25.05.2012
Zweites ESC-Halbfinale in Baku
Viel Standardware und ein Exot
Von Arno FrankDas zweite Halbfinale, der zweite Probelauf für den Eurovision Song Contest aus dem in gewisser Hinsicht nicht ganz so tollen Aserbaidschan hat wieder einmal gezeigt, dass die Unterhaltungsindustrie ähnlich reibungslos ihren Geschäften nachgeht wie die Ölindustrie, wenn's drauf ankommt. Vermutlich wäre die Veranstaltung auch dann noch blitzend, bunt und bombastisch, wenn sie aus Haiti oder Guinea-Bissau übertragen würde. So oblag es Peter Urban, für den Spartensender Phoenix ganz trocken gegen die fröhlichen Lieder der Gäste und die idyllischen Bilder aus dem Gastgeberland anzumoderieren: "Erst heute wurden übrigens wieder 20 Menschen verhaftet."
Das waren mehr, als sich Kandidaten um den Einzug ins Finale am kommenden Samstag bewarben. Nur 10 von 18 sollten durchkommen, und durch kamen die Angepassten mit den abgerundeten Ecken und der handelsüblichen ESC-Standardware. Für Litauen qualifizierte sich Donny Montell mit der geschmackvollen Idee, seinen Titel "Love Is Blind" mit einer - aufgepasst! - Augenbinde zu singen. Bosnien-Herzegowina wird im Finale von der Filmkomponistin Maya Sar vertreten werden, die eine solide Klavierballade zum Vortrag brachte. Durch die Bank elegisch auch die Beiträge von Zeljko Joksimovic aus Serbien und Kaliopi aus Mazedonien, wo dann wenigstens, wenn auch in den Hintergrund gemischt, ein paar verfremdende Nine-Inch-Nails-Gitarren auftauchten.
Die ukrainische Sängerin Gaitana mit ihren afrikanischen Wurzeln könnte sogar eine inoffizielle EM-Hymne vorgelegt haben, so einschüchternd soulig präsentierte sie ihren hämmernden Eurotrash. Immerhin durfte im klanglichen Untergrund für ein paar Takte ein amorpher Bass wummern und wild wabern, wie man ihn aus dem Dubstep kennt. Überhaupt schmuggelten sich immer mal wieder versteckte Hinweise auf das Geschehen in der freien Wildbahn des Pop in den Wettbewerb. So schien für den estnischen Beitrag der brave Sänger Ott Lepland zunächst die nationalen Schmalzreserven seiner Heimat komplett aufzubrauchen, bevor er dann, ganz am Ende, plötzlich noch das gleiche zärtliche Falsett aus dem Ärmel zog, mit dem einst Sigur Rós ihre Fans einlullten. Mehr auf Disco-Kopfstimme dagegen setzte Tooji aus Norwegen, bei dem zwischen dem üblichen Geboller auch noch ein Plätzchen für verschmierte Dubstep-Bässe waren.
Für Schweden platzierte sich eine gewisse Loreen, die sich gesanglich angeblich an Björk orientiert, tänzerisch an der frühen Kate Bush, musikalisch aber leider an der deprimierenden Konfektionsware eines David Guetta. Sie trat mit nackten Füßen auf, was immer ein Zeichen für Sinnlichkeit und Empfindsamkeit ist, weshalb Schweden ja auch zu den Favoriten gezählt wird. Anders übrigens als Kurt Calleja aus Malta, dessen anstrengender Discopop ebenfalls von einem skandinavischen Fließband rollte: 16 der insgesamt 42 Songs im Wettbewerb sind von schwedischen Komponisten, auch wenn die hörbar weder Ulvaeus noch Andersson heißen.
Eine Klasse für sich ist der türkische Kandidat Can Bonomo, wegen seiner jüdischen Abstammung in der Türkei nicht ganz unumstritten. Er setzte auf landestypischen Turk-Pop und einen ganz besonders ESC-tauglichen Humor. Seine Tänzer wirkten wie direkt aus Istanbuls dunkelstem Darkroom schanghait, als dort gerade Matrosen-Themenabend war. Am Ende hocken all die bärtigen oder wenigstens unrasierten Männer mit ihren Fledermausumhängen auf dem Boden und formen ein Boot, weil das zum Text passt. Süß.
Am Kopfschmuck gescheitert
Unter den Verlierern gab's solche, um die es wirklich schade war - und jene, deren Ausscheiden das Finale um eine groteske Attraktion ärmer machen wird. So spielte Joan Franka das vielleicht stärkste Lied des Abends, eine folkpoppige Kreuzung aus Dolores O'Riordan von den Cranberries und Joan Baez. So stark das Songwriting, so schwachsinnig der prunkvolle indianische Kopfschmuck - daran ist sie gescheitert.
Im Ansatz respektabel auch Filipa Suas aus Portugal, die tatsächlich einen echten portugiesischen Fado zum Vortrag brachte. Weltkulturerbe, hört man nicht aller Tage, schon gar nicht mit modischen Beats im Hintergrund. Die ließen den Song billiger klingen, als er war, wenn auch nicht annähernd so billig wie Litesound aus dem schönen Weißrussland. Die Kapelle lehnte sich zärtlich an die Optik von Rammstein an und präsentierte einen Song von bodenloser Ödnis, in der sie den ohnehin schon leblosen Refrain gnadenlos totritten.
Aus der Zeit gefallen war der Beitrag aus Bulgarien, bei dem Sofi Marinova ihre ordentliche Stimme komplett in vorhersehbarster Discomucke versenkte, wie man sie aus den neunziger Jahren kennt, und das ist auch schon eine Weile her. Slowenien versuchte es mit einer eigenen Lena namens Eva Boto, weichen Synthiestreicher und ganz viel Atem. Die Vertreterin Kroatiens wirkte dagegen wie Madonna mit einem Spritzchen Botox zu viel, immerhin umtanzt von Männern in schwarzen Netzhemden und Röcken. Oder waren es Schürzen? Kittel? Egal, es ist der Modetrend des diesjährigen ESC.
Vollkommen trend- und leider auch talentfrei: Anri Dschochadse, von Tiflis ins aussichtslose Rennen geschickt. Die Mischung aus Disco, Funk und allerlei Orientalismen mit Anleihen bei der "Rocky Horror Picture Show" wirkte wie die georgische Antwort auf "Bohemian Rhapsody", wenngleich unter Weglassung so lästiger Elemente wie Melodie, Charme oder auch nur Chuzpe. Die brachte Max Jason Mai zwar in Sattelschleppern mit nach Baku, wo er ziemlich brutal mit Hör- und Sehgewohnheiten brach. Blonde Mähne, Kajal um die Augen, nackte Hühnerbrust und eine Ballade, wie sie auch Helloween nicht besser hätten schreiben können. Aber für das Ausscheiden des Slowaken müssen wir dennoch dankbar sein, wird uns doch im Finale ein Comeback des Eighties-Poser-Hair-Metal erspart bleiben. Wenigstens das.