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Amtlich
03.01.2013
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Amtlich

Die wichtigsten Metal-Alben des Monats

Von Thorsten Dörting und Boris Kaiser
Pär Olofsson

Cult Of Luna: Brutal. Und mehr.

Neues Jahr, neues Glück? Nee, brauchen wir nicht, haben wir schon. Der "Amtlich"-Januar beschert uns Pattex-Metal von Alpha Tiger sowie Musik von Maschinenmenschen, die Cult Of Luna heißen. Und als Nachschlag zum Fest: Boxen mit Motörhead und Black Sabbath.

Liebe "Amtlich"-Freunde und -Hasser, ein frohes neues.
Und keine Bange, wird schon gut, das Jahr.
Wofür wir gleich vier Indizien haben.

1. Wir haben diese Januar-Kolumne tatsächlich am ersten Donnerstag des Monats "live" gestellt, wie man hier so sagt - also zum regulären Termin. Zeichen. Wunder.

2. Dieses Mal gibt's Reviews von Alpha Tiger und Cult Of Luna. Dazu Tipps, wie man das Weihnachtsgeld von Omma sinn- und gewinnbringend anlegt (oder auch nicht). Siehe: Motörhead, Black Sabbath, Saxon und Rock Science.

3. Am 11. Januar streamen wir - wie letzten Monat angekündigt - in einer zweiten "Amtlich"-Ausgabe exklusiv, vorab und komplett "Target Earth", das neue Album von Voivod. Und damit die Kanadier sich dann nicht so allein fühlen, gesellen sich Reviews zu Ancient Vvisdom sowie Audrey Horne dazu.

4. Ebenfalls in der Ausgabe vom 11. Januar küren wir die Gewinner unserer kleinen Vorweihnachts-Verlosung. Wir hatten ja jeden "Amtlich"-Leser dazu ermuntert, auf maximal 140 Zeichen zu begründen, warum sie/ er ein Paket mit Sammlerstücken von Ván-Records-Bands verdient hat. Sagen wir mal so: Dolles Feedback, kein Witz. Ein Best-of-Auswahl gibt's also obendrauf.

Bis denne.

Cult Of Luna - "Vertikal"
(Indie Recordings/ Edel, erscheint am 25. Januar)

Pär Olofsson 2012

Cult Of Luna: Ach, das sind Maschinenmenschen?

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.


So. Zur Poesie später mehr. Erst mal zur Gastronomie.

Wer kennt und liebt sie nicht, die typisch oberamtliche Familienfeier im DIN-genormten Landgasthof zur Eiche/ Buche/ Post/ Hölle? Zum Abschluss eines Menüs bestehend aus Hühnersuppe mit Eierstich, Schweinemedaillons in Pfefferrahmsauce und "Birne Helene" wird da häufig noch ein besonderes Knallbonbon serviert, bevor die versammelte Verwandtschaft endgültig in einem Rausch aus Bier (<49 Jahre) und Betablockern (>50 Jahre) versinkt: Man trägt Gedichte über den Gastgeber vor. Was bedeutet: Ein, zwei, vielleicht auch mal drei Gäste, die dem Geburtstagskind/ der Braut/ dem Bräutigam nahe stehen, verlesen ein paar in Heimarbeit zusammengestümperte Reime, die, meist mit einem Augenzwinkern, das Leben des Gefeierten Paroli passieren lassen (Oh Horst, ich verneige mich ewiglich vor Dir).

Im sehr seltenen Idealfall gerät das ganze Gereime zur Riesengaudi, etwa wenn Cousine Susanne, 26, ihren Freund "Peter vonner Volksbank" heiratet, um in die Satteldacheigenheimphase ihres mit der Vermählung de facto beendeten Lebens einzutreten. Tja, und was passiert dann auf der Hochzeitsfeier? Am schönsten Tag ihres Lebens? Stempelt die eigene Mutti die arme Susanne - unfreiwillig und zu unrecht - mit ein paar missglückten Versen zur Dorfschlampe ab ("Schon als 14-jährige Amazone mit kerzengeradem Rücken/ tat sie mit ihrer Reitkunst jeden Hengst entzücken"). Oder nehmen wir Onkel Dieter, der seinen 60. begeht und von seinen zwei Brüdern - unfreiwillig und zu recht - als notorischer Frauenverprügler geoutet wird ("Und so wünschen wir Dir herzlichst zum Wiegenfeste/ Hals- und Beinbruch in der Liebe und auch sonst das Allerbeste/ Dank deines guten Schlags bei Frauen/ ist Dir ollem Schuft ja alles zuzutrauen").

Solche Glücksfälle sind leider selten. Wer sichergehen und bei einem Familienfest mit Lyrik miese Laune verbreiten will, sollte vorbauen - und ein geeignetes Gedicht auswendig lernen. Versuchen Sie's mal mit Georg Heym statt mit Eigenreim (siehe da oben "Gott der Stadt"). Wenn man Heyms Zeilen laut vorliest, fließen sie mit beängstigender und bedrohlicher Unaufhaltsamtkeit dahin wie das Blut eines bajonettierten Hämophilie-Patienten, die Sprachmelodie verströmt eine hinreißend morbide Schönheit, hinter jedem Wort lauert Weltschmerz, hinter jedem Komma kauern traurige Wut und zornige Furcht, weswegen ich auch immer mal wieder zu Heym greife, oder zu Trakl, wenn ich mal gar nicht mehr mag, auch der ja übrigens ein Expressionist mit typischen Expressionisten-Themen, Verfall, Schiss vorm Ersten Weltkrieg und zugleich Bock drauf, vergammelnde Blumen, Tod und so. Andere Menschen bevorzugen bei solchen Themenlagen bewegte Bilder (= Film), die eine vergleichbare Wucht entfalten, die von Fritz Lang zum Beispiel, der das Leiden am Großstadt-Moloch der Moderne, an der Maschinenwelt und am kapitalistischen Klassenkrieg mit "Metropolis" auf die Leinwand bannte.

Pär Olofsson

Tja, so sieht's wohl aus im schwedischen Umeå

Womit wir im schwedischen Umeå angekommen wären, das mit seinen knapp 80.000 Einwohnern zwar hinsichtlich großstädtischer Verderbtheit und Fäulnis nicht mit Berlin mithalten kann, das aber als offizielle Basis einer Band gilt, die sich laut eigener Aussage für ihr sechstes Album "Vertikal" - Achtung, jetzt aufgepasst! - von Fritz Langs "Metropolis" inspirieren ließ. Cult Of Luna machen so etwas wie Post-Metal, ab und an fällt sogar der Begriff "artsy". Wir verweisen hier jetzt mal auf gleich zwei Drummer in Diensten der Band und zudem auf Isis und Neurosis zur (ganz groben) Orientierung. Die Songs verzichten also auf so etwas wie Refrains, sie wachsen allmählich und vergehen genau so, und das dauert oft lang. Das klingt in Verbindung mit der "Metropolis"-Ansage der Band natürlich nach prätentiöser Studenten-Sülze (zumal sich seit der Giganto-Videoclip-"Metropolis"-Version von Disco-Großväterchen Giorgio Moroder kein Musiker mehr an diesen Stoff wagen sollte, verbrannteerdesachichnur). Und sogar noch prätentiös studentensülziger klingt die "Metropolis"-Ansage von Cult Of Luna, wenn man ein Interview mit Johannes Persson liest, einem Achtel (ja!) der Band, der betont: Wir haben uns nicht am Inhalt von "Metropolis" orientiert, sondern an der Ästhetik.

Aber wir sollten ja eigentlich nicht Herr Persson lesen, sondern seiner Musik zuhören.

Also, Frage: Was heißt der "Metropolis"-Schmonz jetzt konkret?

Antwort: Fast nur Gutes.

Denn wer zum Beispiel wissen will - und wer will das nicht? - welchen Schmerz Zahnräder in einer Konservenfabrik ertragen, wenn sie ineinander greifen und sich aneinander reiben müssen, Sekunde um Sekunde, Tag für Tag, und wer erahnen möchte, welch sadistische Freude eine Fräsmaschine dabei empfinden könnte, wenn sie in ihr Opfermetall eindringt, noch einmal und noch einmal und noch einmal, der ist hier richtig. "Vertikal" könnte unbarmherziger kaum sein, das Album ist ein Menschmaschinenmonster, dem die Schweden simuliertes Leben einprogrammiert haben, eine technisch festgelegte Gefühlsroutine, die mit der Präzison eines Uhrwerks vor unseren Ohren abgespult wird, in einem "immer wieder"-Modus mit Emotionsvarianten wie Wut, (Selbst-)Hass, Verzweiflung und Trauer, die aber nur umso mehr überwältigen, weil sie derart auf einen namenlosen Kern reduziert sind, so dass sie fast austauschbar klingen. Und egal ob schwach oder hart, schnell oder langsam - alle Herzschläge des Maschinenmenschen-Ungetüms sind Hammerschläge, über die sich ein Gesang erhebt, der nicht mehr ist, als das Kreischen eines überlasteten Getriebes.

Ja, liebe Freunde der überstrapazierten Mechanik-Metapher, das versteht Ihr richtig, diese Musik ist oft brutal, so wie in "I: The Weapon" und "Synchronicity" zum Beispiel. Aber in diese upgedatete "Metropolis"-Welt hier gehören eben auch die verzagten Neon-Leuchten, die wie schrecklich vereinsamte neurotische Menschen sind, immer strahlen sie viel zu grell, und auch die riesigen Lagerhäuser an den tristen Rändern der Industriebrachen, in deren schwarz gähnende, viel zu große Herzspeicherkammern man hier schauen kann, in sachte pochenden "Passing Through" etwa. Wobei der größte Einwand gegen dieses Album wohl ist, dass es am ehesten an solchen stillen Stellen schwächelt, ein langer Atem bekommt halt nicht immer gut.

Aber das alles ist aus einem einzigen Grund egal: "Vicarious Redemption". 18:50 Minuten lang, das vermutlich entsetzlichste, erhabenste und bei aller Gewalt zärtlichste Ungetüm, vor dem wir dieses Jahr erzittern werden. (Gesamtwertung: 8,5) Thorsten Dörting

Anspruch: Wie gesagt: "Metropolis" und so, die Jungs drehen halt am ganz großen Kunstrad. Oder sie verarschen uns alle. Denn als das kaum weniger gute Vorgängerwerk "Eternal Kingdom" (2008) erschien, erzählte die Band eine schaurig schöne Geschichte über das Konzept des Albums: Man habe sich für die Aufnahmen in die Natur zurückgezogen. Und landete, wie sich bald herausstellen sollte, an einem Ort, an dem vor langer Zeit mal eine Psychiatrische Anstalt gestanden hatte. Bei ihren neugierigen Erkundungen stießen die Musiker dann auf Überreste aus diesen Tagen: alte medizinische Apparate, wissenschaftliche Journale - und auf das Tagebuch eines gewissen Holger Nilsson. Der Mann, so ergab die Lektüre seiner Aufzeichnungen, war als Patient in der Anstalt gelandet, weil er seine Frau ertränkt hatte - und war nun vor seinen Schuldgefühlen in eine von seltsamen Wesen bevölkerte Wahnwelt geflüchtet, die er für seine eigene Untat verantwortlich machen konnte. Seine Notizen beschrieben diese Welt. Und "Eternal Kingdom" vertonte diese Welt. Cool? Nein, eine Lüge. Ein Spiel mit Musikjournalisten, die jeden Müll fressen. Und auch diesen fraßen. (9)

Artwork: "Scheiße. Die Scheibenwischerblätter sind doch gerade neu?!" (5,5)

Aussehen: Acht modische Kurzhaarschnitte mit ordentlich Studentensülze drin, damit die Frise auch sitzt. (6,5)

Aussagen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber ein falsches Leben im falschen gibt's leider auch nicht. Was blöd ist. (8) Thorsten Dörting

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  • Thorsten Dörting
    "Amtlich" - Die besten Metal-Alben des Monats. Und mehr: Thorsten Dörting, Boris Kaiser und Jan Wigger empfehlen hörenswerte Platten, sehenswerte Bands und beweisen auch mit allen anderen Blog-Einträgen, dass das 21. Jahrhundert den Nagelarmbandträgern, Kirchenverbrennern und Bierbauchtänzern gehört.

"Abgehört" und "Amtlich" live

"Amtlich"-Gastautor Boris Kaiser

  • Boris Kaiser, 38, ist Textchef beim "RockHard", dem Zentralorgan der deutschen Metal-Szene.

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