dann ist das Gefühl unvergesslich. Eigentlich motivieren mich eben diese seltenen Momente dazu, mit diesem Rock'n'Roll-Scheiß weiterzumachen.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch basteln Sie an einer Zweitkarriere - Sie versuchen sich jetzt als Produzent von Horrorfilmen. Was mögen Sie an Blut?
Slash: Genau so eine Frage ist ein guter Indikator dafür, wie tief das Niveau der Filmindustrie gesunken ist...
SPIEGEL ONLINE: Sie spielen auf Gewalt-Pornos wie die "Saw"-Reihe an.
Slash: Richtig. Splatter in Franchise-Form, Gedärme ersetzen Geschichten. Ich bin ein Horrorfilm-Fanatiker seit Kindertagen. Mich haben dagegen die Klassiker aus den Dreißigern inspiriert und beeinflusst...
SPIEGEL ONLINE:...so wie "Freaks"...
Slash:...von Tod Browning, genau. Aus dieser Zeit liebe ich fast alles, von "Frankenstein" bis hin zu "King Kong". Und in den Sechzigern und besonders Siebzigern, als ich ein kleines Kind war, gab es die Filme aus den englischen Hammer-Studios, mit Peter Cushing, Christopher Lee oder Vincent Price - großartig gefilmt, großartige Plots, großartige Darsteller. Auch die Achtziger waren okay. Erst in den letzten zwanzig Jahren führte alles in die Irre.
SPIEGEL ONLINE: Und Sie führen uns jetzt zurück auf den richtigen Weg.
Slash: Mal sehen. Einen Film zu produzieren ist nicht direkt vergleichbar damit Musik zu machen, aber es ist ebenfalls ein kreativer Prozess. Ich habe mir aus einer Handvoll vorab gefilterter Drehbücher eines ausgesucht, der Dreh startet jetzt gerade. Mein Ziel sind gut komponierte, charakterzentrierte Geschichten.
SPIEGEL ONLINE: Mit Anne Heche haben Sie ja schon mal einen echten Charakterkopf für die Hauptrolle in "Nothing To Fear" gewonnen. Ganz kurz: Worum geht's?
Slash: Ein Paar zieht in eine kleine Stadt namens Stull in Kansas. Der Ort existiert tatsächlich, googeln Sie ihn mal. Dort findet sich angeblich eines von sieben Toren, das direkt in die Hölle führt. Es heißt, sogar der Papst hat sich geweigert, das Gebiet zu überfliegen.

