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07.02.2013
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Japanische Girlgroup AKB48

Sängerin bestraft sich mit Kopfrasur

Von Heike Sonnberger

Sie schor sich aus Scham den Kopf und weinte reumütig in die Kamera - eine Sängerin der berühmten japanischen Girlgroup AKB48 hat sich öffentlich entschuldigt. Ihr Vergehen: eine Nacht mit einem Jungen. Selbst vielen Japanern geht die dramatische Selbstgeißelung der 20-Jährigen zu weit.

Eigentlich sollte sie lächeln. Oder die Lippen schürzen und treuherzig schauen. Das tun die Sängerinnen der umschwärmten japanischen Popgruppe AKB48 meistens, wenn sie vor der Kamera stehen, jedes der Mädchen beherrscht das Flirten perfekt. Doch dieser Auftritt war anders: Minami Minegishi, 20 Jahre alt, saß in weißem Büßerhemd vor einer mausgrauen Wand, die Wangen tränenbedeckt, die Stirn in Falten, die Augen gesenkt. Von ihrem dichten, dunklen Haar waren nur noch Stoppel übrig. Keine Glitzersterne, Tanzkostüme, Seifenblasen. Minegishi hatte etwas zu beichten.

Ein Wochenmagazin hatte Minegishi dabei ertappt, wie sie Ende Januar die Wohnung eines jungen Mannes verließ. 19 soll er sein und Tänzer in einer Boygroup. Minegishi habe die Nacht bei ihm verbracht, berichtete das Magazin. Auf den Fotos versteckt die Sängerin ihr Gesicht unter Baseballmütze und Mundschutz.

Minegishi hatte offenbar mal wieder geflirtet, vielleicht mehr als das. Doch diesmal war es nicht vom Management orchestriert, es geschah heimlich, auf eigenen Wunsch. Die 20-Jährige verstieß damit gegen die Regeln von AKB48. Einige Stunden später kroch sie zu Kreuze.

Idole zum Anfassen

"Es tut mir so leid, dass ich solchen Kummer verursacht habe", sagte sie in ihrem Entschuldigungsvideo. Sie wollte eigentlich ein gutes Vorbild für die jüngeren Mädchen in der Band sein, aber sie habe unreif und gedankenlos gehandelt. Es sei ihr sehnlichster Wunsch, dennoch bei AKB48 bleiben zu dürfen. Doch sie lege ihr Schicksal in die Hände des Managements.

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Japanischer Popstar: Kurzgeschoren aus Reue
Dahinter steht ein Name: Yasushi Akimoto ist Produzent, Songschreiber, Medienprofi und der Erfinder von AKB48. Die Popgruppe ist in Asien über Japan hinaus bekannt und eine gigantische Geldmaschine. Derzeit gehören ihr 64 Sängerinnen und 19 Nachwuchsstars an, verteilt auf mehrere Teams. Alle sind jung, hübsch und aufgeweckt, und weil sie so viele sind, schaffen sie es, jeden Tag auf der Bühne zu stehen, in Fernseh- und Radioshows aufzutreten, Werbeclips zu drehen und Fans zu treffen.

Die Band präsentiert Idole zum Anfassen. Viele Fans sind männlich, sie besuchen in Massen die regelmäßigen Events, bei denen die Sängerinnen ihren Verehrern die Hände schütteln. Die Stars kokettieren unschuldig aufreizend in knappen Röcken und engen Oberteilen mit den Sehnsüchten ihres Publikums, und das Ganze funktioniert so gut, weil zumindest die Hoffnung besteht, die Mädchen seien noch zu haben. Liebesbeziehungen sind unerwünscht, denn sie kratzen an diesem Image.

"Sogar ein angeklagter Verbrecher muss sich nicht den Kopf rasieren"

Dass sich Minegishi so theatralisch für ihr Vergehen entschuldigte, ist nicht ungewöhnlich. In Japan ist Selbsterniedrigung ein akzeptiertes Ritual, um Scham zu bekunden. Auch das Rasieren des Kopfes ist ein traditionelles Zeichen der Demut und Reue. Auf Japanisch gibt es sogar einen eigenen Ausdruck dafür: "Mönch werden".

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AKB48: Popstars aus der Retorte
Dass eine junge Frau allerdings zu solch einem drastischen Mittel greift, geht selbst manchem Japaner zu weit. "Sogar ein angeklagter Verbrecher muss sich nicht den Kopf rasieren", sagte der Rechtsexperte Hisamichi Okamura. Die Geschäftsführerin der Menschenrechtsgruppe Human Rights Now Kazuko Ito sagte, der Fall zeige die Ausbeutung weiblicher Idole in einer männerdominierten Gesellschaft.

Minegishi beteuert, dass es allein ihre Idee war, sich die Haare abzuschneiden, niemand habe sie dazu gedrängt. Das Management von AKB48 wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht dazu äußern. Dass in der Band solch ein medienwirksamer Akt allerdings ohne die Billigung des allmächtigen Produzenten geschieht, ist schwer vorstellbar.

Die Zeichen stehen auf Versöhnung

Dafür war der Auftritt zu perfekt inszeniert: Das weiße Hemd, der graue Hintergrund, die im Nacken und an den Ohren unsauber geschorenen Haare - das ist zu durchdacht, um wie die spontane Verzweiflungstat einer 20-Jährigen zu wirken.

Nun soll die Sängerin tätige Reue beweisen. Das Management hat das Entschuldigungsvideo von seiner Seite gelöscht - offiziell auf Wunsch vieler Fans. Minegishi wurde auf den Rang einer Nachwuchssängerin degradiert und hat jetzt Zeit, sich wieder hochzuarbeiten, bis ihr Haar nachgewachsen ist.

Sie hat gelobt, sich anzustrengen, angefeuert von unzähligen Fans. Im Internet postete sie ein Foto. Es zeigt eine strahlende Minegishi, die zwei Hände zu Peace-Zeichen erhoben hat, umringt von vier lächelnden Bandkolleginnen. Eine streichelt ihren stoppeligen Schädel.

Ob Minegishi den 19-jährigen Tänzer vermisst, mit dem sie sich heimlich traf, spielt bei alledem keine Rolle.

Mit Material von AP

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 158 Beiträge
1. Sehr schoen
#9vegalta 07.02.2013
In Deutschland mal was von AKB48 zu hoeren....aber kennt die hier jemand? Ist es das wert? SPON haette dann ruhig auch ueber die Aufloesung der j-Rock Band stereopony berichten sollen. Oder dem Wechsel von Nadeshiko Japan [...]
In Deutschland mal was von AKB48 zu hoeren....aber kennt die hier jemand? Ist es das wert? SPON haette dann ruhig auch ueber die Aufloesung der j-Rock Band stereopony berichten sollen. Oder dem Wechsel von Nadeshiko Japan Mittelfeld Spielerin Kuzoe Ando nach Frankfurt.... Aber der rasierte Kopf einer huebschen Saengerin ist natuerlich wirksamer.... Trash journalismus.....
2.
XRay23 07.02.2013
Was für eine kranke Welt...
Was für eine kranke Welt...
3. Ausserdem...
#9vegalta 07.02.2013
Ist der Bericht unvollstaendig. Nur in der Bildergalerie wird erwaehnt das in anderen Laendern Schwestergruppen mit lokalen - nicht etwa japanischen - Schoenheiten gegruendet wurden....
Ist der Bericht unvollstaendig. Nur in der Bildergalerie wird erwaehnt das in anderen Laendern Schwestergruppen mit lokalen - nicht etwa japanischen - Schoenheiten gegruendet wurden....
4. Andere Wertevorstellung
Beobachter123 07.02.2013
Bitte keine Entrüstungen von Moralaposteln. Soetwas ist mir lieber als der Drogen und Alkoholsumpf einiger unser westlicher "Idole".
Bitte keine Entrüstungen von Moralaposteln. Soetwas ist mir lieber als der Drogen und Alkoholsumpf einiger unser westlicher "Idole".
5. nicht nachvollziehbar!
Spiegelleserin57 07.02.2013
ist es nicht etwas arg übertrieben was den Mädchen aufgebürdet wird? Es doch letztendlich ihr Privatleben! Ich habe mich nie an einen Arbeitgeber nicht so weit verkauft dass er mein Perivatleben reglementieren konnte oder [...]
ist es nicht etwas arg übertrieben was den Mädchen aufgebürdet wird? Es doch letztendlich ihr Privatleben! Ich habe mich nie an einen Arbeitgeber nicht so weit verkauft dass er mein Perivatleben reglementieren konnte oder kann. Ich möchte immer noch in den Spiegel schauen können. Das muss zwar jeder für sich entscheiden aber es sagt über den Menschen schon viel aus!
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