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Kultur

Abgehört - neue Musik

Mit dem Kopf im Käfig - oder im Matsch

Wie mit dem Wahnsinn der Welt - und der Liebe - umgehen? Element of Crime, John Grant und Kurt Vile finden auf ihren neuen Alben teils umwerfende Antworten. Außerdem: Footwork-Queen JLin lernt neue Tänze.

Von , und Tobi Müller
Dienstag, 09.10.2018   17:34 Uhr

John Grant- "Love is Magic"
(Bella Union/Pias, ab 12. Oktober)

Stell dir vor, du hast mal wieder deine Medikamente nicht genommen und sie spielen Sade im Radio: AAAARRGHHH! John Grant, der humorvollste Schmerzensmann der aktuellen Pop-Szene, fühlt sich dann wahrscheinlich so, wie er sich auf dem Cover seines vierten Albums abbilden lässt: Geteert und gefedert mit heruntergelassener Hose, den Kopf im Vogelkäfig. Und dabei soll man dann auch noch singen? Für Grant kein Problem: "Tiki bar, rat soufflé, Buick Regal, Marvin Gaye" reimt der bärtige (und bärige) schwule Mann aus Michigan zu Beginn in "Metamorphosis" eine irrsinnige Assoziationskette aneinander, mal wieder unfähig, den Trennungs- und Seelenschmerz, den ihm ein Lover zugefügt hat, emotional zu verarbeiten: "Bogged down by mental illness und addiction", wie Grant im Interview entwaffnend freimütig zugibt.

Wir haben es also mit einem Wahnsinnigen zu tun - wahnsinnig vor Leidenschaft und unerwiderter Liebe. Es sind die immer gleichen, aber nachhaltig aktuellen Themen, die John Grant in seinen Songs bearbeitet: Ablehnung, Alienation, abgrundtiefe Verzweiflung. Erstmals vertont Grant diese Gefühle mit rein elektronischen Mitteln, ein Bruch mit den vorrangig aus Folk-Pop-Zusammenhängen gestrickten Behaglichkeiten, die er für Alben wie "Queen Of Denmark" oder "Grey Tickles, Black Pressures" wählte - und eine neue Projektionsfläche für seine immer berührende Gemütsmusik: "Metamorphosis" verblubbert in einem Krautrock-Gulasch, "Tempest" lässt seine traurige Melodie unter Achtzigerjahre-Computersounds erzittern, "Preppy Boy" ist pure Hi-NRG-Disco: Tanz die Depression!

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Grant, der zeitweise in Island lebte und viel Zeit in Berlin verbringt, beherrscht die Kunst, selbst diese kühlen, künstlich erzeugten Klangkulissen mit Wärme und Vertrautheit zu füllen. Man fühlt sich ja längst pudelwohl in seinem Wechselbad der Hysterien: "I manipulate, that's what I'm doing to you", heißt es einmal auf diesem Album, gefolgt von einem schelmischen Pfeifen. Sich selbst manipuliert er aber immer noch am liebsten: "Love Is Magic", aus dem die Sade-Szene stammt, ist in seinem selbstquälerischen Sarkasmus-Kosmos der vielleicht versöhnlichste Song, den er je geschrieben hat: "Love is magic/ Whether you like it or not/ It isn't so tragic/ It's just a lie that you bought", singt er zu einem Refrain, der Herzen schmelzen lässt.

Ja, Grant kann corny, aber er kann eben auch bitchy. Er kann einstecken, teilt aber immer auch kräftig wieder aus: "Smug Cunt" und "He's Got His Mother's Hips" (auf Nine-Inch-Nails-Groove) sind ätzende Abrechnungen mit Verflossenen, die es locker mit früheren Grant-Blutgrätschen wie "You & Him" oder "Black Belt" aufnehmen können. Die Musik dazu? Funky natürlich, Ächzen und Stöhnen inklusive. Höhepunkt dieses lustvollen Hasskübelns ist "Diet Gum", ein siebeneinhalb Minuten langer Spoken-Word-Rant auf einem abstrahierten "Billie Jean"-Beat.

Die Depridollerei am Synthie-Pult endet dann in der veritablen Elton-John-Powerballade "Touch And Go", in der Grants private Pein mit dem Weltschmerz verschmilzt. Aber eben nicht versülzt. It's a Kind of Magic. (8.7) Andreas Borcholte

Element of Crime - "Schafe, Monster und Mäuse"
(Vertigo Berlin/Universal, seit 5. Oktober)

Wer Element Of Crime hört, weiß: Leben, das ist etwas, das sich wiederholt. Der Morgen danach wird immer der erste Sonntag nach dem Weltuntergang sein. Karin wird wieder da sein, eventuell wird man also einen Kaffee mit ihr trinken, und es wird nicht wirklich etwas geben, über das es sich aufzuregen lohnt. Außer natürlich über alle anderen. Die Idioten sind. Sein müssen. Also man glaubt es, weil man sie ja nur sieht, und das, was man da sieht, veranlasst einen dazu, sich möglichst wenig mit ihnen auseinanderzusetzen. Egal, ob man auf dem Berliner Kurfürstendamm steht oder allein im Freibad sitzt.

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Auch nach dem Weltuntergang, also dann, wenn man schon längst verstanden hat, dass alles herzlich egal ist, muss man ausharren. Was hilft ist "Ein Brot und eine Tüte", und natürlich immer das nächste Bier. "Schafe, Monster, Mäuse" ist das 14. Bier von Element of Crime, und es schunkelt im Glas. Mit üblicher Trompete, mit Bläsern, Akkordeon, Streichern und Mitsing-Refrains. Das alles ist fast immer überraschend angenehm, außer in "Immer noch Liebe in mir", da schmeißen einen die Viertviertel-Bläser in aller möglichen Grässlichkeit von der Bierbank des Lebens. Mit dem Gesicht zuerst landet man im Matsch der Volksmusik.

Gut, dass man eine Platte niemals ausharren muss: Skippen geht immer. Zu "Im Prinzenbad Allein" vielleicht. Ein Song, der viel zu spät erschienen ist! Die Welt hätte Sven Regeners leicht angerostete Stimme in diesem endlosen Sommer schon früher gebraucht. Man hätte sie sich nur zu gerne wie eine nasse Wolldecke über den Kopf gelegt, um nicht mehr hinsehen zu müssen, in das allzu gleißend ausgeleuchtete Glück aller anderen. Aber nun ist ja Herbst. Hier passt die Melancholie wieder. Wunderschön wird sie im Titelstück getragen von Streichern und allzu baumwollenen Zeilen "Schafe, Monster und Mäuse helfen mir über einen Berg, aus guten Gründen und Wut, und du fehlst mir sehr." (6.0) Julia Friese

Kurt Vile - "Bottle It In"
(Matador / Beggars Group, ab 12. Oktober)

Wann denkt man beim Hören dieses Albums zum ersten Mal an Neil Young? Vielleicht gleich im ersten Song "Loading Zones", wenn sich zu den gemächlich am Eistee-Glas abperlenden Gitarrenkapriolen und Kurt Viles brabbelnder Parkplatzsuche-Meditation plötzlich ein agitatorischer Impetus mischt: "I park for free", grölt ein Chor, "that's the way I live my life", ergänzt Vile - und stellt seinen alten, roten Straßenkreuzer dreist ins Halteverbot. Wie Altvater Young hat auch Kurt Vile einen Hang zum widerständigen Phlegma, was sich auf "Bottle It In" aufs Schönste zeigt. Kaum hatte Vile nach mehreren gelobten Soloalben so etwas wie einen echten Radio-Hit ("Pretty Pimpin"), mutet er seinem gerade erst entdeckten Mainstreampublikum ein knapp 80 Minuten langes Mäandern zu.

Andreas Borcholtes Playlist KW 41

SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

 1 John Grant: Love Is Magic

 2 Kurt Vile: Bassackwards

 3 Hater: Fall Off

 4 Soap & Skin: Heal

 5 Thom Yorke: Has Ended

 6 Cat Power: Black

 7 Barbara Morgenstern: Brainfuck

 8 Klaus Johann Grobe: Discogedanken

 9 Colter Wall: Thinkin' On A Woman

 10 Element Of Crime: Die Party am Schlesischen Tor

Das kommt ohne viel Fuzz oder Feedback-Orgien aus, sondern bedient sich einer fast Hip-Hop-artigen, leichtgängigen Beatstruktur, über die Vile repetitive Figuren klimpert und klampft - und dazu wie üblich existenzielle Momentaufnahmen aus seinem herrlich langweiligen Leben reflektiert. Es geht, glaubt man, auch viel um Pillentrips und Alkoholnebel, denen Vile, inzwischen 38, aber unlängst abgeschworen haben will, wie man hört.

Die griffigen Momente in diesen langen Flüssen, die immer wieder die Zehn-Minuten-Marke reißen, muss man lange suchen, aber wenn man sie findet, zum Beispiel im Titelstück, wenn nach der Hälfte die Tonart in etwas ungeahnt Sehnsüchtiges wechselt, dann ist man berührt und versöhnt mit dem ganzen Gedaddel. "Check Baby" hingegen kaut acht lange Minuten auf einem kernigen Blues-Riff herum, während Vile zum Soundcheck ("One, two, three, check") improvisiert - und im Text den Spagat zwischen "Jive Talkin'" und "Balls To The Walls" vollzieht. Da sind dann selbst Stoner wie Brant Bjork kohärenter.

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Dass die Welt in medialer "Hysteria" versinkt und politisch alles "Bassackwards" läuft, verleitet Vile nicht dazu, das Tempo anzuziehen oder gar wütend zu werden. Lieber sinnt er - wiederum zehnminütig - über den "Skinny Mini" eines Groupies (oder auch seiner langjährigen Ehefrau) nach - und gniedelt sich ins Distortion-Nirvana. In diesen - akustisch brillanten - Momenten denkt man nicht mehr an Neil Young, sondern an Lou Reed, wenn der kein zwanghafter Neurotiker aus New York gewesen wäre, sondern ein versonnener Slacker aus Philly. Mit "Bottle It In" führt er titelgemäß ins Eingemachte - einen originären, von Vorbildern und Referenzen losgelösten Stil. Man muss nur genug Zeit und Geduld aufbringen, ihm in sein Kompott zu folgen. (7.5) Andreas Borcholte

Jlin - "Autobiography" (Music from Wayne McGregor's "Autobiography")
(Planet Mu, seit 28. September)

Wer Angst vor nervöser Musik und Frauen unter Strom hat, kann mit diesem Zwischenwerk der Footwork-Künstlerin Jlin die Schwellenangst überwinden. Und wer das schon kennt, muss kaum Qualitätsabfall befürchten. "Autobiography" ist keine Vertonung von Jlins Memoiren, sondern ein Soundtrack zu einem Tanzstück. Die Paarung ist bemerkenswert. Denn am Anfang unseres Jahrzehnts kam Footwork aus Chicago mit viel Verspätung in Europa an: als Musik, nicht als Tanz. Es klang nach billigen Maschinen wie zuletzt bei Acid House. Allerdings ließen die jetzt verwirrende Beats und einschüchterne Rhythmen frei, als wär's ein Rudel androider Tiger. Dazu fetzten sich geschredderte Samples und Bässe, denen man nachts nicht alleine begegnen möchte. Wumms und Laserarbeit im Nanobereich, es war Wissenschaft aus den Armenvierteln.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Auf "Bangs & Works Vol. 2" erschienen 2011 zwei Nummern der jungen Jerrilynn Patton aus Gary, Indiana, einem Städtchen bei Chicago. 2015 erschien Jlins Debut, letztes Jahr verblüffte die heute 31-jährige mit "Black Origami" Connaisseurs und KritikerInnen weltweit. Die Beats wurden filigraner, die Klanglandschaft diverser. "Autobiography" zeigt Jlin zur selben Zeit, als sie "Black Origami" aufgenommen hat. Und doch hören wir mehr als ein paar liegengebliebene Tracks. "First Overture" ruft noch akustisch eine Bühne auf: Hier huschen noch ein paar Streicher vorbei, da rülpst eine einsame Posaune, ansonsten hört sich der Raum schwarz und leer an, ein Windspiel und etwas Schlagwerk klingen geradezu samtpfotig. Aber bereits "Annotation" nimmt fiese Trance Fanfaren an die Leine. "Carbon" rückt mit Xylophon -Samples und anderem Holzwerk eine Minute in die Nähe von Hochkulturgott Philip Glass, doch auch da bleibt der Track nicht stehen.

Ein Dialog auf Augenhöhe zwischen Jlin und dem arrivierten Tanz - zwei Kinderstuben, zwei Klangapparate. Wobei die kurzatmige Dramaturgie des Footwork dem zerdehnten Kitsch, der in der Minimalismus-Moderne manchmal schlummert, etwas sehr Starkes in die verengte Blutbahn schießt. Andererseits hat es auch seinen Reiz, Jlin mit mehr Löchern, Räumen und Stillen in der Musik zu erleben - selbst dann, wenn sie in "Permutation" den Sägezahn ausfährt.

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"Autobiography" ist die Choregrafie des 48-jährigen Briten Wayne McGregor, im Sommer war sie auch in Berlin und Hamburg zu sehen, im Januar gibt es in Ludwigshafen und Bonn Gelegenheit. McGregor ist der Posterboy eines körperlich hochenergetischen, aber philosophisch aufgebockten Tanzes. Grundlage für "Autobiography" ist sein aufgeschlüsseltes Genom: 23 Module, die jeden Abend in neuer Abfolge arrangiert werden. McGregor mag blitzschnelle Bewegungen, doch mit Footwork hat er nichts am Hut. Vielleicht klingt diese Zusammenarbeit deswegen so frei - als hätten sich zwei zufällig getroffen, die kindlich staunen über ihren direkten Draht trotz erheblicher Differenz. Das dritte Album von Jlin wird zeigen, ob diese Begegnung Spuren hinterlassen hat. Zu wünschen wäre es, weil Tracks wie "Kundalini" zwischen angedeutetem Minimalismus und neuen Sounds Figuren eröffnen, die sich hinter "Black Origami" keinesfalls zu verstecken brauchen. (8.5) Tobi Müller


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 7 Beiträge
mariomeyer 09.10.2018
1. @Julia Friese
Bei Besprechungen von Musik, Malerei, Filmen, Büchern, Gerichten, Getränken und so weiter wünsche ich mir - ich bin da altmodisch - immer eine möglichst präzise, einfache Sprache, die ich verstehen kann. Nicht nur mit dem [...]
Bei Besprechungen von Musik, Malerei, Filmen, Büchern, Gerichten, Getränken und so weiter wünsche ich mir - ich bin da altmodisch - immer eine möglichst präzise, einfache Sprache, die ich verstehen kann. Nicht nur mit dem Herzen, sondern vor allem mit dem Verstand. Je abwegiger die Adjektive werden und je gehäufter die Neologismen auftreten, desto hilfloser fühle ich mich. Oder nicht ernst genommen. Ich will Information. Nicht Inspiration. Denn dann würde ich zu Prosa und Lyrik greifen und nicht eine Besprechung zu EoCs neuestem Album lesen. Habe ich mich klar ausgedrückt? P.S.: Falls Sie beruflich Texte verfassen, kann ich Ihnen empfehlen, sich mit den Regeln der Interpunktion vertraut zu machen. Die gibt es nämlich, weshalb man z.B. nach einem Doppelpunkt auch nicht nach Lust und Laune mit einem Groß- oder Kleinbuchstaben anfangen kann. P.S.: Ich weiß, bei SpOn mag man es nicht, die Schreibe der Mitarbeiter zu kritisieren. Ich versuche es trotzdem.
monsieurK 09.10.2018
2. Danke Julia Friese und Andreas Borcholte !!!
Kurt Vile und Elements of Crime !!! Weiter so !!!
Kurt Vile und Elements of Crime !!! Weiter so !!!
JaWeb 10.10.2018
3. Element of Crime
Tolles Album von EoC. Ob Frau Friese den Text mit den "Idioten" verstanden hat, sei dahingestellt.
Tolles Album von EoC. Ob Frau Friese den Text mit den "Idioten" verstanden hat, sei dahingestellt.
Newspeak 10.10.2018
4. ....
Sven Regener macht coole Musik, aber seit ich weiss, wie angepasst und kommerziell und nachgerade reaktionär er ist, wenn es um's Geschäft geht, höre ich nur noch den Heuchler in ihm. Das ist schade.
Sven Regener macht coole Musik, aber seit ich weiss, wie angepasst und kommerziell und nachgerade reaktionär er ist, wenn es um's Geschäft geht, höre ich nur noch den Heuchler in ihm. Das ist schade.
inecht 10.10.2018
5. Frau Friese hat es auf den Punkt gebracht.
Die Scheibe ist überraschend belanglos. Die verschwurbelten Texte sind fast nur noch Sprachübungen. Der Sound ist völlig unausgewogen. Warum macht Spon eigentlich ständig Reklame für Steuerhinterzieher aus dem Amazonas? Es [...]
Die Scheibe ist überraschend belanglos. Die verschwurbelten Texte sind fast nur noch Sprachübungen. Der Sound ist völlig unausgewogen. Warum macht Spon eigentlich ständig Reklame für Steuerhinterzieher aus dem Amazonas? Es gibt redliche deutsche Händler wie jpc !
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