03.07.2012
Abgehört
Die wichtigsten CDs der Woche
Von Andreas Borcholte und Jan Wigger
Dirty Projectors - "Swing Lo Magellan"
(Domino/Goodtogo, erscheint am 6. Juli)
"I boogied down gargoyled streets/ Seaching in every face for something I could believe", jubiliert David Longstreth in "Dance For You". Da tanzt er also für uns durch mittelalterliche Straßen. Man stellt ihn sich hager, mit Narrenkappe und geringelten Strumpfhosen vor, ein irres, seliges Grinsen im Gesicht - mal so als Gegensatz zu den mies gelaunten Wasserspeiern. "I want to feel the breath of a force I can't explain", heißt es weiter. Ganz klar, der Mann nimmt Drogen oder geht so komplett in seiner Musik auf, dass er einen Bewusstseinszustand erreicht, von dem wir Unbegabten nur träumen können. Letzteres ist wahrscheinlich, Ersteres nie ausgeschlossen. Longstreth ist Kopf der in Brooklyn beheimateten Experimental-Band Dirty Projectors, die sich in den vergangenen Jahren unter anderem damit einen Namen gemacht hat, Black Flags Hardcore-Manifest "Rise Above" eins zu eins in Artpop und Jazz zu übersetzen. Das bisher wohl komplexeste Album "The Getty Address" drehte sich um einen (fiktiven) Charakter namens Don Henley, der nichts mit den Eagles zu tun hat, und pflügte die amerikanische Geschichte vom Bürgerkrieg bis zum 11. September einmal gründlich durch. Longstreth, der seit ein paar Jahren mit fester Band-Besetzung spielt, mag Orchester-Arrangements, plötzlich einsetzende Chöre und vertrackte Polyrythmen ebenso, wie immer genau das nicht zu tun, was andere, vor allem Kritiker, gerade erwarten. So wäre nach dem Pop-Erfolg der Single "Stillness Is The Move" vom letzten Album "Bitte Orca" eigentlich die Öffnung zur Gefälligkeit, wenn nicht zum Hit programmiert, doch das Genre der Dirty Projectors bleibt auf "Swing Lo Magellan" nach wie vor schwer zu umreißen, wahrscheinlich müsste man eines erfinden, das einen notgedrungen undurchsichtigen Titel trägt. Lassen wir also besser. Im Grunde bestehen die Songs aus den Basiszutaten kanonisierter Popmusik, sie werden von Longstreth allerdings genialisch durch den Wolf gedreht. Mit Frank Zappa und ähnlichen Eklektikern wurde er bereits verglichen, in vielen neuen Songs (zum Beispiel "Just From Chervon") hört man auch heraus, dass Longstreth zuletzt viel Zeit mit David Byrne verbrachte. Anderes ("About To Die") oder "Maybe That Was It" klingt wie große, tragische Hymnen von Elvis Costello und Joe Jackson, nur dass Musik und Gesang mit unterschiedlichem Timing abzulaufen scheinen. Manchmal, wie im Opener "Offspring Are Blank", kippt das harmlose Doo-Wop-Intro plötzlich in einen aggressiven Gitarrensturm. Und die Single "Gun Has No Trigger" ist ein grandioses Kleinod der aktuellen Popmusik: Unter einem an Danger Mouse erinnernden Retro-Swingbeat geht es um, tja, um was? Vielleicht um die existentiellste aller Fragen: "The safety's off/ But the gun/ Has no trigger". Bei diesem Album soll es vor allem um "Songs" gehen, sagte Longstreth seiner Plattenfirma. Das ist für einen Radikalen, einen American-Songbook-Dekonstruktivisten wie ihn schon eine mutige Aussage. Aber das Tolle an "Swing Lo Magellan" ist, dass es tatsächlich die hervorragend geschriebenen Lieder sind, die sich bei aller Widerborstigkeit und Verschrobenheit der Musik ins Gedächtnis graben. Eine Platte, zu der man am Ende des Jahres zurückkehren wird. (9.1) Andreas Borcholte
Messer - "Im Schwindel"
(This Charming Man/Cargo, bereits erschienen)
Während die Songs auf dem aktuellen Album der "sympathischen Wendländer" Madsen wie selbstverständlich und ohne jeden Anflug von Ironie "Es wird schon wieder gut", "Baut wieder auf", "Die Welt liegt vor Dir" und "Für immer Dein" heißen (Kunststück: Madsen meinen immer genau das, was sie sagen), steigt die Gruppe Messer auf "Im Schwindel" den Abgrund hinab. "Romy - ein letzter Schuss im Magazin/ Romy - wie gestrecktes Heroin/ Im Grabe meines Kindes will ich ruh'n." So erschafft sich das ein wenig furchteinflößend blickende Abrisskommando aus Münster eine Welt aus schiefen Häusern, blutigen Händen, morschen Ästen und den Toten, die uns umgeben. Ein großes Spaßprogramm also, wenn man die frühen Blumfeld, Kolossale Jugend, Sonic Youth und Shellac mag, die eigene Wut nur wenige Grenzen kennt und der Masterplan für die Zeit der Krankheit bis zum Tode lautet: "Ich will nur einen Raum mit einem Plattenspieler/ Eine Matratze und ein Buch und ihr seht mich nie wieder". Wenn der Nachrichtensprecher demnächst zum ultimativen Feindessatz "Hamburg lacht bei 34 Grad" ansetzen will, stopfen sie ihm das Maul mit dieser Platte. (6.7) Jan Wigger
The See See - "Fountayne Mountain"
(Dell'orso Records/Indigo, bereits erschienen)
Außer "Tagesthemen"-Sprecher Ingo Zamperoni, Jordi Alba, Andrés Iniesta, Rui Patrício, Andrea Pirlo (das Nervenzentrum jedes wichtigen Turniers) und Xabi Alonso gehörte auch ein Mann der leisen Töne, ein stiller Star, zu meinen Helden dieser wie von Gott gemalt verlaufenen EM 2012: Der 19-jährige Enoch Balotelli (höchstwahrscheinlich auch "bei Pflegeeltern aufgewachsen"), Marios Bruder, selbe Frisur, ertrug seinen Platz im Schatten des Ruhmes mit stoischer Eleganz. Natürlich ist Enoch etwas Höheres als du und kann, wenn er will, dein Leben kaufen, doch nimmst du ihm die 50-Cent-Anthology weg und schenkst ihm "Fountayne Mountain", dann schnurrt er wie eine japanische Stummelschwanzkatze. The See See: Junge Menschen in alten Körpern, jingle jangle, Sixties-Psychedelia, Westcoast-Grandezza, "The Notorious Byrd Brothers", "Buffalo Springfield Again", aber auch leise Echos von fast vergessen geglaubten Stücken der Bluetones oder Stone Roses, was die wahnsinnig merkwürdige Tatsache, dass The See See aus London kommen, zumindest etwas weniger merkwürdig macht. "I am an automobile/ I am the wagon wheel/ [ ]/ I am an aeroplane / I am the fly on your window pane." Ohne Drogen zu nichts zu gebrauchen. (6.9) Jan Wigger
Donnie & Joe Emerson - "Dreamin' Wild"
(Light In The Attic/Cargo, bereits erschienen)
Die mühevollen Ausgrabungsarbeiten des grandiosen Light-In-The-Attic-Labels (Jim Sullivan, Michael Chapman, Rodriguez) haben wir an dieser Stelle schon oft gepriesen und müssen es nicht noch einmal tun. Besingen wir lieber Ralph Buchbender, den Baron der Platten, und einen Mann, den die noch immer lispelnde "Punkt 12"-Moderatorin Katja Burkard vollkommen zu Recht als "Kult-Promoter" bezeichnen würde. Mit Jim Sullivans "U.F.O." promotete Buchbender, angestellt beim für Light in the Attic zuständigen Deutschland-Vertrieb Cargo, unlängst eine der 20 besten Platten aller Zeiten, mit "Dreamin' Wild" kümmert er sich nun auch um eines der besten Cover, das die Welt je gesehen hat: Darauf abgebildet sind Donnie und Joe Emerson, sie sehen aus wie zwei Elvis-Fans aus Poughkeepsie, die bei der deutschen Band The Teens entlassen worden sind, und kein Mensch außer Ariel Pink, dessen Begeisterung für Donnie & Joe Emerson ("'Baby' has been a staple on just about every playlist/mixtape I've assembled in the last 3 years. It is nothing short of sublime") uns nicht weiter wundert, hat in den letzten Jahren irgendein Wort über dieses 1979 veröffentlichte Wunderwerk verloren - nicht einmal Robyn Hitchcock oder R. Stevie Moore, die "Dreamin' Wild" unbedingt lieben würden, wenn sie noch ganz bei Trost sind. "Don't Go Lovin' Nobody Else" (dessen erste Sekunden die Emerson-Brüder eigentlich bei Bostons "More Than A Feeling" geklaut haben müssen), das zartfühlende "Baby", die schwül-schwelende Feuerprobe "Give Me The Chance" und der furiose, zwischen altem Rock'n'Roll, Psych-Funk und Freak-Soul changierende Einstieg "Good Time" sind Zeugnis einer geografischen Isolation (die Emersons entstammen der Einöde Nordwestamerikas), die im Falle von Donnie und Joe auf direktem Wege zu den Sternen führte. Die Nerd/Geek-Website Pitchfork.com feiert "Dreamin' Wild" natürlich auch ab. Big whoop. (8.2) Jan Wigger
Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)