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Kultur

Bayreuth-Premiere 2012

Sturm überstanden

Hohe Wogen gab es in Bayreuth schon vor dem Festspielstart zu glätten. Würde sich der Eklat um Nazi-Tattos auf die Musiker auswirken? Mitnichten - fürs Ensemble des "Fliegenden Holländers" gab es frenetischen Jubel, die Regie wurde allerdings ebenso heftig ausgebuht.

dapd
Aus Bayreuth berichtet
Mittwoch, 25.07.2012   23:09 Uhr

Richard Wagners sturmgepeitschte Seefahrer-Oper fand 2012 auf dem Grünen Hügel ein Ensemble, das den "Holländer" nahezu ohne Schwachstellen in den sicheren Hafen segelte. Das Premierenpublikum stand Kopf.

Dabei war vier Tage vor der Premiere genau das passiert, was als Alptraum aller Bühneninszenierungen gilt - der Star fiel plötzlich aus, der Ersatz musste in kürzester Zeit mit zusätzlichen Proben einstudiert werden: Der Russe Evgeny Nikitin hatte die Titelrolle abgeben müssen, als sich herausstellte, dass erNazi-Tattoos auf dem Oberkörper trägt, Samuel Youn sprang für ihn ein.

Zum Festspielstart demonstrierte dann Pultstar Christian Thielemann, wie Wagner zu klingen hat: Klar, dynamisch, durchsichtig und in allen Sturmphasen der Handlung dennoch kontrolliert und beherrscht. Ein scheinbares Paradoxon, das niemand so perfekt wie Thielemann darbieten kann.

Das Beste, was man von der "Holländer"-Regie Jan Philipp Glogers, des jungen und ehrgeizigen Theatermannes aus Mainz, sagen kann, ist, dass er die Solisten optimal für die komplizierte Klangerzeugung auf der Bayreuther Bühne platziert hat. Kaum je ging ein Ton verloren, immer schmetterten alle in höchster Reinheit.

Wie man sich den Befreier schnitzt

Glogers Version des zur ewigen Seefahrt verdammten Holländers, der nur durch die Liebe einer Frau erlöst werden kann, sieht den Verfluchten als erfolgreichen Industriekapitän, der reich an materiellen Gütern, aber arm an Lebenssinn und Liebe unstet durch sein Dasein düst. Natürlich kommt er der Seemannstochter Senta wie gerufen, die sich inmitten einer naiv vor sich hin arbeitenden Frauen-Population statt mit der Produktion von Ventilatoren (auf die Spinnräder des Originals wurde verzichtet) lieber mit dem buchstäblichen Schnitzen eines Erlösers beschäftigt.

Blutrot wie ihr Kleid sind die Häuser, Blumen, Flügel und Wellen, die sie erschafft - und rot schimmert auch die Figur ihres Helden, den sie sich erträumt. Und der kommt dann in Gestalt des Holländers, den ihr Vater Daland quasi als Morgengabe von einer seiner Reisen mitbringt. Die Not des Handlungsreisenden könnte ein Ende haben, aber wie bekannt scheitert das Unternehmen an scheinbar mangelnder Liebe in Zeiten des Wirtschaftswachstums. Die beiden werden am Schluss lediglich zu einem neuen Produkt.

Für so viel Schlichtheit: Buhgegröl

Mit allzu schlichten Mitteln baut Regisseur Gloger eine Metaphern-Burg aus hohlen Pappkartons, eine ungewollte Konterkarierung seiner hehren Absichten: Hier soll eigentlich der weltweite Umsatz- und Produktionswahn angeprangert werden, mit wechselnden Lichtgeflacker und Wolkenkratzer-Anmutungen im Bühnenbild, irgendwo dazu rauschen Zahlenkolonnen, die Weltschuldenuhr tickt. Für so viel Schlichtheit gab's zu Recht Buhgegröl.

Frenetischen Jubel erhielt für ihre überragende Leistung die kanadische Sopranistin Adrianne Pieczonka, die mit klar und kraftvoll konturierten Höhen und präzisem Spiel die Senta zum Star des Abends machte. Dagegen fielen selbst Vater Daland - sauber und machtvoll von Franz-Josef Selig gegeben - und die beiden exzellenten Tenöre Benjamin Bruns als Steuermann und Michael König als Erik ein wenig ab. Dass die Chöre in Bayreuth immer eine Bank sind, unterstrich Chorleiter Eberhard Friedrich erneut.

Mit den suggestiv inszenierten Bewegungen der Chor-Ensembles gelang der Regie Jan Philip Glogers bezwingende Momente. Die Matrosen Dalands und die Geister-Crew des Holländers agieren als konkurrierende Mitbewerber-Teams in internationalen Wirtschaftsschlachten, machen den Bühnenraum eng wie angreifende Fußballmannschaften und illustrieren die Regielogik damit effizient.

Und ja, Samuel Youn, der eingesprungene Holländer: Er löste seine Aufgabe hervorragend, sein metallischer Bariton klang zwar nicht geisterhaft gefährlich, aber stark genug, um seine selbstbewusste Senta zu faszinieren. Auch für ihn regnete es verdiente Bravos, die Herrn Youn gerührt und erleichtert niederknien ließen. Sturm überstanden.

insgesamt 10 Beiträge
wuerdeesgernebessermachen 26.07.2012
1. hervorragend
Zum Glück hat jeder einen anderen Geschmack, leider haben nicht viele so eine Plattform wie Hr. Theurich, ihre Eindrücke ebenfalls zu schildern: ich fand den "neuen" Holländer hervorragend. Wie der Regisseur gerade [...]
Zum Glück hat jeder einen anderen Geschmack, leider haben nicht viele so eine Plattform wie Hr. Theurich, ihre Eindrücke ebenfalls zu schildern: ich fand den "neuen" Holländer hervorragend. Wie der Regisseur gerade durch die minimalistische, nüchterne Ausstattung gezeigt hat, dass sich das Thema durchaus in die Gegenwart transportieren lässt und sogar in die Zukunft: die Wolkenkratzer, die der Autor zu erkennen geglaubt hat, haben mich eher an Borg-Würfel erinnert und die ebenfalls vom Fluch belegte Mannschaft des Industriekapitäns hat eindrucksvoll gezeigt, wie die Unternehmen "assimiliert" werden. Ist mir in jedem Fall lieber als die romantisierte Mantel- und Degenaufführung vor 12 Jahren...
brss 26.07.2012
2. unverständlich
Kann mir mal jemand erklären, warum regelmäßig über die Festspiele berichtet wird? Sind viele Leser tatsächlich daran interessiert? Oder nur, weil es ja "Kultur" ist?
Kann mir mal jemand erklären, warum regelmäßig über die Festspiele berichtet wird? Sind viele Leser tatsächlich daran interessiert? Oder nur, weil es ja "Kultur" ist?
tylerdurdenvolland 26.07.2012
3. Hintergründe...
Interessenten an den Zusammenhang zwischen Bayreuth und Hakenkreuz, mal hier nachlesen: Vor den Festspielen: Wagner und wir - Bühne und Konzert - FAZ [...]
Zitat von sysopdapdHohe Wogen gab es in Bayreuth schon vor dem Festspielstart zu glätten. Würde sich der Eklat um Nazi-Tattos auf die Musiker auswirken? Mitnichten - fürs Ensemble des "Fliegenden Holländers" gab es frenetischen Jubel, die Regie wurde allerdings ebenso heftig ausgebuht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,846450,00.html
Interessenten an den Zusammenhang zwischen Bayreuth und Hakenkreuz, mal hier nachlesen: Vor den Festspielen: Wagner und wir - Bühne und Konzert - FAZ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/vor-den-festspielen-wagner-und-wir-11830508.html)
inecht 26.07.2012
4. der deutsche Geldadel jubelt, na und?
wen interessiert denn diese "Elite", diese pseudo-Promis der Kapital-Oberschicht, die am Geldtropf des ehrlichen Steuerzahlers hängt... ?
wen interessiert denn diese "Elite", diese pseudo-Promis der Kapital-Oberschicht, die am Geldtropf des ehrlichen Steuerzahlers hängt... ?
janne2109 26.07.2012
5. ................
so ganz klar ist mir immer noch nicht warum Evgeny Nikitin die Rolle abgeben mußte. Bereits lange vor der Premiere konnte man von dem Tattoo in der "Welt am Sonntag" lesen.
so ganz klar ist mir immer noch nicht warum Evgeny Nikitin die Rolle abgeben mußte. Bereits lange vor der Premiere konnte man von dem Tattoo in der "Welt am Sonntag" lesen.

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