Lade Daten...
15.12.2012
Schrift:
-
+

Debussy-Hits

Ein Mann macht mehr aus Meer

Von
Alex Vanhee

Wer braucht das? Noch eine Aufnahme von "La Mer"? Naja, nun mal nicht so voreilig - tauchen Sie erst mal darin ab. Denn unter Jos van Immerseel glänzt der alte Ozean so frisch wie ein klarer Gebirgssee. Und auch aus anderen Debussy-Dauerbrennern kitzelt der Belgier Neues heraus.

Das Debussy-Jahr 2012 (150. Geburtstag des Komponisten) ist fast vorüber, da schimmert noch kurz vor Schluss ein Juwel auf: Jos van Immerseel, Chef des abenteuerlustigen Orchesters Anima Eterna Brügge, traute sich, so etwas wie ein Greatest-Hits-Album von orchestralen Debussy-Werken aufzunehmen. Nun ist es ja nicht so, dass in der Welt nach Pierre Boulez, George Szell oder Sergiu Celibidache ein Mangel an maßgeblichen Aufnahmen von "La Mer" oder "Ibéria" geherrscht hätte. Aber dieses spezielle Meer ist herrlich erfrischend.

Jos van Immerseel liebt Überraschungen, und diese hier glückte ihm einmal wieder sehr. Chronologisch korrekt geht er korrekt vor: Er eröffnet den Reißer-Reigen mit dem ersten großen Debussy-Erfolg "Prélude à l'après-midi d'un faune" von 1894, die von van Immerseel mit enormer Zurückhaltung dirigiert und als schüchtern-charmante Ouvertüre ohne Hinterhalt dargeboten wird.

Wellen, Wind und Wolken im folgenden "La Mer" erwischen einen dann mit umso subtilerer Wucht: Jos van Immerseels von der historisch informierten Musizierweise geprägter Stil entfaltet die Klangschichten von Debussys schillernder Partitur mit wissenschaftlicher Präzision, ohne den Überschwang und das Sentiment des impressionistischen Prachtstücks zu vernachlässigen. Analytisch, aber nicht trocken - und deshalb überraschend frisch.

Präzision und wilde Wucht

Die Streicher, die bei Boulez' brillanten Versionen von 1973 und 1985 sinnlich rauschen wie in der Traumszene eines Hitchcock-Films, lässt von Immerseel klar und teils kantig durch die Noten kreuzen, Struktur geht vor, rhythmische Akzente sitzen perfekt. Debussy wie unter einer Lupe: Was für manche wie ein musikalischer Drogenrausch klingt, ist doch nur die Ausdehnung des tonalen Spektrums an seine Grenzen, was hier in allen Facetten herauspräpariert wird. Die Steigerung zum Schluss-Forte im ersten Satz ist bei aller analytischen Schärfe mit der kraftvollen Lesart Celibidaches und seiner Münchner Philharmoniker vergleichbar. Scheinbar Unvereinbares zu versöhnen - das ist eines der großen Talente Jos van Immerseels.

Das gelang ihm 2008 mit einer Einspielung der vermeintlich totgehörten Beethoven-Symphonien, später mit der "Symphonie fantastique" von Hector Berlioz oder auch den Werken des französischen Komponisten Francis Poulenc. Auch als Liedbegleiter bewies er ein kundiges Händchen, wie etwa bei Franz Schuberts "Winterreise". Dezenz und markante Akzentuierung: Auch hier gelang ihm eine Quadratur des Kreises. Allerdings stand ihm mit dem ausgezeichneten Thomas Bauer ein entsprechend selbstbewusster formender Sänger gegenüber.

Auch mit der "Winterreise" ans Ziel

So langsam pirscht sich van Immerseel mit dem von ihm 1987 gegründeten Ensemble Anima Eterna an das 20. Jahrhundert heran - denn ursprünglich befassten sich Dirigent und Orchester ausschließlich mit der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts, gespielt auf historischen Instrumenten. Seine Konzerte, aber auch die Studioaufnahmen, hatten ihm weltweit einen exzellenten Ruf für originelle Interpretationen eingebracht: 2012 erhielt van Immerseel für die Poulenc-CD den deutschen Echo Klassik.

Ein wenig rau und fast unbehauen klang es stets, was Jos van Immerseel zutage förderte, doch nie erschöpfte sich das in Manierismen oder Schrulligkeiten. Was er und sein Orchester an purer Spielfreude und sinnlicher Pracht in die Waagschale werfen können, klingt in "Ibéria" an, mit dem die Belgier ihren Debussy-Trip beenden: Mit so einer Lust am Sound, die Anima Eterna Brügge übrigens auch bei Haydn, Mozart und Ravel schon erprobten, dürften das Ensemble und sein Leiter am Ende auch Debussy-Puristen auf ihrer Seite haben. Mehr Debussy war nie.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
Sagen Sie Ihre Meinung!

CD-Tipp

CD-Tipp

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter RSS
alles zum Thema KulturSPIEGEL-Tageskarte Klassik/Jazz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten