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29.03.2013
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Ex-Kraftwerk-Mitglied Bartos

Ein Roboter mit Gesicht

Von
dapd

Kraftwerk ist die berühmteste Elektro-Band der Welt, Karl Bartos galt dabei stets nur als "der Zweite von links". Was unfair ist, denn er schrieb an Klassikern wie "Das Modell" und "Computerliebe" mit. Sein neues Album klingt wie das Werk, das sich Kraftwerk-Fans schon lange wünschen.

Die Düsseldorfer Band Kraftwerk ist auch für ihre Geheimniskrämerei berühmt. Seit Jahrzehnten pflegen die Titanen der vollelektronischen Popmusik ihren Status als unnahbare Phantome, genauer gesagt Roboter.

Wer sich ein wenig auskennt, weiß vielleicht, dass Ralf Hütter dort den Ton angibt, seit sich sein Co-Regisseur Florian Schneider in den Vorruhestand verabschiedet hat. Die Namen der anderen Kraftwerk-Musiker sind hingegen kaum bekannt - was eben auch Strategie ist. "Ich mochte nicht mehr der Zweite von links sein", sagt Karl Bartos nun in Anspielung auf die Viererreihe, mit der sich Kraftwerk gerne bei Auftritten präsentieren.

Er möchte lieber als Karl Bartos wahrgenommen werden, fügt der 61-jährige Musiker dezent hinzu, der von 1975 bis 1990 ein Kraftwerk-Roboter war. Trotzdem hat der in Hamburg lebende Künstler mit dem Solo-Album "Off The Record" nun eine Platte veröffentlicht, die eigentlich vom ersten Ton an an Kraftwerk erinnert. Kein Wunder, denn seine Sammlung kunstvoll verschnörkelter elektronischer Melodien basiert auf Ideen und Skizzen, die überwiegend während seiner Zeit bei den reservierten Düsseldorfern entstanden waren.

Sehen Sie hier das Karl-Bartos-Video "Without a Trace of Emotion".

So kann man dieses Album auch als Schlüsselloch-Blick in die abgeriegelte Welt von Kraftwerk verstehen. Eine wohl nicht unbeabsichtigte Deutung, die auch vom Plattencover nahegelegt wird, auf dem Karl Bartos' Roboterpuppe aus Kraftwerk-Tagen abgebildet ist. Spannend sind diese Songs auch deshalb, weil Bartos eben nie nur der "Zweite von links" war, also ein austauschbarer Zuarbeiter, sondern an vielen der großen und berühmten Kraftwerk-Songs als Co-Autor mitgeschrieben hat.

Der in Berchtesgaden geborene Bartos studierte Musik und kam auf Empfehlung seines Professors zu Kraftwerk, als die einen Schlagzeuger für Liveauftritte suchten. Bei Wikipedia wird Bartos als Co-Autor von Kraftwerk-Klassikern wie "Das Modell", "Spacelab", "Taschenrechner", "Computerliebe", "Computerwelt", "Musique Non-Stop", "Boing Boom Tschak" und zuletzt "Tour de France" geführt. Er verließ die Band, weil sich die Chefs immer mehr Zeit mit ihren Veröffentlichungen ließen. Neben seinen eigenen Solo-Werken musizierte Karl Bartos seitdem mit illustren Kollegen wie Bernard Sumner, Johnny Marr und OMD.

Kraftwerk dagegen scheinen zufrieden zu sein mit dem Verwalten und Zelebrieren der ruhmreichen Vergangenheit. Mit seinen ehemaligen Arbeitgebern hat Bartos seit seinem Ausscheiden nur noch geschäftlich zu tun, in allen Fragen, die die gemeinsam produzierte Musik betreffen. Vielleicht dient ihm das neue Album "Off The Record" auch als Schlussstrich unter diesen Teil seiner Karriere. Ansonsten dürfte die Platte auch alle erfreuen, die seit langer Zeit auf neue Klänge von Kraftwerk lauern. Sie beweist aber auch, dass Karl Bartos nicht nur der Zweite von links war.


Karl Bartos: Off The Record. Bureau B; 15,99 Euro.

Forum

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insgesamt 38 Beiträge
1. Bartos ist nicht Kraftwerk
Der Chirurg 29.03.2013
Ohne den Beitrag von Bartos bei Kraftwerk schmälern zu wollen, bleibt nach dem Hören der neuesten Solo-Veröffentlichung doch der Eindruck, daß das Niveau auf dem sich Kraftwerk über Jahrzehnte bewegt hat, hier nicht mehr [...]
Ohne den Beitrag von Bartos bei Kraftwerk schmälern zu wollen, bleibt nach dem Hören der neuesten Solo-Veröffentlichung doch der Eindruck, daß das Niveau auf dem sich Kraftwerk über Jahrzehnte bewegt hat, hier nicht mehr erreicht wird. Ähnlichkeiten sind sicher unüberhörbar, aber am Ende wirkt das Ganze doch recht oberflächlich und leider wenig innovativ. Es klingt eben ein wenig wie Kraftwerk, das ist sicher auch gewollt, aber das war es dann auch schon. Bemühte Texte, simple Jingles, nichts Neues, dass eventuelle Vorfreude nach dem Hören rechtfertigen würde. Man könnte meine, es handele sich um Kraftwerk-Titel, die aus guten Gründen bislang nicht veröffentlich worden seien. Nicht "unhörbar", aber leider auch kein "Muss". Und schon garnicht eine Fortentwicklung eines Sounds, der jahrzehntelang stilprägend war und selbst auf dem neuesten DM Album herauszuhören ist (das allerdings auch keine Revolution darstellt). Am Ende dann leider eben doch irgendwie "nur" das Produkt des zweiten von links.
2. Aus der Zeit gefallen
Shlabotnik 29.03.2013
Ein netter 80er Jahre Popsong. Aber was hat das mit Kraftwerk zu tun - wie der Autor nahelegt -, und was hat das mit dem Jahr 2013 zu tun? Auf den Spielplätzen, die Kraftwerk ohne Frage in den 70ern eröffnet hat, haben sich [...]
Ein netter 80er Jahre Popsong. Aber was hat das mit Kraftwerk zu tun - wie der Autor nahelegt -, und was hat das mit dem Jahr 2013 zu tun? Auf den Spielplätzen, die Kraftwerk ohne Frage in den 70ern eröffnet hat, haben sich unzählige Bands und Solokünstler ausgetobt, viele davon mit originellen, tanzbaren, hörbaren und selber richtungweisenden Ergebnissen. Bartos im Jahr 2013 - zumindest dieser Song - hat nichts davon. Das Basspattern sollte seit Mitte der 80er durch sein, die Harmonien klingen nach einer Genesis B-Seite, die Sounds klingen, wie rundumsorglos-Keyboards heute halt klingen. Schade.
3. Unter den Blinden
Liberalitärer 29.03.2013
Also ich finde es durchaus innovativ. Sie schreiben "nicht unhörbar", seien wir mal dankbar genug dafür. Sicher ist es das Team, dass die ganz großen Werke geliefert hat. Aber in einer Wüste der [...]
Zitat von Der ChirurgOhne den Beitrag von Bartos bei Kraftwerk schmälern zu wollen, bleibt nach dem Hören der neuesten Solo-Veröffentlichung doch der Eindruck, daß das Niveau auf dem sich Kraftwerk über Jahrzehnte bewegt hat, hier nicht mehr erreicht wird. Ähnlichkeiten sind sicher unüberhörbar, aber am Ende wirkt das Ganze doch recht oberflächlich und leider wenig innovativ. Es klingt eben ein wenig wie Kraftwerk, das ist sicher auch gewollt, aber das war es dann auch schon. Bemühte Texte, simple Jingles, nichts Neues, dass eventuelle Vorfreude nach dem Hören rechtfertigen würde. Man könnte meine, es handele sich um Kraftwerk-Titel, die aus guten Gründen bislang nicht veröffentlich worden seien. Nicht "unhörbar", aber leider auch kein "Muss". Und schon garnicht eine Fortentwicklung eines Sounds, der jahrzehntelang stilprägend war und selbst auf dem neuesten DM Album herauszuhören ist (das allerdings auch keine Revolution darstellt). Am Ende dann leider eben doch irgendwie "nur" das Produkt des zweiten von links.
Also ich finde es durchaus innovativ. Sie schreiben "nicht unhörbar", seien wir mal dankbar genug dafür. Sicher ist es das Team, dass die ganz großen Werke geliefert hat. Aber in einer Wüste der Mittelmäßigkeit ist das schon ziemlich gut. Man sollte das Album wohl schon zwecks Abrundung kaufen.
4. Aus der Zeit gefallen
Shlabotnik 29.03.2013
Ein netter 80er Jahre Popsong. Aber was hat das mit Kraftwerk zu tun - wie der Autor nahelegt -, und was hat das mit dem Jahr 2013 zu tun? Auf den Spielplätzen, die Kraftwerk ohne Frage in den 70ern eröffnet hat, haben sich [...]
Ein netter 80er Jahre Popsong. Aber was hat das mit Kraftwerk zu tun - wie der Autor nahelegt -, und was hat das mit dem Jahr 2013 zu tun? Auf den Spielplätzen, die Kraftwerk ohne Frage in den 70ern eröffnet hat, haben sich unzählige Bands und Solokünstler ausgetobt, viele davon mit originellen, tanzbaren, hörbaren und selber richtungweisenden Ergebnissen. Bartos im Jahr 2013 - zumindest dieser Song - hat nichts davon. Das Basspattern sollte seit Mitte der 80er durch sein, die Harmonien klingen nach einer Genesis B-Seite, die Sounds klingen, wie rundumsorglos-Keyboards heute halt klingen. Schade.
5. Runter vom Elfenbeinturm!
m.breitkopf 29.03.2013
Eigentlich ist es eine kluge Entscheidung von Kraftwerk, nichts Neues zu veröffentlichen. Der Zenit war bereits mit "Electric Cafe" überschritten, "Tour de France" hätte man schon besser unter anderem Namen [...]
Eigentlich ist es eine kluge Entscheidung von Kraftwerk, nichts Neues zu veröffentlichen. Der Zenit war bereits mit "Electric Cafe" überschritten, "Tour de France" hätte man schon besser unter anderem Namen veröffentlichen sollen. Alles weitere würde nur den Mythos Kraftwerk beeinträchtigen. Sehr schade, aber wohl leider wahr. Trotzdem habe ich mich über das Album von Karl Bartos gefreut und höre es auch immer wieder. Und genauso würde es mir vermutlich mit einem Soloalbum von Ralf Hütter gehen. Das kann der doch bestimmt noch viel besser als der Bartos, oder?

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