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Kultur

Zum Tod von Johann Johannsson

Die Magie der Kombinationen

In Hollywood konnte er seine Träume leben: Johann Johannsson komponierte erfolgreich Filmmusik, indem er Genres und Melodien meisterlich kreuzte. Auch für dieses Jahr hatte er bereits drei Soundtracks fertiggestellt.

REUTERS

Johann Johannsson bei den Golden Globe Awards 2015

Ein Nachruf von
Sonntag, 11.02.2018   17:03 Uhr

Wer vom Flughafen Reykjavik in die Stadt fährt, könnte unterwegs das Gefühl bekommen, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Zu beiden Seiten der Straße erstreckt sich eine karge, kahle Landschaft, die nur von schwarz schimmerndem Geröll bedeckt zu sein scheint. Die moderne Welt wirkt dort wie in unerreichbarer Ferne.

Über seine isländische Heimatstadt, die zwischen Gletschern und ungebändigter Natur wie versehentlich hingewürfelt daherkommt, hat Johann Johannsson mal gesagt, dass er insbesondere diese Mischung von städtischer Moderne und der Ruhe der Natur lieben würde. In dieser Kombination aus beidem liege Magie, auch wenn er letztlich den Trubel der Städte der Stille vorziehen würde.

Eine Oase der Ruhe in der Hektik einer Metropole sei für ihn der ideale Ort zum Leben und Arbeiten, sagte er einmal. Solche Orte fand er jenseits von Island in Kopenhagen und zuletzt in einer Hinterhofwohnung in Berlin-Kreuzberg. Johannssons Familie lebt in Island, eine Tochter in Kopenhagen.

In Island hatte sich der 1969 in Reykjavik geborene Sohn eines IBM-Programmierers früh für Musik begeistert, realisierte aber schnell, dass ihn die Idee der Virtuosität nicht interessierte. Viel mehr euphorisierte ihn die Vorstellung mit Konzepten, Stilen und Genres lustvoll zu jonglieren. So ging es ihm bereits bei den Rockbands, mit denen er in jungen Jahren lärmte, mehr um Klangstrukturen als um die althergebrachten Traditionen des Rock'n'Roll. Der Zauber, der in der Kombination unterschiedlichster Klänge liegen kann, war immer sein Ziel: Egal, ob das die Rückkopplungen kreischender Rockgitarren waren, das Surren orchestraler Streicher, die Tiefen vieler Chorstimmen oder das Pulsieren elektronischer Beats.

Posaune, Literaturstudium und Rock'n'Roll

Als Jugendlicher hatte er eine Weile Posaune und Klavier studiert, aber da ihm die klassischen Konzepte zu eng waren, gab er dies bald auf - zu Gunsten eines Studiums der Literatur. Was Kompositionen und Arrangements betraf, bezeichnete er sich später gern als "Autodidakt". In Bewegung kam seine musikalische Karriere, als er 1999 mit einigen Gleichgesinnten in Reykjavik die Künstlergruppe "Kitchen Motors" gründete, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, die Spannungsbögen zwischen Klassik, Jazz, Elektronik, Avantgarde und Rock'n'Roll auszuloten. Johannssons erste Platte "Englabörn" basierte dann auch auf einer Theatermusik, für die er seine Streicher-Kompositionen mit Hilfe elektronischer Filter erst zerfasert und dann neu zusammengesetzt hatte.

Die Idee, Musik mit Konzepten zu kombinieren, verfolgte er mit zunehmender Begeisterung. So entstanden Werke, die von gescheiterten Fabrik-Projekten ("Fordlandia"), Streiks englischer Minenarbeiter ("The Miners Hymns") oder Rechner-Kompositionen seines Programmierer-Vaters ("IBM 1401") beflügelt waren. Letztlich war es nur konsequent, dass er irgendwann in der Filmindustrie landete.

Hollywood muss für Johann Johannsson vor allem ein toller Abenteuerspielplatz mit fabelhaften Möglichkeiten gewesen sein, seine Träume auszuleben. Es war sein Glück, dass er dort zum richtigen Zeitpunkt ankam, nämlich zu einer Zeit, in der die Idee, große Filme mit Hitparaden-Songs zu pflastern, unter jungen Filmemachern bereits als öde galt.

Mischung aus Klassik, Elektronik und Avantgarde

Stattdessen setzte eine Renaissance der althergebrachten, individuell komponierten Filmmusik ein. Ambitioniertere Filmemacher wie Darren Aronofsky, Steven Soderbergh oder Nicolas Windig Refn arbeiteten zunehmend mit Soundtrack-Komponisten ihres Vertrauens wie Cliff Martinez, Clint Mansell oder Brian Reitzell. Johann Johannsson fand in dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve einen Geistesverwandten, der ihn mit der Musik für gefeierte Filme wie "Prisoners", "Sicario" und "Arrival" beauftragte.

In diesen virtuosen Soundtracks, die Johannsson auf der Höhe seines Könnens zeigen, kreuzte er meisterlich wundersame Melodien mit Klassik, Elektronik und Avantgarde. Das brachte ihm zwei Oscar-Nominierungen sowie einen Golden Globe (für James Marshs "The Theory of Everything") ein.

Eigentlich war Johannsson auch für die Musik des enorm beachteten Science-Fiction-Blockbusters "Blade Runner 2049" von Villeneuve gebucht worden. Allerdings überlegte es sich der Regisseur während der Dreharbeiten anders und überließ dem alten Profi Hans Zimmer die Musik. Auch ein Projekt mit Darren Aronofsky ("Mother") ging schief. Über die Gründe musste Johannsson aus vertraglichen Gründen schweigen. Seiner Produktivität tat dies keinen Abbruch: Für dieses Jahr stellte er drei weitere Soundtracks fertig.

In seiner Berliner Hinterhofwohnung in Berlin-Kreuzberg wurde er nun tot aufgefunden. Er wurde 48 Jahre alt.

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