27.05.2012
Loreens Triumph in Baku
Premiumpop aus Schwedens Hitfabrik
Von Felix BayerIhr erster Dank galt ihrem Team, das immer an sie geglaubt habe. Dann sang Loreen noch einmal "Euphoria", den Song, der sie zur fünften Siegerin für Schweden beim Eurovision Song Contest gemacht hatte - nach Charlotte Nilsson, Carola, den Herreys und natürlich Abba. Der Dank ans Team mag nach einem Klischee klingen, aber Loreens Triumph ist das Ergebnis einer Musikherstellungsmethode, die vom Teamwork lebt und in der Schweden Weltklasse ist.
Aber der Sieg gehört natürlich auch Lorine Zineb Noka Talhaoui - unter diesem Namen kam die Sängerin 1983 als Tochter marokkanischer Einwanderer in Stockholm zur Welt - ganz persönlich.
Denn es war Loreens intensiver Blick und ihre an den Ausdruckstanz der frühen Kate Bush erinnernden Bewegungen, die den europäischen Fernsehzuschauern nach zweieinhalb Stunden Pop-Show im Gedächtnis geblieben waren, als es an die Abstimmung ging. Am Ende gewann sie mit riesigem Vorsprung, bekam 372 Punkte, aus 18 Ländern die Höchstwertung, wie das SPIEGEL-ONLINE-Abstimmungs-Flash zeigt.
Loreen begann ihre öffentliche Gesangskarriere 2004 in der Castingshow "Idol", der schwedischen Entsprechung zu "Deutschland sucht den Superstar", wo sie allerdings im Viertelfinale ausschied. Doch ihr Durchbruch kam beim Melodifestivalen, der ungemein populären schwedischen Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest, die dort über Monate viele TV-Zuschauer fesselt. 2011 scheiterte sie dort zwar, aber ihr Song "My Heart Is Refusing Me" schaffte es trotzdem in die Top Ten der schwedischen Singlecharts.
Treffen mit Menschenrechtsaktivisten
Mit "Euphoria" erging es ihr 2012 noch viel besser. Sie gewann beim Melodifestivalen, die Single ist seit Wochen die Nummer eins in Schweden, auch in Finnland und Norwegen erreichte der Song hohe Hitparadenränge. Bei den Buchmachern war Loreen schnell die große Favoritin auf den Sieg beim ESC. Oft gab es schon Favoritenstürze - die 28-Jährige konnte die Erwartungen erfüllen.
Ihr Triumph ist allerdings beinahe logisch, wenn man bedenkt, dass in diesem Jahr insgesamt zehn der 26 Finaltitel von schwedischen Songwritern zumindest mitgeschrieben wurden. Die Autoren von "Euphoria" hatten dabei beide noch ein zweites Eisen im Feuer: Thomas G:son war auch am spanischen Beitrag beteiligt und Peter Boström produzierte den norwegischen Titel, der allerdings auf dem letzten Platz landete.
Thomas Gustafsson, der sich als Künstler nur G:son nennt, ist so etwas wie der schwedische Ralph Siegel, er hat 58 Titel für nationale ESC-Vorentscheide geschrieben, sieben davon kamen ins Finale. Doch er ist eben der schwedische Ralph Siegel, und das bedeutet, dass er Kontakt hat zur Crème de la Crème der internationalen Pop-Songwriter. Da sind Schweden spätestens seit den Hits, die die Backstreet Boys und Britney Spears mit Songs des Schweden Max Martin hatten, führend.
Der Siegertitel des Eurovision Song Contest ist denn auch ein Lied, das einfach so auch im Radio laufen könnte - was man über wenige ESC-Titel sagen kann. Der Euro-Trance-Sound ist bei Stars wie Rihanna ebenfalls beliebt, ihr Stottergesang in den Strophen könnte auch von Lady Gaga sein. Es ist ein Premiumprodukt aus der schwedischen Pop-Songwriting-Fabrik.
Loreen hat aber definitiv einen eigenen Kopf. In der Probenwoche von Baku gab es beinahe einen Eklat, als bekannt wurde, dass sie sich mit Oppositionellen und Menschenrechtsgruppen in Baku getroffen hatte. Die schwedische Delegation sagte, dies habe sie als Privatperson getan und wendeten so einen möglichen Protest Aserbaidschans bei der European Broadcasting Union EBU ab. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist Loreen also: eine würdige Siegerin.