10.05.2012
Amtlich
Die wichtigsten Metal-Alben des Monats
Von Thorsten Dörting und Jan Wigger
Paradise Lost: Eine richtige Ohrendroge, gerade in dieser megahektischen Zeit
Paradise Lost - "Tragic Idol"
(Century Media, bereits erschienen)
Seit über zwei Dekaden lese ich regelmäßig und mit wachsender Begeisterung das Intellektuellen-Blatt "Breakout", welches alle zwei Monate unter Schweiß und Tränen im schönen südhessischen Neckarsteinach entsteht. Meinem geistigen Mentor Thorsten Dörting erzählte ich ab und zu von besonders elaborierten Artikeln, doch Dörting, der ja schon vor geraumer Zeit zu einem höheren Wesen transzendierte, murmelte meist nur "rührend", "authentisch" oder "unfassbar!" in seinen Milchbart. Aus Enttäuschung drohte ich mehrfach eine "Amtlich"-Besprechung im stilistisch wie grammatikalisch halsbrecherischen "Breakout"-Stil an, den ich perfekt zu imitieren in der Lage bin. Heute, genau 35 Jahre, nachdem Marco Magin seine erste Blue-Öyster-Cult-Platte in einem kleinen Mannheimer Plattenladen kaufte, ist es nun so weit.
Eene, Meene, Miste, es bollert in der Gothic-Kiste! Paradise Lost heißt übersetzt "verlorenes Paradies" und in ein solches nimmt uns der Fünfer aus dem schönen England auch mit. Nach drei Jahren haben die sympathischen Jungs zehn brandneue Knüppelmonster für ein weiteres Käsescheibchen aus ihren Kutten geschüttelt, das beweist, dass man in diesem "Biz" auch ohne nackte Gretel auf dem Cover überleben kann! Aber egal, denn "Tragic Idol" ist einfach schweinegeile Rockmusik, gehaltvoll, spannend, düster, treibend, nebst mehreren Attributen mehr.
Die cool rockende Nummer "Solitary One" ist so 'ne richtig satt rockende Nummer im Seventies-Look, mit allem was schon damals zu einer schweinegeil abgehenden Nummer dazugehörte! "In This We Dwell" sorgte beim Schreiben für ein Dauergrinsen bei mir und "To The Darkness" frisst sich gleich in die Gehörgänge, ohne zu fragen, wie lange es dort verweilen darf. Sehr, sehr lange, soviel ist klar! Mit "Fear Of Impending Hell" wird's dann 'ne Schippe ruhiger, was aber nicht bedeutet, dass die Scheiblette langweilig wäre!! Schon mit "Theories From Another World" gibt's für den geneigten Hörer nämlich wieder so richtig was zwischen die Beißerchen, so richtiges Action-Kino für den Kopf und auch nach 24 Jahren Bandkarriere noch so frisch wie damals, was die althergebrachte Aussage widerlegt, man würde vom Rasten rosten! Und die Stimme von Nick Holmes ist mal der Hammer, echtes Seelenbalsam und so 'ne richtige Ohrendroge, die sich gerade in dieser megahektischen Zeit - welche eine Zeit des rein Materiellen ist - super zum Relaxen geeignet.
Mit "Tragic Idol" haben Paradise Lost das breite Tonspektrum an Musik um Einiges bereichert, und da die meisten Melodien schon nach dem ersten Hören nachzupfeifen sind, nehmen Paradise Lost gemeinsam mit Axel Rudi Pell und der neuen Kissin' Dynamite die "Pole Position" ein, wenn es um die besten Langdreher 2012 geht!! An dieser klasse Produktion gibt es nichts zu bemängeln, und wollt ihr wissen, wie qualitativ hochstehende Mucke aus Englands hiesigen Breiten zu klingen hat, dann holt euch "Tragic Idol". Fazit: Reinhören ist das Mindeste bei dieser subba Scheibe!!! (Gesamtwertung: 8) Jan "T-Bone" Wigger
Anspruch: Ein absolut zeitloses "Werk", dass junge wie auch Junggebliebene Hörer gleichermaßen erfreut. Klarer Fall für die Repeat-Taste - hier wird geklotzt und nicht gekleckert! (8)
Artwork: So richtig schön melancholisch und geheimnissvoll, wenn auch nicht passend zur Jahreszeit!! (7,5)
Aussehen: Dieses Quintett kann man bedenkenlos jedem Metal-Fan ans Herz legen, und auch die CD "Tragic Idol" mutiert dadurch sicherlich zum Dauerbrenner im CD-Schacht! (7)
Aussagen: Wir Herren wissen auch nach so vielen Jahren noch zu Rocken: Der bewährte Atzedatze-Groove für die Massen - egal ob Banker oder Putzfrau! (7,5) Jan "T-Bone" Wigger
Huntress - "Spell Eater"
(Napalm Records, bereits erschienen)
Letztens, es kommt mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, konnte man in der Presse ein Foto begutachten, ich glaube in "Quick", "Bild" oder "Landlust", auf dem war Micaela Schäfer richtig dick im Geschäft. Aufgenommen wurde das Pic, wie wir Medienschaffende sagen, wohl am Wochenende zuvor in einer Dortmunder Diskothek, in so einem Etablissement für Leute, denen man im Leben normalerweise nur unfreiwillig begegnet, wenn man nicht gerade Großkunde bei Camp David ist oder Fußballprofis zum Heiraten sucht (und dabei immer nur Freizeitboxer findet).
Jedenfalls hatte die ehemalige Dschungelcamp-Bewohnerin ihr Equipment, sie ist ja auch DJane, tatsächlich im Damenklo aufgebaut, und sie lächelte, und sie trug so gut wie nix, nur diesen lustigen Borat-String, 'nen BH und ein Army-Käppi, das wohl zeigen sollte: Hier wird scharf geschossen.
Huntress mit Sängerin Jill Janus: Vom It-Girl zum Hexchen
Nun ja, das Numinose glänzt beim Hören dieses Debüts eher durch Abwesenheit, vielleicht liegt's auch daran, dass ich mir Madame Janus, nach wie vor recht freizügig unterwegs, ständig beim Stinkfruchtessen vorstellen muss, aber das zieht die Platte qualitativ noch lange nicht nach unten. Gut abgehangener Power Metal der US-Schule unterhält zehn Songs lang angenehm, die Riffs, denen die Frontfrau trotz ihrer Präsenz immer genug Freiraum gibt, wurden raffiniert ausgearbeitet, die beiden Rhythmus-Rocker machen zumindest nichts falsch. Sicherlich hatten die artverwandten Achtziger-Könner Chastain, die dieses Album immer wieder ins Gedächtnis ruft, die besseren Hooklines und zwingenderen Arrangements; von ZeitgenossInnen wie Benedictum oder Crystal Viper lassen sich Huntress mit Highlights wie "Spell Eater", "Senecide" und "Eight Of Swords" aber ganz gewiss nicht ins Bockshorn jagen. (Gesamtwertung: 7,5) Boris Kaiser
Anspruch: "Ich bin eine Hexe, die Dich verzaubern und anschließend lebendig verbrennen will!" Geht's noch? (3)
Artwork: Bunt statt black. Die Gruselgestalt mit den flammenden Pratzen könnte Jill Janus sein. Vielleicht ist es aber auch nur Joey Kelly nach einem Sturz im Eiskanal. Man weiß es nicht, man steckt nicht drin. (6)
Aussehen: Eher Xena als Lena, die Typen sind eh wumpe. So was kriegen Bildungsbürger normalerweise nur im privaten Modus zu Gesicht. (7,5)
Aussagen: "Ich habe einen okkulten Hintergrund!", "Ich bin eine Hexe!", "Schon meine Eltern haben mich ermutigt, meine übersinnlichen Fähigkeiten zu trainieren!" Ich glaube, diese im Brustton der Überzeugung hingeschmetterten Sätze stammen eigentlich gar nicht von Jill Janus, sondern samt und sonders aus Russ Meyers Familienfilm "Die Satansweiber von Tittfield", hatte aber keine Lust, das zu verifizieren. So oder so: Kann man machen. (7) Boris Kaiser