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Kultur

Abgehört - neue Musik

Revolutionäres aus der Krypta

Die Predigt zum Protest: Algiers tragen "Black Lives Matter" in die Kirchengruft. Außerdem: Vince Staples spart Worte, Umfang reduziert Techno, Laurel Halo probt Zukunftspop.

Von , und
Dienstag, 27.06.2017   17:45 Uhr

Algiers - "The Underside Of Power"
(Matador/Beggars, seit 23. Juni)

Die Zeit der im Hintergrund dräuenden Monumentalfilm-Chöre ist vorbei: Aus der Gothic-Gospel-Oper des ersten Algiers-Albums von 2015 ist ein dringlicher, nervös-dystopischer Thriller geworden. Die Marschrichtung ist klar: Revolution. Nicht ohne Grund eröffnet "The Underside Of Power" mit einem Zitat aus einer agitatorischen Rede von Black-Panther-Aktivist Fred Hampton. Dann bricht "Walk Like A Panther" mit kaum gezügelter Intensität los: John-Carpenter-Horrorfilm-Geklimper, aggressive Old-School-Beats, modernistisches Zappeln und Flirren - und die vor lauter Schreien verzerrte Stimme von Franklin James Fisher, einem der erstaunlichsten Sänger zurzeit: "We won't be led to slaughter, this is self-genocide", brüllt er atemlos. "You made a whore of the struggle/ You made a joke of our shame", ätzt er in die Hoffnungslosigkeit hinein. Es ist eine Ansage, die sich nicht nur an Weiße, sondern auch an Schwarze richtet. Aber: "This is the final execution/ It's our endgame", schließt er seinen fatalistischen Sermon, dem, nicht minder pushy und Apokalypse ahnend, der düstere Kirchengesang "Cry Of The Martyr" folgt.

Ein angemessener Auftakt für das zweite Album einer Band, die in den vergangenen zwei Jahren mit ihren packenden Live-Shows, Agitprop-Lyrik und einem Sound aus Soul, Gospel, Post-Punk, Hip-Hop und Industrial-Dub zu einem der interessantesten Acts an der Schnittstelle zwischen weißer und schwarzer Popkultur wurde. Denn Fisher, der Shouter, Prediger und Multiinstrumentalist, ist der einzige Afroamerikaner bei Algiers. Bassist Ryan Mahan und Gitarrist Lee Tesche sind auf der Bühne stoisch-coole Taktgeber, einer im Waver-Outfit, einer Indie-Rocker. Drummer Matt Tong trommelte früher für Bloc Party. Zusammen erschaffen sie eine immer wieder in tribale Rhythmen verfallende, experimentelle Hypno-Musik, die mit PiL, Suicide und Birthday Party ebenso viel zu tun hat wie mit Marvin Gaye, Nina Simone und Memphis-Soul. Das simmert zur Albummitte in "Death March" und "A Murmur A Sign" auf Echos von Gitarren und Sklavengesängen aufwieglerisch vor sich hin, um dann in der oldschoolig klappernden "Black Lives Matter"-Hymne "Cleveland" und in der Punk-Attacke von "Animals" zu explodieren.

Trotz aller Verdichtung lassen sich Algiers zwischendurch immer wieder Zeit und Luft, ihren Sound zu erweitern, wie im klirrenden Ambient-Instrumental "Plague Years" oder kurz vor Schluss mit dem geisterhaft-sakralen Doppel "Hymn For An Average Man" und "Bury Me Standing" mit geloopten Trip-Hop-Pianos und Jazzismen.

Andreas Borcholtes Playlist KW 26

SPIEGEL ONLINE

1. Algiers: A Murmur A Sign

2. Amiri Baraka: Who Will Survive America

3. Shahid Quintet: Invitation To Black Power

4. Public Enemy: Don't Believe The Hype

5. Vince Staples: BagBak

6. The Jon Spencer Blues Explosion: 2 Kindsa Love

7. Laurel Halo: Arschkriecher

8. Umfang: Symbolic Use Of Light

9. Billie Eilish: Bored

10. TLC: American Gold

"The Underside Of Power" ist nicht nur ein musikalisch aufregendes Statement, sondern auch inhaltlich ein ergänzendes Puzzleteil zu der neuen, wütenden Revolutionsmusik gegen Rassismus, Trumpismus, Polizeigewalt und Marginalisierung, die Run The Jewels, Ho99o9 und Kendrick Lamar dieses Jahr veröffentlicht haben. Algiers vermengen ihre forsche "Let My People Go"-Rhetorik mit einer Messwein-trunkenen Depression und Todessehnsucht, die in ihren fiebrigsten Southern-Goth-Momenten an Gun Club erinnert: Jeffrey Lee Pierce, Gil Scott Heron, Nick Cave und Amiri Baraka treffen sich in der Gruft unter der Kathedrale (oder dem Weißen Haus) und legen ein Feuer, in dem Franklin James Fisher ekstatisch zuckend eine schwarze Messe für die Entrechteten und Unterdrückten abhält; das Fernsehen wird nicht eingeladen. (8.5) Andreas Borcholte

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Laurel Halo - "Dust"
(Hyperdub., seit 16. Juni)

Klingeltöne in Songs zu verarbeiten ist eines der sadistischsten Dinge, die ein Musiker seinen Hörern antun kann. Laurel Halo treibt das Spiel mit dem pawlowschen Zusammenzucken noch weiter, indem sie einem ihrer neuen Tracks das enttäuschende Fiepen der "Kein Anschluss unter dieser Nummer"-Ansage beimengt. Auch zur Musik der aus Michigan stammenden Wahlberlinerin findet man im ersten Anlauf schwerlich Anschluss. Ihr Debüt "Quarantine" wurde 2012 vor allem ob seiner Fremdartigkeit gefeiert, ein nostalgiefreies, geisterhaftes Amalgam aus Synth-Pop und experimentellem Ambient.

Dreieinhalb Jahre nach dem eher technoiden Nachfolger "Chance Of Rain" will die studierte Pianistin mit "Dust" nun ihr sonnigstes Album aufgenommen haben, wobei man "sonnig" wohl eher im Sinne von Lichtwellen verstehen muss, die sich in den Tiefen des Alls mit verirrten Radiofrequenzen kreuzen.

Denn die aus Effekten, verstolperten Beats und kleinteiligen Geräuschen collagierten Pop-Abstraktionen klingen noch immer, als kämen sie direkt aus einem Paralleluniversum herübergeweht. Wo Halos Debüt aber vor allem um Isolation und Entfremdung kreiste, erlaubt sich die Produzentin auf "Dust" erstmals eine kleine Dosis menschlicher Wärme. Zum einen in Form humorvoller Twists, etwa indem sie süße Dance-Pop-Melodien aus dem Soundnebel leiert - zum anderen, indem sie zahlreiche Gäste hinzuzieht. Den Percussionisten Eli Keszler zum Beispiel, der die Tracks mit Rasseln, Gluckern und Klackern unterfüttert, oder Designer Michael Salu, der zu Freejazz-Klängen Sätze murmelt wie: "What's the phone number? What's the password? Who won?" Gut möglich, dass hier gerade die Popmusik der Zukunft Gestalt annimmt. Gut möglich, dass sich das Ganze aber auch in seiner surrealen Traumlogik absichtslos versendet. (6.7) Fabian Peltsch

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Vince Staples - "Big Fish Theory"
(Def Jam/Universal, seit 23. Juni)

Wer kam eigentlich auf die Idee, Vince Staples mit Kendrick Lamar zu vergleichen? Klar, beide sind Rapper, kommen aus Südkalifornien, haben einen unverschämten Flow und eine eindrucksvolle Beobachtungsgabe. Und ja, beide verhandeln in ihrer Musik mehr als die Größe ihrer Testikel - die vielfältigen Fäulnisherde der amerikanischen Gesellschaft etwa. Aber ist Staples deswegen schlicht "Kendrick Lamars kleiner Bruder", wie etwa die "Welt" schreibt?

Schon die Beats auf "Big Fish Theory" verneinen das entschieden. Sie haben mit Lamars Sound genau zwei Dinge zu tun: nichts und gar nichts. Die zwölf Songs grooven unwegsam und frostig, im besten Sinne außerirdisch und tatsächlich innovativ; "Afro-Futurismus" nennt Staples das. Man könnte auch sagen: Zukunftsmusik, die man nicht an der sonnigen Westküste vermuten würde, sondern in den Kellern Detroits, Berlins oder Londons. Jazz und Soul sucht man vergebens. Stattdessen drücken sich dem Hörer massiger Zeitlupen-Techno, dystopischer Funk und Electronica sowie Field Recordings entgegen.

Die klangliche Dichte zwingt Staples dazu, seine berüchtigte Sprachgewalt zurückzunehmen. Doch gerade die neue textliche Ökonomie macht "Big Fish Theory" herausragend. Beispiele? "Ain't I lookin' lovely on the TV screen?/Battle with the white man day by day", fasst Staples gleich im ersten Song "Crabs In A Bucket" die ganze Bigotterie zusammen, für deren Demontage er früher ein ganzes Album benötigte. Oder in "BagBak", einer Brandrede gegen institutionalisierten Rassismus und für ein neues schwarzes Selbstbewusstsein: "Clap your hands if the police ever profiled/ Ain't no gentrifying us, we finna buy the whole town/ Tell the One Percent to suck a dick cause we're on now". Amerikanische Alltagsspannungen im Westentaschenformat. Staples wirkt auf "Big Fish Theory" wie ein Maler, der gelernt hat, dass man mit einem Drittel der Pinselstriche dreimal so viel Ausdruck erzeugen kann.

Wie ernst er seinen künstlerischen Anspruch nimmt, zeigt ein Blick auf die Gästeliste des Albums: Justin Vernon alias Bon Iver, Damon Albarn, Juicy J und Kendrick Lamar finden sich dort unter anderem. Allein: Man hört sie kaum. Vernon darf einen Song koproduzieren, Albarn eine Strophe auf "Love Can Be ..." hauchen. Die Botschaft ist klar: Keine großen Namen oder geschäftlichen Zwänge entscheiden, was stattfindet und was nicht. Sondern Staples allein.

Nur einer darf herausragen: König Kendrick mit einer Strophe im branchenkritischen "Yeah Right". Er ist weiterhin der Chef im aktuellen Rap-Game, klar. Aber Staples streckt sich auf "Big Fish Theory" musikalisch und textlich in Augenhöhe. Kleiner Bruder? Unsinn. Besser: Sein einziger ernsthafter Konkurrent. (9.0) Dennis Pohl

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Umfang - "Symbolic Use Of Light"
(Technicolour/Ninja Tune, seit 16. Juni)

Umfang ist so ein deutsches Wort, das sich in ausländischen Ohren kurios und fremd anhören dürfte. Um-Fang, das könnte asiatisch sein; Oomph-Äng, da wird's dann schon esoterisch. Als Muttersprachler muss man sich erst mühsam von der Alltäglichkeit des Worts lösen, um seine Eigenheit zu entdecken: Sagen Sie einfach ein paar Mal hintereinander laut "Umfang" vor sich hin und betonen Sie die Silben mal so, mal so - binnen weniger Minuten werden Sie kichern, so absurd klingt das vertraute Wort plötzlich.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.)

Einer ähnlichen Methodik könnte sich Emma Olson bedient haben, um ihre Musik zu erschaffen: Olsen kommt nicht aus Berlin, obwohl man's ob des Umfang-Monikers denken könnte, sondern aus Brooklyn, wo sie sich als Gründerin der Discwoman-Initiative um mehr Gleichstellung für Frauen und Queere in der Club- und Elektronik-Szene einsetzt. Vor allem aber ist sie eine der zurzeit interessantesten jungen Techno-Künstlerinnen.

Um sich eines Genres zu ermächtigen, in dem schon so viel ausprobiert wurde, dass so mancher aktuelle Track wie eine zu orchestraler Bedeutungsschwere aufgeblähte Symphonie wirkt, stellt sie es vom Kopf wieder auf die Füße: Die neun Tracks ihres Debüts auf dem neuen Ninja-Tune-Label-Imprint Technicolour hat sie fast komplett live als One-Takes eingespielt. Als Haupt-Equipment genügten ihr eine Boss DR-202-Drum-Machine, ein Roland TB-303-Klon namens x0xb0x und ein Korg Volca FM Synthesizer. Entsprechend reduziert klingen ihre minimalistischen Kompositionen, die naturalistische Ambient-Kontemplation ("Path", "Sweep") ebenso beinhalten wie effizient-repetitive Tanztracks ("Where Is She", "Pop" oder das sich allmählich aus Einzelteilen addierende Titelstück). Die Klammer aus "Full 1" und "Full 2" ist natürlich ein guter Witz: "Voll" im Sinne von Umfang ist hier gar nichts, im Gegenteil: Olsen lässt der Essenz von Techno ein derart großes Raum- und Phantasievolumen, dass man Lust bekommt, das Genre neu zu entdecken. (7.8) Andreas Borcholte

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insgesamt 1 Beitrag
blitzl 28.06.2017
1. Lables don't serve if only labels, except in captions them might
Well, it should be mentioned that Afrofuturism is not a descriptor to Staple's music that should be used easily. He dropped the term in an interview, cites it on the record, only its entire purpose is far beyond of simple [...]
Well, it should be mentioned that Afrofuturism is not a descriptor to Staple's music that should be used easily. He dropped the term in an interview, cites it on the record, only its entire purpose is far beyond of simple categorization, it engages in one of his main topics of how white people see black culture.
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