01.06.2012
Improvisations-Album
Die Wehmut der Hilary Hahn
Von Christoph Dallach
Hauschka und Hahn: Einlullend, geheimnisvoll, wehmütig
Wahrscheinlich stockt den meisten Verehrern klassischer Musik der Atem beim Gedanken daran, wie der Düsseldorfer Musiker Volker Bertelmann alias Hauschka sein edles Klavier mit Tischtennis-Bällen präpariert. Solch ein Arrangement repräsentiere perfekt seine Vorstellung eines "präparierten Pianos", gab der Künstler gerade zu Protokoll. Die Zufälligkeit und Spontaneität der Bälle beeinflusse den Klang, obendrein schaue das Arrangement gut aus. Zu den Klassik-Spezialisten, die solche Aussagen nicht für exzentrischen Irrsinn halten, zählt die weltberühmte Geigerin Hilary Hahn. Die 32-jährige Amerikanerin gilt als Ausnahmetalent an ihrem Instrument, wurde bereits mit zwei Grammys bedacht, ist aber auch für ihre Abenteuerlust bekannt; immerhin musizierte sie bereits mit coolen Rockern wie And You Will Know Us By The Trail Of Dead. Nun hat die Könnerin Hahn ein Album mit dem Ping-Pong-Klavierabenteurer Hauschka veröffentlicht.
Schäumende Brandung
Das Album mit dem Titel "Silfra" entstand, als das ungewöhnliche Duo sich in einem abgelegenen Studio auf Island zum Improvisieren einigelte. Beflügelt von der majestätischen Natur, von all dem aufgewirbelten Wasser, der schäumenden Brandung und dem endlosen Mittsommernachtshimmel, klingt ihre Musik einlullend geheimnisvoll, wehmütig. Es sind verschlungene, instrumentale Melodien, die Marketing-Experten zur Verzweiflung treiben dürften. Denn sie sind kaum einzuordnen. Klassik, Neo-Klassik, Post-Klassik, Avantgarde? Darüber ließe sich ewig streiten.
Weil die Platte beim altehrwürdigen Label Deutsche Grammophon veröffentlicht wird, dürfte sie letztlich vor allem in Klassik-Abteilungen zu finden sein. Aber da wird sie wirken wie ein Ufo. Und so illustriert "Silfra" das Dilemma, dass klassische Musik immer noch ein Definitions-Problem hat. Alle Marketing-Versuche der vergangenen Jahre, ein neues, junges, experimentierfreudiges Publikum für Klassik zu mobilisieren, müssen als gescheitert gelten.
Die gute Nachricht aber ist, dass sich fernab aller Marketing-Anstrengungen eine Szene entwickelt hat, in der junge Musiker, die eindeutig von klassischer Musik geprägt sind, am laufenden Band interessante und ungewöhnliche Platten veröffentlichen. Künstler wie Dustin O'Halloran, Nils Frahm, Johann Johannson und eben Hauschka verbindet, dass ihre Musik irgendwie nach Klassik klingt, aber eben auch modern und zeitgemäß, was unter anderem sanft beigemischter Elektronik zu verdanken ist. Dass diese Musiker ein immer größeres Publikum beeindrucken, illustriert der Umstand, dass die Regisseurin Sofia Coppola Melodien von Dustin O'Halloran für den Soundtrack ihres Films "Marie Antoinette" genutzt hat. Ebenso wie nun die Zusammenarbeit von Hauschka und Hilary Hahn. Wie man ihre Musik nennt, ist so letztlich vielleicht völlig egal. Sie klingt interessant - und sie findet ihre Fans.
Hilary Hahn & Hauschka : "Silfra" (Deutsche Grammophon)