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04.01.2013
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Tocotronic-Videopremiere

Das Leben, ein Horrorfilm

Von
Sabine Reitmeier/ Universal Music

Deutschlands beste intellektuelle Band ist zurück: Im ersten Videoclip zur neuen Tocotronic-Platte "Wie wir leben wollen" wandelt eine Oberschülerin auf den Spuren von Vampirjägerin Buffy. Sehen Sie hier "Auf dem Pfad der Dämmerung" als Videopremiere.

Größter intellektueller Anspruch bei gleichzeitigem Schwelgen in popkulturellen Schrullen - mit diesem Rezept haben es Tocotronic mit ihrem letzten Album "Schall & Wahn" bis an die Spitze der deutschen Charts geschafft. Mit der grandios zwischen Rockgestus und Neoklassik schwankenden Platte endete zugleich die sogenannte Berliner Trilogie der Band, die nun mit ihrem zehnten Album "Wie wir leben wollen" in ihr 20. Karrierejahr eintritt. Zeit für ein Innehalten also, was im Falle von Tocotronic eher ein Lockerlassen bedeutet.

"Unsere letzten Alben waren so produziert worden, dass sie diesen Live-Charakter haben, um das Gefühl der Unmittelbarkeit zu verstärken. Gleichzeitig sind wir aber auch alle große Fans von empathischer Popmusik, von Chanson, Pschychedelic, Folk, weirden, spinnerten Sachen - und diese Seite ist in den letzten sieben, acht Jahren etwas in den Hintergrund getreten. Das hatten wir zuletzt bei dem weißen Album ausgelebt - und irgendwie hatten wir Lust, jetzt nach der Pause wieder ein Album zu machen, was man eher so in der Kategorie Pop fassen kann", sagte die Band unlängst im Interview mit dem deutschen "Rolling Stone".

Und so beginnt denn auch die neue Single "Auf dem Pfad der Dämmerung" nicht mit der abgezirkelten, transparent produzierten Opulenz der letzten drei Alben, sondern mit verwischt-verzerrten Noise-Gitarren und entrückt-verhallten Chören, die von einer irrlichternden Orgel begleitet werden und in einen beschwingten Sixties-Beat münden. The Smiths, die Beach Boys und Garagenrock bilden die Blaupause für eine hintersinnig-lakonische Hymne auf die Unzufriedenheit, die stete Verwunderung über die Vieldeutigkeit des Lebens, wie sie in Deutschland vielleicht nur Tocotronic hinbekommen.

(Falls Sie als Mobil-User nicht auf das Video zugreifen können - klicken Sie bitte hier!)

"Ich will Steine schmeißen, mich zerreißen, ich will täglich anders heißen/ Alle Preise sollen winken/ Ich will im Swimming Pool ertrinken", singt Dirk von Lowtzow, und im Refrain geht es weiter: "Alle sollen mich begehren/ Und mich mit Gewicht beschweren/ In die Leere will ich kriechen/ Um mich soll's nach Erdbeer'n riechen". Hier kämpft eine offenbar schwer genervte Seele mit den Beschwernissen von Körper und Gravitation, obwohl sie sich doch eigentlich ins Elysium erheben will.

Der Körper, das fremde Wesen um dich herum, das ist eines der zentralen Themen des Albums "Wie wir leben wollen". Passend dazu spielt Körperlichkeit auch im Videoclip zu "Auf dem Pfad der Dämmerung" eine große Rolle; eine hübsche Schülerin und Cheerleaderin mit wippendem blonden Pferdeschwanz (Nachwuchs-Schauspielerin Lisa Wehr) verfällt an einer grauen "Oberschule" ihren Tagträumen. Die sommerliche Szenerie wird zum Schocker, als sich das Mädchen mit akrobatischen Höchstleistungen und hölzernen Pflöcken gegen Vampire und Zombies, Mitschülerinnen und Lehrer wehren muss.

Virtuos in Szene gesetzt von Regisseurin Stephanie von Beauvais, die schon seit Jahren mit Tocotronic zusammenarbeitet (u.a. "Im Zweifel für den Zweifel" mit Ingrid Caven), variiert die Band klassisch-amerikanischen Highschool-Horror und lässt die deutsche Provinz zum Schauplatz eines Actionfilms werden, der dem Popkultur-Phänomen "Buffy the Vampire Slayer" alle Ehre macht. Sich zur Flickflack schlagenden Superheldin zu stilisieren, während einen die harte Schulbank zu Boden drückt, bringt den momentanen Gemütszustand der Tocos wohl kongenial auf den Punkt: "Meine Ziele, meine Ziele, sind auch mir Mysterien", singt von Lowtzow. Vom Intellekt beschwert, vom Pop beflügelt.


Die Single "Auf dem Pfad der Dämmerung" erscheint am 4. Januar
Das Album "Wie wir leben wollen" wird am 25. Januar veröffentlicht.

Forum

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insgesamt 21 Beiträge
1. Selten...
lustiger_leser 04.01.2013
...einen so verschwurbelt bemüht intellektuell verklärten Artikel über eine völlig überbewertete Kapelle gelesen. Tocotronic sind sterbenslangweilig, halten sich für die größten, nehmen sich dabei zu ernst, sind kompositorisch [...]
...einen so verschwurbelt bemüht intellektuell verklärten Artikel über eine völlig überbewertete Kapelle gelesen. Tocotronic sind sterbenslangweilig, halten sich für die größten, nehmen sich dabei zu ernst, sind kompositorisch allenfalls Mittelmaß, die Texte nicht intelligent, aber immerhin so clever dämlich, dass ambitionierte Kritiker irgend einen Quatsch hineininterpretieren können. Finally: die kommen respektlos bewusst zu ihren Konzerten zu spät (als Beweis, was sie von ihren Fans halten), und das neue Video ist nicht virtuos, sondern einfach nur billig und peinlich. Vom Intellekt beschwert... Kommen Sie mal runter, Andreas Borcholte!
2.
melllvar 04.01.2013
Netter Song, furchtbares Video. Ähnliches hat man auf YouTube schon professioneller gesehen.
Netter Song, furchtbares Video. Ähnliches hat man auf YouTube schon professioneller gesehen.
3. Endlich sagt es mal einer
diploma83 04.01.2013
@lustiger_leser : genau meine Meinung. Die Band ist total überschätzt. Keine Ahnung, was die Kritiker darin sehen mögen, aber für mich bleibt das eine todlangweilige Truppe...
@lustiger_leser : genau meine Meinung. Die Band ist total überschätzt. Keine Ahnung, was die Kritiker darin sehen mögen, aber für mich bleibt das eine todlangweilige Truppe...
4.
ehf 04.01.2013
Wann tritt diese alberne Mittvierziger-Boygroup endlich ab?
Wann tritt diese alberne Mittvierziger-Boygroup endlich ab?
5.
etude 04.01.2013
Weder Song noch Bildsprache reissen mich vom Hocker. Langeweile in Graugrün. Da lobe ich mir 'Junge uncut' von den Ärzten. Ähnliche Thematik, aber um Klassen besser (und humorvoller) umgesetzt…
Weder Song noch Bildsprache reissen mich vom Hocker. Langeweile in Graugrün. Da lobe ich mir 'Junge uncut' von den Ärzten. Ähnliche Thematik, aber um Klassen besser (und humorvoller) umgesetzt…

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