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Kultur

Anti-Rechts-Band Feine Sahne Fischfilet

Punkrock für die geilen Leute

Die Punkband Feine Sahne Fischfilet hält mit Heimatverbundenheit und Unverdrossenheit gegen den Rechtsruck in Mecklenburg-Vorpommern. Begegnung in einer Rostocker Dönerbude.

DPA
Von
Samstag, 13.01.2018   11:14 Uhr

Es gibt dunkle Flecken in Deutschland. Britische Forscher erstellten eine Weltkarte, auf der anhand von Farbschattierungen abzulesen ist, wie lange Menschen fahren oder laufen müssen, bis sie das nächstgelegene Ballungszentrum erreichen, also Zugang zu Ärzten, Bibliotheken, Zivilisation: Je dunkler die Farbe, desto dürftiger die Infrastruktur.

Deutschlands dunkelste Region auf dieser Karte ist Mecklenburg-Vorpommern. Die Seenlandschaften und Strände im Nordosten locken alljährlich Touristen in Scharen an, trotzdem ist jeder fünfte Einwohner von Armut bedroht, die Löhne sind niedriger als im gesamten Bundesdurchschnitt. Bei der letzten Landtagswahl holte die AfD 20,8 Prozent, die Zahl rechtsextremer Gewalttaten gegen Ausländer, Flüchtlinge oder deren Helfer ist 2016 auf ein Rekordhoch gestiegen. Wer hier links ist und bei Trost, sieht zu, dass er wegkommt. Nach Hamburg oder in die Hauptstadt. Sollte man denken.

Manifest des Widerstands

Aber einige wollen ihr Land nicht den Rechten überlassen. Dabei entfachen sie einen so mitreißenden Lärm, dass er längst über die Grenzen "Meck-Pomms" hinaus gehört wird und in der kommenden Woche erstmals die Pop-Charts anführen könnte. "Sturm & Dreck" nennt die Punkband Feine Sahne Fischfilet ihr neues, viertes Album, das am Freitag erschienen ist. Ein Manifest des Widerstands.

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Feine Sahne Fischfilet: Sturm gegen Dreck und Verdruss

Sänger Jan Gorkow wird "Monchi" genannt, nach "Monchichi", den kleinen Kuscheltieräffchen, die in den Achtzigerjahren mal populär waren. Wie ein Maskottchen wird er auch behandelt, wenn man mit ihm durch die Straßen seines Rostocker Heimatkiezes geht: Man kommt keine zwei Meter weit, ohne dass er gegrüßt oder in ein kleines Nachbarschaftsgespräch im breitesten Nordost-Slang verwickelt wird: "Hammär, Altär!"

Hier in der KTV, der Kröpeliner-Tor-Vorstadt unweit der Rostocker Innenstadt, scheint die Meck-Pomm-Welt ganz in Ordnung zu sein. Sogar der Januarsturm, der die Landschaft auf der Zugfahrt von Berlin in tristes, graues Nass tünchte, hat sich vorübergehend verzogen. Zum Gespräch in einen Dönerimbiss nahe des Doberaner Platzes kommt auch Schlagzeuger Olaf Ney dazu. Gorkow begrüßt die Besitzer wie alte Freunde, er wohnt nur ein paar Minuten entfernt, nahe einem alternativen Wohnprojekt und dem Café Median, dem Antifa-Zentrum der Stadt.

Die KTV ist das Schanzenviertel von Rostock, eine Art safe zone für Linke. Aber auch hier gibt es immer wieder Übergriffe von Rechten, Angriffe mit Buttersäure, Zerstörungen, Pöbeleien. Der ausgeschlagene Zahn, der das Cover von "Sturm & Dreck" ziert, ist keine martialische Pose. Das Sonnenblumenhaus in Lichtenhagen und der Plattenbaustadtteil Dierkow, in dem der NSU 2004 Mehmet Turgut tötete, sind nie weit weg in der 200.000-Einwohner-Stadt. Wenn Links und Rechts in Meck-Pomm aufeinanderprallen, wird es schnell handgreiflich. Aber anders als in Hamburg oder Berlin sind die Rechten hier im Vorteil: Ihre Gewalt wird selten geahndet.

"Wie in einem Film" kommt Gorkow seine letzte Begegnung mit der auf dem rechten Auge kurzsichtigen Landesjustiz vor. Im Dezember wurde der Sänger vor Gericht vom Vorwurf freigesprochen, er habe im Mai 2015 in Güstrow bei einer Flüchtlingskundgebung einen Stuhl auf demonstrierende Rechtsextreme geworfen. Während sich Gorkow zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall verantworten musste, belangte niemand die zum Teil einschlägig bekannten Neonazis, obwohl auf Handyvideos gut zu sehen ist, dass die Aggression von ihnen ausgeht. CDU-Innenminister Lorenz Caffier führte Feine Sahne Fischfilet einige Jahre lang im Bericht des Verfassungsschutzes und ließ die Musiker wegen ihrer vermeintlich "explizit-antistaatlichen Haltung" observieren.

Dabei engagiert sich die Band inzwischen geradezu staatstragend. Mit Festivals und Kampagnen wie der Konzertreihe "Noch nicht komplett im Arsch" ziehen sie durch die Dörfer ihres Bundeslands. Wie Monchi und Drummer Olaf stammen auch die anderen Bandmitglieder aus ländlichen Regionen, strukturschwachen und kulturfernen Orten wie Jarmen, Demmin oder Loitz, wo seit Jahren die Rechtsextremen das einzige Jugendangebot stellen. 2007, zum Teil noch als Schüler, fanden sich die Fans des Fußballvereins Hansa Rostock zusammen, um mit Punkrock ein antifaschistische Alternative anzubieten.

Mit Erfolg: Schon die letzte LP "Bleiben oder Gehen" erhob Feine Sahne Fischfilet über den Status eines lokalen Phänomens hinaus; im vergangenen Herbst wurde die Band in Berlin mit dem Preis für Popkultur ausgezeichnet. Ihren Vertrag mit dem Hamburger Indie-Label Audiolith haben sie gerade erneuert, auch wenn es inzwischen Angebote größerer Plattenfirmen gegeben hat. Das neue Album wurde von Tobias Kuhn (Die Toten Hosen) feiner und voluminöser als die Vorgänger produziert, der Hosen-Verlag JKP übernahm auch das Management der Band. Im April kommt zudem der Dokumentarfilm "Wildes Herz" ins Kino, den Schauspieler Charly Hübner über Monchi drehte.

Die Rolle als neue Stars der politischen Punkszene fühlt sich noch fremd an: "Es ist schlussendlich nur Musik, Alter", sagt Monchi. "Ob dieses Album rauskommt oder nicht, es wird die Welt nicht verändern. Vielleicht kann's Leuten Kraft geben - aber vielleicht interessiert sich auch in zwei Jahren keiner mehr für Feine Sahne Fischfilet."

Zwischen Euphorie und Anspannung taumelt auch das Album, das trinkselige Hymnen wie "Alles auf Rausch" ebenso enthält wie grimmige Zustandsbeschreibungen. "Angst frisst Seele auf" schrieb die Band für die thüringische Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuss, Mitglied der Linkspartei und im NSU-Untersuchungsausschuss, die in ihrem Heimatort massiv von Nazis bedroht wird. Mit "Suruç" verarbeitet Monchi seine erschütternden Erlebnisse als Flüchtlingshelfer im syrischen Kobane.

Lieder wie "Zuhause", "Wir haben immer noch uns", "Zurück in unserer Stadt" und "Wo niemals Ebbe ist" appellieren ohne viel "Ein Hoch auf uns"-Pathos oder Betroffenheitslyrik an eine politische Botschaft, die ideologische Frontenbildung vermeidet. Heimat und Identität, Begrifflichkeiten, die traditionell vom rechten Spektrum besetzt sind, wenden Feine Sahne Fischfilet in einen libertären Patriotismus. "Wir sind keine Sozialarbeiter", sagt Gorkow. "Es geht nicht darum, Leute umzustimmen, es geht darum, den geilen Leuten Kraft zu geben."

Monchi selbst sieht seinen Ansatz ohnehin eher pragmatisch als politisch: "Sollte ich alt werden, dann werde ich hier alt. Das heißt dann aber auch, ganz egoistisch gedacht, dass ich es hier lebenswert haben will, falls ich mal Kinder haben will. Und dass ich 'ne ganze Menge Freunde habe, die von diesem Rechtsruck betroffen sind. Vielleicht, weil sie schwul sind, vielleicht, weil sie für manche Leute nicht als deutsch gelten. Wenn die mir erzählen, dass sie nicht mehr gerne Straßenbahn fahren, dann halte ich das nicht für lebenswert."

Wer rechte Politik vorantreibe, sei daher sein Feind, sagt er: "Mit organisierten Nazis braucht man nicht zu reden: Arschloch bleibt Arschloch. Du kannst es auf eine Formel runterbrechen: Mit Faschos feiern wir nicht." Natürlich, weiß Gorkow, "finden das auch viele scheiße. Wir sind nicht die Volkshelden von Mecklenburg-Vorpommern. Aber es gibt eben auch Leute, die offen sind, die kommen und gucken erst mal." Oft, ergänzt Ney, bieten die Auftritte und Aktionen der Band den versprengten Linken "überhaupt mal eine Möglichkeit, sich zu treffen und auszutauschen". Ein Konzert als Social-Media-Plattform.

Der Sound der Band ist dabei letztlich das Uninteressanteste: ein gerade herausdrängelnder Punkrock mit Gitarren und Trompeten, der nicht innovativ sein will, sondern vor allem laut und energisch - ein trotziger, gutmütiger Sturm gegen den Dreck und Verdruss dieser Zeit. "Meck-Pomm ist ein hammergeiles Bundesland", sagt Monchi. "Zeig mir ein geileres!"

insgesamt 59 Beiträge
andreas.s 13.01.2018
1. Ein Leuchtturm
in wilder, rauher See. Des konservativen Kohls seine braun blühenden Landschaften. Ein Traum.
in wilder, rauher See. Des konservativen Kohls seine braun blühenden Landschaften. Ein Traum.
larry_lustig 13.01.2018
2. einseitiger Artikel
Die Beobachtung vom Verfassungsschutz war nicht unbegründet, aber das ist dem Author egal. Nein, er stellt es sogar in Frage..... Links ist nicht per se gut..... Und wenn jemand sowas von sich gibt "Mit organisierten [...]
Die Beobachtung vom Verfassungsschutz war nicht unbegründet, aber das ist dem Author egal. Nein, er stellt es sogar in Frage..... Links ist nicht per se gut..... Und wenn jemand sowas von sich gibt "Mit organisierten Nazis braucht man nicht zu reden: A-loch bleibt A-loch. " sucht er keine Lösung oder Hilfe für Aussteiger sondern nur Feinde für seine Konfronation...
96alteliebe 13.01.2018
3. Seh geil
Auch wenn ich mich nicht als klassisch links identifizieren würde: Das ist das wovon ich seid Jahren rede! Wir dürfen den Nazis und rechten nicht unsere Identität überlassen. Die deutsche Kultur gehört uns allen und nur, weil [...]
Auch wenn ich mich nicht als klassisch links identifizieren würde: Das ist das wovon ich seid Jahren rede! Wir dürfen den Nazis und rechten nicht unsere Identität überlassen. Die deutsche Kultur gehört uns allen und nur, weil ich mein Land patriotisch mag, heißt es nicht, dass ich andere schlecht fände oder Leute, Die anders sind, als ich hassen würde. Danke an die geile Band!
theanalyzer 13.01.2018
4. Ich bin nicht links - aber ich gehe gerne hin!
Ich bin nicht links, sondern liberal. Aber trotzdem -oder grade deswegen- gehe ich gerne zu FeineSahne. MV braucht einen Gegenpol zu den Nazis, und die Konzerte in Jarmen sind geil. Ich hoffe, Euch beim Förster zu sehen. Heizt [...]
Ich bin nicht links, sondern liberal. Aber trotzdem -oder grade deswegen- gehe ich gerne zu FeineSahne. MV braucht einen Gegenpol zu den Nazis, und die Konzerte in Jarmen sind geil. Ich hoffe, Euch beim Förster zu sehen. Heizt dem Krüger ein!
manicmecanic 13.01.2018
5. Extremisten
sind das genau wie die,die zu Recht von ihnen als extrem angegangen werden.Die Sprüche des Sängers sagen allein genug aus.Umsonst hatte der Verfassungsschutz nicht diese Gruppe im Auge.
sind das genau wie die,die zu Recht von ihnen als extrem angegangen werden.Die Sprüche des Sängers sagen allein genug aus.Umsonst hatte der Verfassungsschutz nicht diese Gruppe im Auge.
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