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Kultur

"Klassik drastisch"

Beethoven verbal - aber presto, bitte!

Zwei Nerds unter sich: Wenn Devid Striesow und Axel Ranisch im Deutschlandfunk Kultur über klassische Musik parlieren, geht es zur Sache. Macht Spaß, kann aber auch nerven.

imago

Axel Ranisch (l.) und Devid Striesow

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Freitag, 18.05.2018   15:11 Uhr

"Über Musik reden ist wie tanzen über Architektur", besagt ein populärer Aphorismus, der aber nur ein Korn Wahrheit enthält. Von solchen Glaubenssätzen ließen sich der Schauspieler Devid Striesow und der Schriftsteller Axel Ranisch auch keine Sekunde davon abhalten, ihrer Liebe zur klassischen Musik verbal zu huldigen: Der Deutschlandfunk Kultur gibt ihnen seit Anfang April regelmäßig ein paar Minuten Sendezeit für ihren hochkonzentrierten Gedankenfluss.

"Klassik-Nerds" darf man Striesow und Ranisch nennen: Zur ihrer Detailkenntnis kommt das dringende Mitteilungsbedürfnis, gewürzt mit einer Spur Sendungsbewusstsein und Nischengespür. Über Techno, Dance, Pop, Hip-Hop etc. wird ja viel palavert und geschrieben, während die vermeintlich zu ernste Konzertmusik oft in akademisch-hermetischen Sphären für Nichtfans meist dröge verhandelt wird. Ausnahmen wie Loriot und Konrad Beikircher bestätigen die Regel.

Viel denken, schnell sprechen

Um Worte sind die beiden engagierten Liebhaber nicht verlegen, und so haben sie Ihre Sendung klugerweise auf die Minimaldistanz von nur fünf bis sechs Minuten Länge gepresst: der klassische Rundfunkkommentar. Viel denken, schnell sprechen, am besten noch etwas singen und summen, dazu jede Menge hausgemachte "Pomm pomm pomm / Dadidada"-Onomatopoesie, da kann sich wirklich niemand langweilen. Wenn man denn aufnahmefähig und konzentriert zuhört.

Da Striesow und Ranisch stellenweise etwas atemlos durch die Nacht von Schuberts unvollendeter "Todessymphonie" in h-Moll eilen oder ihrem Beethoven wortreich und enthusiastisch huldigen, muss man schon streng in der gedanklichen Spur bleiben, um nicht den emotionalen und gedanklichen Anschluss zu verpassen. Elitär hingegen kommen einem die beiden fast nie.

Sendungsbewusst und scheue Bewunderung

Anders als der selige Klassikdozent und Journalist Joachim Kaiser (1928-2017), der im Funk gern Interpretationen von Standardwerken verglich, setzen Striesow und Granisch beim Hörer fast nichts voraus. Sie bauen keinen Hürden auf, sondern erwarten lediglich Neugier. Da bleibt dann noch genug gedankliche Eigenarbeit für den Hörer.

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"Zärtlichkeit in Tönen!": Sergej Prokofiev

Sergej Prokofiev etwa, bekannt, aber nicht zu populär, erfährt eine Jubelorgie voller Liebe ("Zärtlichkeit in Tönen! Ein Fenster im Frühling geht auf!"), Arnold Schönbergs "Ein Überlebender aus Warschau" vorsichtig-scheue Annäherung. Man hört, es geht hier nicht nur um Huldigung für Hits, sondern auch um legitimes Sendungsbewusstsein mit scheuer Bewunderung hier und da.

Zwischen "Tatort" und Jugendhorror

Devid Striesow, bekannt von "Tatort" und "Bella Block" bis "Fraktus" und "Yella", einer der meistbeschäftigen TV- und Filmschaupieler des Landes, gibt hier einen Blick auf eine private Leidenschaft frei. Sein Co-Akteur Axel Ranisch ist als Medienarbeiter (Regisseur, Produzent, Drehbuchautor und Schauspieler) etwas breiter aufgestellt, aber nicht ganz so populär und in dieser Konstellation sicher die größere Entdeckung.

Zumal Ranisch jetzt auch seinen ersten Roman "Nackt über Berlin" (Ullstein) veröffentlicht hat. Hier erzählt er eine Geschichte über einen Klassik-Nerd (was sonst), der mit seinem Freund Tai in eine überdrehte Folter-Geschichte um den Rektor seiner Schule verwickelt wird. Horror der Jugend. Immerhin spielt seine früh-teenagerhafte Begeisterung für klassische Musik und die Liebe zu seiner sanften Mutter hinein. Eine Prise Autobiografie darf vermutet werden.

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Axel Ranisch:
Nackt über Berlin

Ullstein fünf, 384 Seiten, 20 Euro

Wenn man eine schnelle Begeisterungswelle und Hörmotivation für leicht randständige E-Musik und oft überhörtes scheinbar Wohlbekanntes goutiert, wird man vom Nerd-Duo Striesow/Ranisch gut abgeholt. Besserwisser müssen draußen bleiben.


"Klassik drastisch" in der Sendung "Echtzeit", Deutschlandfunk Kultur, samstags ab 16:05 Uhr - und in der Mediathek

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