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Kultur

Klavierabend mit Víkingur Ólafsson

Wo, bitte, geht's zur Spitze?

Konzentrierte Kraft: Bach und Beethoven präsentierte der isländische Pianist Víkingur Ólafsson in der Hamburger Laeiszhalle. Es wurde ein lustvoller Höllenritt, der auch das Publikum forderte.

Getty Images

Víkingur Ólafsson bei einem Konzert in Berlin

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Freitag, 19.10.2018   15:20 Uhr

Alles ein wenig anders bei Víkingur Ólafsson. Der Isländer spricht in sympathisch gefärbtem Deutsch mit dem Publikum, er schwärmt von der Laeiszhalle, vom Konzertflügel und erläutert später seine Zugaben. Und wenn ein junger Pianist gleich zu Beginn seines Klavierabends um Applaus erst zur Pause bittet, zeugt auch das von Selbstbewusstsein. Aber der Virtuose hatte schon recht. Zu dicht war der einstündige erste Teil seines Konzertes verwoben, ganz Johann Sebastian Bach gewidmet und ein veritabler Höllenritt mit äußerster Technik-Bravour und innigen Zwischenstopps. Seine Tonträgerfirma dürfte zufrieden sein: Besser kann man ein Bach-Album, das jüngst erschien und schon Platz 2 der Klassikcharts erklommen hat, kaum promoten.

Aber Ólafssons Klasse rechtfertigte den ganzen Hype mit leichter Hand: Selten hörte man Bachs Präludien, Fugen, Concerti und Partiten-Parts mit solch mitreißender Klarheit dargestellt wie an diesem Abend. Makellose Technik entfaltete Víkingur Ólafsson für die polyphonen Bach-Herausforderungen, überraschte dann immer wieder mit dynamischen Abstürzen in innige, quellreine Bekenntnisse. Dabei brachte sein Spiel mit diesen dramaturgisch cleveren Wechseln aus rasantem Perlen und meditativem Pathos einen unwiderstehlichen Sog hervor, der wohl keinen im Auditorium auch nur eine Sekunde gleichgültig ließ.

Unwiderstehlicher Sog

Verschwenderisch ging Ólafsson mit seinen wie hingeworfenen perlenden Arpeggien um, die er mitunter wie Girlanden an den Schluss einer Phrase knallte. Pure, naive Freude am Gelingen hört man da, und natürlich verrauschte auch mal eine von diesen Blüten. Aber schon mit dem nächsten Ritardando, beim nächsten Innehalten fing der Pianist sein Publikum wieder mühelos ein. Technik, klar. Doch auch ein gerüttelt Maß Zauber.

Immer suchte und fand Víkingur Ólafsson das Drama bei Bach, nicht nur, wenn er sich die Gavotte aus Sergej Rachmaninows Bearbeitung der E-Dur-Partita vornahm. Nach der üppigen Bach-Tour durfte das Publikum dann endlich applaudieren, was es voller Leidenschaft auch tat, ein wenig erschöpft auch von dieser mit Leichtigkeit servierten Perfektion. Aber es kamen ja noch zwei Beethoven-Sonaten im zweiten Teil.

Dann doch lieber die "Pathétique"

Kurz zuvor hatte der Tasten-Maestro angekündigt, dass er statt des avisierten op. 111, der letzten aller Sonaten und quasi Beethovens Endzeit-Soundtrack, doch lieber die bekannte und griffige "Pathétique" spielen möchte. Vielleicht ein weiser Entschluss, denn für viele Klavierkenner ist ja die "32." von Beethoven ohnehin erst "Freigegeben ab 50 Jahren".

Mit der ersten Sonate op. 2 startete Víkingur Ólafsson furchtlos und senkrecht in den Beethoven-Kosmos und errichtete dort mit seiner an Bach geschulten Makellosigkeit eine Kathedrale der Klarheit. Kein Labyrinth, um sich drin zu verlieren, sondern gleich im ersten Allegro-Satz mit wenig Pathos begonnen. Ólafsson spielt seinen Beethoven wie ein Forscher, der eine bunte Blume bestaunt. Funktioniert aber.

Schon im folgenden Adagio und dann im Menuetto gelingt ihm wieder das nachdenkliche Innehalten, das erneut verblüfft und unterstreicht, wie Ólafssons Schulung an Bach sein Spiel einzigartig prägt. Dann Feuer frei: Beim Prestissimo-Finale glänzt der Virtuose wieder lächelnd und setzt Akzente nach Belieben. Früher Beethoven bestens im Griff.

Ein lustvoller Spaß

Konsequent gestaltet Ólafsson die "Pathétique" dem Namen entsprechend als eine Art Beziehungs-/Trennungsdrama: Rasender Einstieg in die wohlbekannten Läufe, als ob er die Geliebte "loswerden" möchte. Dann im zweiten Satz, unendlich zart ertastet, der traurige Rückblick auf glückliche Tage, das Sangliche ("cantabile") grandios in tiefste Empfindung gesteigert, um dann im Allegro-Finale wieder in die Realität einzutauchen. Drama eben, groß, ein wenig kitschig ausgespielt, voller leicht übertriebener Gefühle, aber eben spannend. Und ein lustvoller Spaß.

Als Zugaben gab es noch dreimal Bach, darunter die prächtige Orgelsonate No. 4, bei der Víkingur Ólafsson versprach, seinen Flügel nach Kräften wie eine solche klingen zu lassen. Wobei er respektvoll auf die schöne Laeiszhallen-Orgel blickte. Der Klang-Transfer gelang. Frenetischer Beifall am Schluss, stehende Ovationen. Vielleicht wäre Beethovens op. 111 an diesem Abend doch die bessere, zumindest interessantere Wahl statt der "Pathétique" gewesen. Nächstes Mal dann - auch so war es ein großes Recital von einem Mann auf dem Weg an die Spitze.

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