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04.12.2012
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Abgehört

Die wichtigsten CDs der Woche

Von und Jan Wigger

Massive Attacks "Blue Lines" erscheint zum 21. Jubiläum als erhaben reduzierte Deluxe-Ausgabe, das Pumpkins-Epos "Mellon Collie And The Infinite Sadness" als überladenes Boxset. Brandneu hingegen: Ryan Francesconi und Mirabai Peart versöhnen uns folkselig mit Griechenland.

Massive Attack - "Blue Lines" (2012 Remix/Remaster)
(Virgin Catalogue/EMI, bereits erschienen)

Es gibt wohl kein anderes Album, das die Katerstimmung zu Beginn der neunziger Jahre besser auf den Punkt bringt als "Blue Lines". Und das gilt nicht nur für den damaligen Status quo in der Musik, sondern auch politisch, denn nachdem sich der Jubel über das Ende des Kalten Kriegs und die Öffnung des Warschauer Pakts gelegt hatte, verstrickten sich vor allem die USA und Großbritannien am Persischen Golf in einen riskanten Konflikt mit dem Irak - ein neuer, noch heute virulenter, damals noch unvertrauter Kriegsschauplatz. Die Single "Unfinished Sympathy", von einem klingelnden, schnellen HipHop-Beat getrieben, von sehnsüchtigen Streichern und Shara Nelsons glockenhellen Vocals gebremst und gefühlig gemacht, traf im Frühjahr 1991 den Nerv dieser globalen Ernüchterung - und wurde zum ersten großen Mainstream-Hit der bis dato völlig unbekannten Band Massive Attack aus dem nasskalten Bristol.

Dass "Blue Lines" überhaupt entstehen konnte, verdankte die zu jener Zeit aus Robert "3D" Del Naja, Grant "Daddy G" Marshall und Andy "Mushroom" Vowles bestehende HipHop-Gruppe der Sängerin Neneh Cherry, die den ehemaligen Graffiti-Künstler Del Naja und Marshall anheuerte, einige Songs für ihr späteres Hit-Album "Raw Like Sushi" zu mixen. Cherry war in der Bristoler Partyszene auf die beiden DJs, Mitglieder des "Wild Bunch"-Kollektivs, zu dem auch der spätere Portishead-Gründer Geoff Barrow gehörte, aufmerksam geworden. Vor allem die gute Bezahlung für die Arbeit an Cherrys Album ermöglichten es Massive Attack, ihr Debütalbum zu produzieren - ein musikalischer Glücksfall, wie sich herausstellen sollte.

Hört man "Blue Lines" heute, 21 Jahre später, mag man das Alter dieser Platte kaum glauben, so präsent sind die verschiedenen Elemente von Stücken wie "Safe From Harm", "Unfinished Sympathy", "Blue Lines" oder "Hymn Of The Big Wheel" in der Intelligent Dance Music oder dem Post-HipHop von heute. Damals symbolisierte das weit in alle Stile geöffnete HipHop-Album "Blue Lines" auch ein allgemeines Herunterkommen von den Drogen- und Tanzexzessen der "Madchester"- und Acid-House-Bewegungen Ende der Achtziger. Mit seinen konzentrierten Beats und seiner vordergründig coolen, hintergründig angespannten Atmosphäre wirkte es wie gemacht für die frühen Morgenstunden nach dem Clubbing, wenn die Tanzbewegungen langsamer und schwergliedriger werden - die Geburt der in den späten Neunzigern populären Chill-out-Musik, wenn man so will.

Massive Attack nahmen den Geist der New Wave und des Post-Punk auf, indem sie idiosynkratisch zusammenfügten, was bis dahin meist in streng getrennte Genres gegliedert war: HipHop-Beats, Reggae und Dub, Sixties-Soul, Funk sowie Spurenelemente aus Klassik, Pop und Alternativrock. TripHop nannte man das später, als Gastrapper Tricky sich längst von der Band gelöst hatte und Portishead mit "Dummy" noch tiefer in Jazz- und E-Musik-Bereiche vorgedrungen waren. Auch die Acid-Jazz-Bewegung der Mittneunziger verdankte "Blue Lines" entscheidende Impulse, und wer weiß, ob sich Labels wie Mo'wax oder Ninja Tunes so intensiv mit der Auslotung von HipHop-Grenzen beschäftigt hätten, wenn Massive Attack nicht auf derart geschmackvolle und kühl-souveräne Art gezeigt hätten, was da vielleicht noch geht.

Robert Del Naja, der zusammen mit Elbow-Sänger Guy Garvey gerade ein King-Kong-Musical plant, wehrt sich bis heute gegen den Begriff TripHop, weil er nicht einsieht, warum man seine Band einer Kategorie zuordnen sollte, sie erschaffe immerhin einzigartige Musik. Zu diesem nicht gerade unbescheidenen Statement passt dann auch das eher reduzierte Deluxe-Boxset, das nicht zum runden Jubiläum, sondern kurioserweise zum 21. Jahrestag der Erstveröffentlichung erscheint und lediglich die neu gemischten und remasterten Stücke des Originals enthält. In der empfehlenswerten Vinyl-Ausgabe im Pappkarton sind immerhin noch ein Poster und eine DVD mit High-Resolution-Files dabei. Aber: Keine Bonus-Tracks, keine pseudo-aktuellen Remixe fürs 21. Jahrhundert - nur diese wundersame, extrem stilvolle Katermusik, die bis heute Trost spendet. Truly safe from harm. (9.0) Andreas Borcholte

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10cc - "Tenology" & "Classic Album Selection (Five Albums 1975 - 1978)"
(Mercury/Universal, bereits erschienen)

Sie waren zu schlau für uns alle (zu schlau für mich sowieso), und sie stellten diese Schlauheit offen zur Schau. Eine Band wie Jacques Tatis "Playtime", wie die Liebe von zehn Blondinen, wie Spiegelbilder in goldenen Augen: 10cc waren Englands größte Verkleidungskünstler und Illusionisten. Kevin Godley, Lol Creme, Graham Gouldman, Eric Stewart und Paul Burgess spielten zumindest bis "How Dare You!" (1976) die überkandideltste, brokatartigste, enervierendste und größenwahnsinnigste Popmusik, die sich denken ließ. Im endlosen Reich der Radiokundschaft vornehmlich für die kontemplative Atemübung "I'm Not In Love" und die nervtötend eingängigen und etwas dämlichen "Dreadlock Holiday" (später von Boney M. entheiligt) und "Life Is A Minestrone" bekannt, gründete Gouldman später mit dem vollkommen brillanten Songschreiber Andrew Gold die erst kürzlich von Thai Wolf zitierte Gruppe Wax ("Building A Bridge To Your Heart"), während Godley & Creme im berühmten Schwarz-Weiß-Video zu "Cry" Gesichter zusammenschmolzen. Wo fängt man an bei 10cc? Die "Classic Album Selection" beginnt allen Ernstes erst 1975, weshalb ausgerechnet das Meisterwerk "Sheet Music" fehlt. Tadelnswert! Auf der handlichen Werkschau "Tenology" (massives Booklet, Lyrics, Postkarten) dagegen findet man "Sheet Music" - mit Ausnahme von "Baron Samedi" - komplett, zudem eine DVD mit Videos und Auftritten, die von der Zeit vergessen wurden. Der kompletteste 10cc-Song ist und bleibt "Channel Swimmer" vom Album "The Original Soundtrack": "'Cause it's cold down here in the water/ It's cold down here in the sea/ Who'd be a channel swimmer?/ Only a fool like me." The things we do for love. "Classic Album Selection (1975-1978)" (7.0), "Tenology" (7.6) Jan Wigger

The Smashing Pumpkins - "Mellon Collie And The Infinite Sadness" (Limited Deluxe Boxset)
(Virgin/EMI, bereits erschienen)

Das auf der Rückseite auch dieses äußerst luxuriösen Boxsets angebrachte Tracklist-Deckblatt (wohin damit?) ist ein altbekanntes Ärgernis und der "FSK-6"-Aufkleber blanker Hohn, doch hat man den gewichtigen, matt glänzenden Karton einmal aufgeklappt, ist alles wieder wie Weihnachten - vor allem, seitdem man dem Jugendalter längst entwachsen ist und am 24.12. keinerlei Geschenke von niemandem mehr erhält. Sie wollten die Smashing Pumpkins dazu überreden, dieses Monstrum als zwei einzelne Alben zu veröffentlichen - wie "Use Your Illusion I & II", doch der große Träumer, Visionär und Starrkopf Billy Corgan setzte sich durch und ließ diese unwahrscheinlich zärtliche, aber auch zermürbende und gewalttätige Platte als Doppel-CD auf den Markt werfen: So lang wie dreimal Vinyl, so tief und weit wie das All, der Rachen eines biblischen Wals oder der ewige Schnee. Die Deluxe-Ausgabe von "Mellon Collie And The Infinite Sadness" erscheint im beliebten LP-Box-Format mit fünf in schwarzen Samt eingefassten CDs, einer DVD mit Live-Auftritt und verstreuten Performances, sepiafarbenem Textheft, Gemälden, Essays, Persönlichem und 64 liegengebliebenen Outtakes, meist abgewandelte Versionen und Demos des bereits bekannten Materials. Auf einem grellbunten, bizarr hell beleuchteten Foto im beigelegten Booklet sehen Corgan, D'arcy Wretzky, James Iha und Jimmy Chamberlin aus wie die Marsreisenden aus Jaco Van Dormaels "Mr. Nobody", und alle Songs klingen noch heute so gemütvoll ("1979", "Galapogos"), megalomanisch ("Tonight, Tonight") und brutal ("An Ode To No One", "Tales Of A Scorched Earth") wie vor 17 Jahren. Wer sagt, diese 28 Songs seien schlecht gealtert, hat sicher seine ganz persönlichen Gründe, nicht mehr zurückzublicken. "Mellon Collie And The Infitine Sadness" kann nichts dafür. (8.9) Jan Wigger

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Ryan Francesconi & Mirabai Peart - "Road To Palios"
(Bella Union/Cooperative Music, bereits erschienen)

Ach, Griechenland… man kriegt ja schon fast Beklemmungen, wenn man den Namen dieses Landes hört, so verinnerlicht hat man die Korruptions-, Pleite- und Schuldenmeldungen, die den Nachrichtenstrom dieses Jahres zum großen Teil dominiert haben. Als griechischer Tourismus-Manager ist man wahrscheinlich jeden Tag erneut versucht, zum Strick zu greifen, denn wer will schon Urlaub unterm Euro-Schutzschirm machen? Hinweise auf eine kräftige Bezuschussung durch das griechische Tourismus-Ministerium finden sich keine auf "Road To Palios", auch nicht im Kleingedruckten. Wahrscheinlich haben der kalifornische Gitarrist Ryan Francesconi und seine Musik- und Lebenspartnerin, die Violinistin Mirabai Peart tatsächlich ganz naiv ihren gemeinsamen Trip auf die Insel Lesbos vertont; Palios ist eine kleine Hafenstadt an der Ostküste des Eilands. Als Volkshelden feiern müsste man die beiden Kalifornier in Griechenland dennoch, denn die sieben traumhaft schönen Instrumentalstücke des Albums evozieren statt Demonstrationen gegen den Sparkurs mal wieder sonnengebackene Steinwände weißer Strandbungalows, azurblauen Himmel, langsamen Sirtaki tanzende Folklore-Gruppen und den Geruch von Oliven und Ouzo - Griechenland-Klischees also, die so ermüdend und verbraucht sind, dass es fast unmöglich scheint, sie mit neuer Leidenschaft zu füllen. Francesconi und Peart, die zu dem engen Kreis von Musikern um Folk-Muse Joanna Newsom gehört, gelingt erstaunlicherweise aber genau das. Und zwar, indem sie ihren traditionell angelsächsisch geprägten Stil sehr konzentriert und wohldosiert mit griechischer Folklore anreichern. Kein staunender Exotismus entsteht dabei, sondern die von viel Musikverständnis zeugende Übersetzung der Melancholie hellenischer Balkan-Weisen in gewohnte Stimmungslagen westlicher Popmusik. Das so garstig wirkende Griechenland kommt einem durch diese reduzierten, still-traurigen, aber auch sehr tröstlichen Miniaturen plötzlich ganz nah. Beschämend, aber vielleicht auch folgerichtig, dass erst zwei Amerikaner kommen müssen, um diese Versöhnung zumindest auf musikalischer Ebene zu vollbringen. Wir selbst sind wohl einfach zu nah dran. (6.7) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 8 Beiträge
1. update Spotify Playlist
spon-facebook-694468632 04.12.2012
wann gibt es mal wieder ein update der spotify playlist? Das letzte ist über einen Monat her! VG
wann gibt es mal wieder ein update der spotify playlist? Das letzte ist über einen Monat her! VG
2. Ausnahmsweise mal Lob
Karbonator 04.12.2012
Da wir immer gerne kritisieren, daß die Artikel in dieser Rubrik häufig grottig sind und sich auch Herr Borcholte des öfteren lieber mit anderen Dingen als (Kultur-)Journalismus beschäftigen sollte, möchte ich ausnahmsweise mal [...]
Da wir immer gerne kritisieren, daß die Artikel in dieser Rubrik häufig grottig sind und sich auch Herr Borcholte des öfteren lieber mit anderen Dingen als (Kultur-)Journalismus beschäftigen sollte, möchte ich ausnahmsweise mal loben: Der Massive-Attack-Text ist gut gelungen. :) Relativ informativ für den Interessierten und in der gebotenen Kürze die Situation gut auf den Punkt gebracht. Daher: Ausnahmsweise mal Lob. :)
3. ?
similakchild 04.12.2012
Was ist bitte Post-HipHop?
Was ist bitte Post-HipHop?
4.
neu_ab 04.12.2012
Wahrscheinlich die Epoche, wo die Elite der Musikkritiker zu der glorreichen Erkenntnis kam, das Hiphop nichts schafft.
Zitat von similakchildWas ist bitte Post-HipHop?
Wahrscheinlich die Epoche, wo die Elite der Musikkritiker zu der glorreichen Erkenntnis kam, das Hiphop nichts schafft.
5. Alternativantwort
neu_ab 04.12.2012
Die Rap-Version zu "Hoch auf dem gelben Wagen".
Zitat von similakchildWas ist bitte Post-HipHop?
Die Rap-Version zu "Hoch auf dem gelben Wagen".

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