Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Kanye West bei "Saturday Night Live"

Oh ye!

Er nennt sich nur noch Ye und wirbt für Liebe und Trump: Mit einem bizarren Auftritt in der US-Show "Saturday Night Live" verstörte US-Rapper Kanye West Publikum und Fans. Und wo ist sein neues Album?

Getty Images

Kanye West

Von
Sonntag, 30.09.2018   15:31 Uhr

Unberechenbarkeit ist eine Tugend für jeden Künstler, insofern muss man Kanye West, 41, zugestehen, dass er es geschafft hat, sich selbst zu einem der größten Kunstwerke unserer Zeit zu stilisieren: Wenn man West einlädt, weiß man nicht, was passiert. So ging es auch dem Team von "Saturday Night Live" ("SNL"), das West am Samstagabend zum Ehrengast des 44. Staffelauftakts gemacht hatte. Es war sein insgesamt vierter Auftritt in der populären Comedy- und Satire-Show - und sein wahrscheinlich kontroversester.

Nicht wegen seiner Performance als Perrier-Flasche, iwo! Solche Albernheiten gehören ja schon fast zum normalen Programm. Zusammen mit dem Rap-Newcomer Lil Pump ("Gucci Gang") bot er eine Version seines jüngsten Hits "I Love It" dar: West im lebensgroßen Plastikkostüm einer französischen Sprudelflasche, Pump mit dem Pendant des stillen Wässerchens der in den USA populären Marke Fiji. Im Hintergrund auf dem Videoschirm: Sängerin Adele Givens, die etwas gelangweilt auf ihr Handy starrt. Kein Wunder, denn der Song, in dem es vorrangig - und sehr explizit - darum geht, wie man heute über Sex spricht, wurde durch die TV-Zensur arg, äh, verwässert.

Aus dem Refrain "You're such a fuckin' ho" wurde ein braves "You're such a freaky Girl". Entsprechend fade und lustlos war dann auch die Performance der beiden Rapper. das Ganze war natürlich eine Hommage an die legendären "Liquorville"-Sketche von Justin Timberlake bei "SNL", der darin ebenfalls in Flaschenkostümen auftrat. Aber mit den kastenförmigen Cartoon-Outfits aus dem "I Love It"-Video wäre es dann wohl doch spritziger gewesen.

Auch ein Auftritt mit der bei seinem Label veröffentlichenden Sängerin Teyana Taylor und einem dem neuen Song "We Got Love" wirkte holprig und neben der Spur, ebenso wie ein seltener dritter Live-Auftritt zusammen mit Rapper Kid Cudi und R&B-Entdeckung 070 Shake, der zum Abspann der Sendung lief. Erst danach, als die Kameras schon aus waren, lief West doch noch zu leidenschaftlicher Form auf, als er auf der Bühne, inmitten von Crew-Mitgliedern und anderen Gästen zu einer politischen Verteidigungsrede ansetzte. Dabei trug er, wie oft in letzter Zeit, eine der roten Kappen mit der Aufschrift "MAGA" ("Make America Great Again"), die das Erkennungszeichen von Trump-Anhängern ist. (Ausschnitte aus allen Auftritten finden Sie hier)

Sympathie für den US-Präsidenten

West verstört schon länger mit seiner immer wieder öffentlich bekundeten Sympathie für den US-Präsidenten und provoziert mit erratischen Aussagen zur Sklaverei. Ihm gehe es um "Dialog, nicht um Hetze" ("Dialogue not diatribe"), sagte er ins Publikum der als liberal und links geltenden "SNL"-Show, die Trump, seine Politik und sein Team beständig durch den Kakao zieht. Er als Afroamerikaner werde von vielen Weißen gefragt, warum er Trump möge, der sei doch ein Rassist, sagte West laut Handy-Videos, die im Publikum gemacht wurden, "aber wenn ich mir über Rassismus Sorgen machen würde, hätte ich Amerika schon vor langer Zeit verlassen." Beiläufig erneuerte er auch seine Absicht, 2020 selbst als Präsidentschaftskandidat anzutreten. Nur sehr vereinzelt erntete West Applaus, dafür aber laute Buhrufe. Ansonsten herrschte Stille im Studio - und Gäste wie Schauspieler Adam Driver, der die Show moderiert hatte, guckten auf der Bühne eher betreten.

Lauwarme Musik-Performance und flammendes Pro-Trump-Plädoyer in einer Hochburg des Demokraten-Lagers? West macht es selbst treuesten Fans und Verteidigern schwer, noch an seine künstlerische Vision zu glauben, aber bequem macht er es sich ganz sicher nicht. "Love is the new money", singt er in dem gemeinsamen Song mit Taylor. Das Werben um Liebe und Dialog in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung ist sicher lobenswert, aber Kanye West trifft weniger denn je die richtigen Töne dabei, diese Botschaft unters Volk zu bringen. Sein disruptiver Ansatz verstört mehr als dass er versöhnt.

Und das neue Album?

So gibt es auf seinem neuen Album "Yandhi" angeblich Rap-Features des unlängst verstorbenen XXXtentacion und 6ix9ine; beiden wurde sexueller Missbrauch vorgeworfen. Auf Twitter signalisierte West zudem Unterstützung für den Rapper A$AP Bari, dem aktuell ebenfalls sexuelles Missverhalten zur Last gelegt wird. Und bei einem nicht minder bizarren Auftritt bei einer Veranstaltung des US-Magazins "The Fader" vergangene Woche sagte er, dass er gerne den Komiker Louis C.K. als Gastgeber der "SNL"-Show gesehen hätte. C.K. wird von mehreren Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen.

Immerhin trug West bei seinem Interview mit "The Fader" zur obligatorischen "MAGA"-Cap ein angeblich selbst designtes Sweatshirt mit dem Namen des US-Footballers Colin Kaepernick, der den Zorn Trumps auf sich gezogen hatte, weil er sich weigerte, während der Nationalhymne im Stadion aufzustehen - aus Protest gegen die Rassenungerechtigkeit in den USA. Aber schlau wird man aus dieser Vermischung politischer Symbole auch nicht mehr. Um die Verwirrung komplett zu machen, gab West außerdem bekannt, dass er fortan nur noch Ye genannt werden möchte. Herrje.

Und das neue Album? "Yandhi", hatte West auf Twitter angekündigt, sollte eigentlich nach der "SNL"-Performance am Samstagabend (US-Zeit) veröffentlicht werden. Bisher geschah: nichts. Wahrscheinlich ist West, ein Perfektionist im Studio, mal wieder nicht fertig geworden und feilt noch an letzten Details. Aber man kann's irgendwie auch erwarten.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP