17.11.2012
Pop-Oper "Madama Butterfly"
Ganz großes Kimono-Kino
Von Werner TheurichDa habt ihr es! Das könnten sich Regisseur Vincent Boussard und Modezar Christian Lacroix gesagt haben, als sie den ersten Akt dieser "Madama Butterfly" konzipierten: kostbare Kostüme, seidige Blumenprojektionen im hohen Bühnenraum, folkloristisch geschminkte Choristen: Puccinis Drama kommt optisch wie aus dem Lehrbuch für eine wirkungsvolle Inszenierung klassischer Opernpracht daher. Elegant kommt das über die Rampe der Hamburgischen Staatsoper, der Pult-Gast Alexander Joel vom Staatstheater Braunschweig dirigierte präzise und effizient, der anfängliche Hauch von Langeweile ob dieser glatten Reizfülle des ersten Aktes konnte leicht ignoriert werden.
Denn schon zu Beginn dieser uhrwerkartig schnurrenden Produktion war da etwas, das stören sollte: eine dominante Wendeltreppe mitten auf der Bühne (erdacht von Vincent Lemaire), die sich wie ein Bohrer in die wohlgeordnete Welt hineindreht, bedrohlich (ohne Geländer!) und oben wie unten sogartig in nicht näher definierte Löcher führt.
Aus diesem Pfahl im Fleische des Wohlgefühls entwindet sich die Katastrophe des zweiten und dritten Aktes, in denen dann endgültig Schluss ist mit Kimono-Wellness. Der Marine-Ami Pinkerton, der die Teenie-Geisha Butterfly just for fun heiratet und schwängert, verändert den Raum für immer; er bringt Erschütterung und Tod.
Explodierende Farben, prächtiger Orchesterklang
Die erwähnten Kimonos werden zunächst von Regisseur Boussard kraft- und wundervoll in die Musik geschmiegt. Die Entwürfe von Christian Lacroix, jeder einzelne ein Stoffregen an Individualität, überwältigen das Auge in vielen Farbschattierungen von dezent mausgrau bis tuschkastenbunt. Im Rahmen der wimmelnden Chor-Choreografie blühen die Kostüme förmlich auf, sie hüllen das freundlich Spiel von scheinbar echter Liebe und Heirat mit wohlwollend schützender Folklore ein. Die musikalische Seite der Vereinigung entfaltet sich mit den tristanisch-wagnerischen Reminiszenzen in Puccinis Orchesterklang, wobei die fraglos vorhandenen Kitsch-Momente von Alexander Joel durch filigrane Klarheit sublimiert wurden. Dennoch volle Emo-Punktzahl, blutleer darf eine Pop-Oper wie die "Butterfly" nun auch nicht klingen.
Das grandiosere Drama entwickelt sich nach der Pause. Butterfly, entkleidet aller äußerlichen Pracht, wartet als einsame, schnell erwachsene Frau in kühler, kahler Wohnung auf die Rückkehr des von ihr geliebten Pinkerton, den Vater ihres Kindes. Depression und Angst gehören nun zu ihrem Leben, nur die Dienerin und Freundin Suzuki hält zu ihr. Denn die ehemalige Geisha wurde von Familie und Gesellschaft verstoßen, auch dem Werben des reichen, durchaus wohlmeinenden Verehrers Yamadori verschließt sie sich. Der Glaube an ihre Liebe hat aus Butterfly eine verhärmte, irrlichternde Frau gemacht. Dieses innere Verzweiflungsdrama, dem das Gift der Erkenntnis schon innewohnt, kehrt die griechische Sopranistin Alexa Voulgaridou mit solcher Intensität nach außen, dass es einem die Kehle zuschnürt. Der Wechsel aus ruhelosem Herumirren und todesähnlichem Schlaf, die fahrigen Gesten, die Blicke ins wesenlos Weite: Jede Theateraufführung könnte sich glücklich schätzen, dieses Ausdruckstalent zu präsentieren.
Dazu singt Voulgaridou mit einem kraftvollen und gleichzeitig sensibel geführten Sopran, der makellos die dramatischen Höhen und Tiefen der Partie ausleuchtet. Ihr kleiner Sohn tritt nur in Gestalt einer Puppe auf, Symbol einer falschen Beziehung aus Sicht Cio-Cio Sans, die später in einen großen Wandschrank voller anderer Puppen wandert. Butterflys Geschichte soll kein Einzelschicksal sein - ihr Leid, ihre Geschichte wird Gleichnischarakter zugemessen.
Neben dieser von Alexia Voulgaridou berührend gestalteten Titelfigur bleiben die anderen Rollen etwas blasser, obwohl der rumänische Tenor Teodor Ilincai (er singt in Hamburg auch den Rodolfo in "La Bohème") beachtliche metallische Kraft und sichere Höhe aufbieten kann. Nicht so ergreifend wie seine Geisha, aber ohne Fehl und Tadel und völlig überzeugend. Regisseur Boussard stimmte die beiden bestens aufeinander ab, so dass die zerstörte Butterfly am Ende in schlichter, beinahe analytischer verklärter Schönheit stirbt. Kein Kitsch, nirgends. Und dennoch gänsehautnah, ergreifend und ganz dicht an der Story.
So bekommt Puccinis Meisterstück mächtigen Musical-Appeal - und wird mehr als ein Phantom in der Oper.
Madama Butterfly. Hamburgische Staatsoper. Weitere Aufführungen: 17., 22., 25. und 28.11. und am 3. und 5.12.2012.

