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Kultur

Zum Tod von Glenn Branca

Musik, die den Zufall umarmte

Was im Gedenken an Glenn Branca bleibt? Ein in die Seele einsickerndes Nachklingeln im Ohr. Denn der Experimentalmusiker entwickelte Gitarrensounds, die krachend laut und menschlich zugleich waren.

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Glenn Branca im Jahr 1988

Von Max Dax
Dienstag, 15.05.2018   20:15 Uhr

Was ist ein Oberton? Ganze Bücher sind über die Erzeugung, die unterschiedlichen Frequenzbereiche und überhaupt über die Theorie von Obertönen geschrieben worden. Dabei brauchte man eigentlich nur ein brachial lautes Konzert von Glenn Branca und einem seiner in ihren Besetzungen ständig wechselnden E-Gitarrenensembles zu besuchen, um an Leib und Seele zu spüren, was das ist, so ein sich vor Publikum entladendes Obertongewitter.

Denn Glenn Branca, geboren am 6. Oktober 1948 in Harrisburg, Pennsylvania, spezialisierte sich nach seinem kometengleichen Erstaufschlag mit dem Noise-Album "The Ascension" im Jahr 1981 auf die trickreichen und kaum steuerbaren Obertöne, die entstehen, wenn man mit mehreren E-Gitarren repetitiv dieselben elektrisch verstärkten Töne spielt - und diese im Zusammenklang ein zunehmend flirrend-klirrendes Oberton-Eigenleben entfalten. Und überhaupt: Was heißt hier "mehrere E-Gitarren"?!

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Glenn Branca 2000: ohrenbetäubende, krachende Grenzerfahrungen

Glenn Branca, einmal auf den Geschmack des Unkalkulierbaren gekommen, stockte seine E-Gitarrenensembles mit jedem Jahrzehnt weiter auf, bis er 2001 schließlich vor den Zwillingstürmen des World Trade Centers in Downtown Manhattan ein Konzert für einhundert E-Gitarristen sowie etwas begleitende Schlagzeug-Percussion aufführte - wenige Monate vor ihrem Einsturz am 11. September 2001.

Kathartisch waren diese Konzertereignisse, ohrenbetäubende, krachende Grenzerfahrungen. Herausragend aus seinem umfangreichen Kompositionswerk ist seine 2008 live im Auditorium Parco Della Musica in Rom aufgenommene "Symphony No. 13 (Hallucination City) for 100 Guitars" in vier Sätzen.

In den frühen Achtzigerjahre galt Glenn Branca als radikaler Visionär

Bereits 1976 war der von der soeben begonnenen Punk-Bewegung begeisterte Glenn Branca nach New York gezogen, um dort Theater zu studieren. Das ließ er bleiben, stattdessen gründete er gemeinsam mit dem Konzeptkünstler Jeffrey Lohn die kurzlebige, aber umso einflussreichere Band Theoretical Girls - ein frühes Beispiel gegenseitigen Interesses der Avantgarde-Musikszene an der Konzeptkunst (und umgekehrt).

Schon bald nach der Veröffentlichung von "The Ascension" genoss Glenn Branca im Manhattan der frühen Achtzigerjahre den Ruf eines radikalen Visionärs, der eine Zukunft der Musik im Kopf klingeln hörte, die sich als Fortschreibung vorangegangener Avantgarde-Musiken - von Olivier Messiaen über Karlheinz Stockhausen und John Coltrane bis hin zu Rhys Chatham und überhaupt der Minimal Music - begriff.

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Glenn Branca 2011 in Paris: Kakophonie der elektrisch verstärkten Obertöne

Zwar war Glenn Branca nicht der einzige, wohl aber der strukturierteste Krachmacher der Stadt - neben ihm lärmten und wirkten u.a. New-York-Noise-Musiker wie Arto Lindsay (mit seiner Band DNA), Bill Laswell (mit seiner Band Material) und der Maler-Gitarrist Robert Longo, der auch das Cover von "The Ascension" mit einem seiner "Men in the Cities"-Bilder gestaltet hatte. Das reichte damals, um bereits von einer Bewegung, der No-Wave, zu sprechen.

In genau dieser Blase aus Theater, Noise-Musik, Kunst und radikaler Theorie gründete Glenn Branca 1982 mit der Plattenfirma Neutral Records eine eigene Plattform, um nicht nur als Musiker/Künstler, sondern auch als Mediator zwischen den Disziplinen zu wirken.

Im Rückblick erscheint es wenig überraschend, dass ausgerechnet die höchst einflussreiche Gitarren-Noise-Band Sonic Youth ihr Debütalbum auf Neutral Records veröffentlichte. Sonic Youth suchten nicht nur während ihrer gesamten Karriere die Nähe zur modernen Kunst, indem sie ihre Plattencover wie eine von ihnen kuratierte Ausstellung begriffen.

Sie übernahmen und verfeinerten auch Grundprinzipien von Glenn Brancas Kompositionsprinzipien wie die offene Stimmung von Gitarren und die daraus resultierenden Atmosphären und (dis)harmonischen Stimmungen. Einer der vier Gitarristen auf "The Ascension" war - wen wundert es? - Lee Ranaldo, neben Thurston Moore und Kim Gordon Gründungsmitglied von Sonic Youth.

Der Welt der Experimentalmusik ein zutiefst menschliches Element geschenkt

Während Sonic Youth in den Achtziger- und Neunzigerjahren die Dissonanz zunehmend kommerziell erfolgreich in den Pop infiltrierten, erforschte der notorisch schlechtgelaunte Glenn Branca weiterhin die Felder der schmerzhaften Obertöne, der hypnotischen Repetition und schließlich auch ausgiebig der Drone-Musik, deren prominenteste Vertreter, die seit 2000 aktive US-amerikanische Drone-Band Sunn O))), sich explizit auf Glenn Brancas Lehren beziehen.

Glenn Branca starb nun 69-jährig an Kehlkopfkrebs. Seine Ehefrau, die Experimentalgitarristin Reg Bloor, legte in einer am Todestag veröffentlichten Twitter-Meldung großen Wert auf die Feststellung, dass die sprichwörtliche Übellaunigkeit ihres Mannes nur eine von vielen Facetten seines Gemüts abbildete. Tatsächlich habe Glenn Branca auch zärtliche und humorvolle Seiten gehabt, die er freilich vor allem "in our little world", in der eigenen, vor der Außenwelt geschützten Privatheit, gezeigt und gelebt habe.

Was im Gedenken an Glenn Branca bleibt, ist eine Kakophonie der elektrisch verstärkten Obertöne, eine Konzeption von Musik, die explizit den Zufall umarmte und der Welt der Experimentalmusik ein zutiefst menschliches Element schenkte, ein lange anhaltendes, in die Seele einsickerndes Nachklingeln im Ohr.

Bleibt eine Frage: Wie hat man sich die Stille nach den Klanggewittern Glenn Brancas vorzustellen?

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