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Kultur

Abgehört - neue Musik

Die Schwestern, der Schweizer und die Schwanhyäne

Kaufen Sie sein Album, er will in die Charts: Andreas Dorau wird zum deutschen Pet Shop Boy. Außerdem: Haim haben mal wieder viel Fleetwood Mac gehört, und Faber wohnt bei AnnenMayKantereit im Keller.

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Dienstag, 04.07.2017   18:03 Uhr

Andreas Dorau - "Die Liebe und der Ärger der Anderen"
(Staatsakt, ab 7. Juli)

Machen wir's kurz: Kaufen Sie dieses Album! Nicht lange überlegen, einfach machen. "Die Liebe und der Ärger der Anderen" hat nicht nur einen tollen Titel, sondern auch ein großartiges, gemaltes Cover, auf dem nicht nur der Künstler, sondern auch ein Fabeltier zu sehen ist. Gut, nein, es ist kein Einhorn, leider. Aber hey, eine Schwanhyäne! Oder ein Hyänenschwan? Egal. Drinnen gibt es tolle, sehr praktische, garantiert nicht dick machende Sommerpophymnen to go wie "Liebe in Dosen". Oder von Eurosdance-Legende Luca Anzilotti (Snap!) handgeknurpselte House-Tracks wie "Liebe Bürger". Oder Lebensweisheiten, die nur auf den ersten Blick banal wirken wie "Liebe ergibt keinen Sinn".

Gut, an die, äh, besondere Stimme von Andreas Dorau muss man sich immer wieder gewöhnen, aber dafür hat man auf "DLUDÄDA" ja ganze 20 Songs lang Zeit! Der ehemalige NDW-Star ("Fred vom Jupiter") mag eigentlich keine Doppelalben, ließ sich aber von seinem mit allen Indie-Wassern gewaschenen Label Staatsakt zur Deluxe-Packung überreden. Er will es nach gut 36 Jahren im Business endlich mal in die Album-Charts schaffen. Wer würde es diesem hervorragenden, stets um Positivismus bemühten Songwriter, den so mancher Kritikerkollege immer noch für einen Kindskopf hält, nicht gönnen?

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Doraus Status als Schattenkanzler des deutschen Pops kann man auch an der Gästeliste ablesen: Stereo Total, Mense Reents (Goldene Zitronen, Die Regierung), Andreas Spechtl (Ja Panik), T-Raumschmiere, Carsten Friedrichs (Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen), Wolfgang Müller (Die tödliche Doris) und natürlich Produzent Moses Schneider (Tocotronic und eigentlich auch alles andere). Man muss hier gar nicht die tragikomische Punker-Geschichte mit dem toten Hund namens Hitler erwähnen ("Ein trauriger Tag" mit Françoise Cactus) oder die irre Story über den Bayern, der die Ostdeutschen mit einem Federvieh schlug ("Ossi mit Schwan"), um diese Platte nahezu uneingeschränkt empfehlen zu können.

Video: Andreas Dorau - "Ossi mit Schwan"

Wer Tiefsinniges ("Aufs Herz gefallen, Liebe kaputt"), sympathisch Nabelschauendes ("Radiogesicht") oder Politisches ("Ich Seh Schwarz") will, hört einfach auf die kunstvoll in Naivität verkleideten Texte, alle anderen schnippen einfach mit dem Finger oder wiegen sich sonnig im Tanztakt. Andreas Dorau war schon immer der deutsche Pet Shop Boy: immer irgendwie da, immer liebenswert, nicht zwingend relevant, aber unverzichtbar. Ab in die Charts mit ihm. (7.9) Andreas Borcholte

Haim - "Something To Tell you"
(Universal, ab 7. Juli)

Die Frage, ob die Karriere des Schwesterntrios Haim nach einem hervorragenden Debüt ein jämmerliches Ende nehmen würde, entschied sich, oh Ironie, ausgerechnet an einem Film namens "Trainwreck". So nennt man im US-amerikanischen Umgangsenglisch jemanden, der völlig fertig ist, ein Wrack halt. Haim sollten vor zwei Jahren für die Komödie von und mit Amy Schumer, die hierzulande absurderweise "Dating Queen" hieß, einen Song beisteuern. Zeit: Eine Woche.

Die musikalisch hochbegabten Schwestern aus dem San Fernando Valley, die schon seit frühesten Kindheitstagen an diversen Instrumenten und Schlaginstrumenten ausgebildet wurden, waren aufgeschmissen. Plötzlich war er da, der lange wegprokrastinierte Druck, ob sie einen Überraschungserfolg wie "Days Are Gone" (2013) noch einmal wiederholen - oder auch nur an Hits wie "Falling" oder "The Wire" anknüpfen könnten. Sie schrieben dann die lebhafte Soulpop-Nummer "Little Of Your Love" und der Bann war gebrochen. Auf dem "Trainwreck"-Soundtrack landete der Song letztlich nicht, aber auf "Something To Tell You", dem Album, mit dem Haim nun nach vier langen Jahren zurückkehren. Der One-Hit-Wonder-Fluch ist also erstmal abgewendet, alles andere wird man sehen.

Video: Haim - "Right Now"

Denn "Something To Tell You" ist in vielerlei Hinsicht das "schwierige" zweite Album: Es hat die selbstsicheren, zwischen süßem Motown-Soul und sattem Westcoast-Rock schwingenden Melodien und Hooks. Es hat den Charme dieser drei coolen Pech-und-Schwefel-Geschwister. Es hat einen Videoclip, der von Paul Thomas Anderson in einem Vintage-Studio gedreht wurde ("Right Now"). Es hat ein retroheimeliges Covermotiv, das man sich sofort zuhause über den Flokati-Teppich hängen möchte. Kurzum: Die notwendigen Elemente sind vorhanden, aber mindestens eine hinreichende Bedingung fehlt, um dieses Album zu einem Wunderwerk zu machen.

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Vielleicht, ganz bestimmt, wäre das ohnehin zu viel verlangt. Aber die Zeit, in der wir leben, verlangt ja nach immer neuen Höchstleistungen und Superlativen. Es ist eine anstrengende, überfordernde Zeit, und deshalb trifft Popmusik, die wie aus den Achtzigern reimportiert klingt, heute auf einen so resonanzwilligen Nerv. Haim waren mit "Days Are Gone" an der Spitze dieser inzwischen allgegenwärtigen Rückwärtsbewegung. Auch jetzt beherrscht sehnsüchtige Nostalgie-Romantik die Songs: "I Want You Back" ist ein energischer Stoßseufzer an eine Beziehung, als sie noch nicht den Status "It's complicated" hatte. "Tell me nothing's wrong" fordert Sängerin und Songschreiberin Danielle Haim dann im zweiten Song: Kann nicht alles wieder so einfach wie früher sein? Nee, kann es nicht. Und das wissen sie natürlich auch. Kaum umsonst dient hier ein später Fleetwood-Mac-Hit als Blaupause: Tell me lies, tell me sweet little lies.

Andreas Borcholtes Playlist KW 27

SPIEGEL ONLINE

1. Faber: Alles Gute

2. Andreas Dorau: Liebe in Dosen

3. Arcade Fire: Creature Comfort

4. Haim: Want You Back

5. Fleetwood Mac: Tango In The Night

6. Eagles: The Disco Strangler

7. Algiers: Cleveland

8. Sampha: Cranes In The Sky (Glastonbury)

9. Bedouine: Back To You

10. St. Vincent: New York

Aus dieser bittersüßen Melancholie schöpft das Album seine ganze Kraft. Die Musik ist brillant und komplex - und hat eine spielerische Qualität, die selten auf aktuellen Pop- und Rock-Platten ist. Eagles, Fleetwood Mac, Commodores, Michael Jackson - die musikalischen Blaupausen der Spätsiebziger bis Mittachtziger werden von Haim kompetent reproduziert, allerdings nicht im typisch dünnen Sound der Eighties von Jimmy Jam und Terry Lewis, sondern in der voluminösen Samtigkeit von Quincy Jones.

Verantwortlich dafür ist Danielles Boyfriend und Haim-Hausproduzent Ariel Rechtshaid zusammen mit Vampire-Weekend-Musikus Rostam Batmanglij. Twin Shadows George Lewis Jr. und Dev "Blood Orange" Hynes. Ihre Bemühungen, das Vintage-Ambiente mit Stimm-Verzerrungen, Füllseln und Sound-Layerings auf zeitgerecht zu trimmen, verstellen den Blick auf die Substanz der Songs. Wenn es die denn überhaupt gibt. Das bleibt die große offene Frage. Oh, sweet nothing. (6.9) Andreas Borcholte

Video: Haim - "Want You Back"

Faber - "Sei ein Faber im Wind"
(Vertigo Berlin, ab 7. Juli)

Während AnnenMayKantereit in ihrer luftigen Altbauwohnung im dritten Stock barfuß am Klavier sitzen, hockt Faber nackt im vollgerauchten Keller und holt sich einen runter. Aber das einzige, das diese beiden Pop-Phänomene wirklich miteinander verbindet, sind die rauröhrenden, vorzeitig gealtert klingenden Stimmen ihrer jungen Sänger. Ansonsten wohnen sie noch nicht einmal im selben Pop-Haus.

Julian Pollina, 23, der sich Faber ohne Homo davor nennt, ist Schweizer und bedient sich mit seinem Wodkagurgler-Organ einer saftigen Sprache, die im Feuilleton bereits zu Überlegungen führte, ob sich im deutschsprachigen Pop nach Jahren der Befindlichkeits-Weichspülung ein neuer Macho-Sexismus Bahn bricht; Wanda und Bilderbuch stehen Pate und Kraftklub rufen "Hure" von der Seitenlinie. Auch Faber ist verlassen und enttäuscht, aber statt rumzupoltern, wird er fatalistisch wie ein geübter, vom Leben blutig geschnittener Chansonnier, der verkorkste kleine Bruder von Stephan Eicher: "Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir", ächzt er hohlwangig. Man muss ein hartes Herz haben, um in einem solchen hinreißend abgründigen Seufzer nur die Frauenfeindlichkeit zu finden.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.)

Vielleicht hat das große, pathostriefende Männerdrama ja tatsächlich vorerst ausgespielt, im Pop wie im Kino oder im Theater, vielleicht nahm Leonard Cohen es mit ins Grab. Übrig bleiben die, die glauben, sich an die Frauen mit Gefühlskleinklein heranwanzen zu können, die Giesingers und Schweighöfers und auch Henning May, wenn er auch noch so kerlig klingt. Aber die Girls? Die gehen lieber zu Faber mit seinem Künstlerwuschelkopf und seinem Schützenverein auf dem Albumcover. Sie hören sich an, wie er sie - "nachts sind alle Katzen geil" - auf "Brüstebeinearschgesicht" reduziert. Faber aber bleibt unnahbar, er gibt den traurigen Mystery Man, umgeben von einer Pheromon-Wolke aus Schmerz: "Lass mich nicht auf dich los", warnt er sinister zu traurigen Piano- und Trompetenklängen in "Lass mich nicht los", dem besten Song seines Debüt-Albums, aber dann auch: "Lass mich nicht mir mir allein" - der unwiderstehliche Schmerzensmann ist ein Klassiker der dunklen Verführungskunst. Und schon schmelzen sie dahin; jede einzelne will ihn erretten aus seinem Leid. Ha!

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Die Rolle des Schwerenöters beherrscht Faber, dieser Narziß mit Goldmund, also wie kein anderer seiner Generation. Nebenbei ist er aber auch ein guter Songwriter, der in "Alles Gute" der Masturbation und der Einsamkeit eine entzückend selbstironische Ode singt: "Wie du es dir machst, macht es dir niemand auf der ganzen Welt", singt er, um dann in einen der hinreißendsten Refrains des Jahres zu verfallen: "Wenn du dann am Boden bist, weißt du, wo Du hingehörst". Dazu wieder die traurigen Trompeten, der Balkan-Beat, der Bar-Blues mit Big Band. Lasst ihn ruhig mal spielen, den Mann. (8.2) Andreas Borcholte

Video: Faber - "Alles Gute"

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 3 Beiträge
germ 06.07.2017
1. AD Faber Haim
Andreas Dorau: Man will ja niemanden wehtun, aber die Platte kommt 36 Jahre zu spät. Den Stil und Sound finde ich einfach altmodisch. Mit Faber kann ich gar nichts anfangen. Haim würde ich mal außer Konkurenz laufen lassen. [...]
Andreas Dorau: Man will ja niemanden wehtun, aber die Platte kommt 36 Jahre zu spät. Den Stil und Sound finde ich einfach altmodisch. Mit Faber kann ich gar nichts anfangen. Haim würde ich mal außer Konkurenz laufen lassen. Guter amerikanischer Pop eben. Aber nichts Weltbewegendes.
cave68 06.07.2017
2.
ich persönlich finde den NDW-Sound relativ zeitlos...mag auch daran liegen ,dass man eben mit dieser Musik aufgewachsen ist und seine Jugendzeit damit verbracht hat. Kaufen würde ich mir jetzt keine CD von Andreas Dorau [...]
Zitat von germAndreas Dorau: Man will ja niemanden wehtun, aber die Platte kommt 36 Jahre zu spät. Den Stil und Sound finde ich einfach altmodisch. Mit Faber kann ich gar nichts anfangen. Haim würde ich mal außer Konkurenz laufen lassen. Guter amerikanischer Pop eben. Aber nichts Weltbewegendes.
ich persönlich finde den NDW-Sound relativ zeitlos...mag auch daran liegen ,dass man eben mit dieser Musik aufgewachsen ist und seine Jugendzeit damit verbracht hat. Kaufen würde ich mir jetzt keine CD von Andreas Dorau aber trotzdem muss ich sagen,dass diese Songs für mich jetzt erfrischender klingen als so manch anderer Massenmüll von irgendwelchen gehypten Popsternchen,die hier immer wieder vorgestellt werden.
hafnafjoerdur 09.07.2017
3. Haim
Ich höre gerade die CD durch und fühle mich weniger an die 80 erinnert, als an den zahnlosen 90er Popbrei irgendwo zwischen TLC, Natalia Imbruglia und Wilson Philips. Damals wäre es nicht weiter unangenehm aufgefallen, heute [...]
Ich höre gerade die CD durch und fühle mich weniger an die 80 erinnert, als an den zahnlosen 90er Popbrei irgendwo zwischen TLC, Natalia Imbruglia und Wilson Philips. Damals wäre es nicht weiter unangenehm aufgefallen, heute nervt es schon nach dem dritten Stück. Ziemlich überschätzt, die Damen. Zu Andreas Dorau muss man nicht viele Worte verlieren, wenn man das Wort überschätzt schon im Satz vorher verwendet hat. Der Gute wird vollkommen zu Recht seit 30 Jahren übersehen. Wer wirklich spannende neue Musik hören will, sollte sich die Alben von Big Thief, Hazel English, Kiefer Sutherland (ja, der 24-Jack Bauer) oder Little Steven zulegen. Um mal ein paar zu nennen. Kurz noch zu Haim - das letzte Stück der CD "Night so long" ist tatsächlich herausragend. Ziemlich roh behandelte, nur hallverstäkrte Gesangsspur auf einem ziemlich düsteren Gitarrenriff. Komplett anders als der Rest der CD, deswegen auch so gut.
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