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Kultur

Lisa Stansfield über #MeToo

"Männer fürchten, sich zum Idioten zu machen"

Singen will sie nicht über Politik. Aber sprechen: Hier erzählt Soulkönigin Lisa Stansfield, warum sie Ohrfeigen an aufdringliche Anzugträger verteilt und sich dennoch nicht als mächtige Frau sieht.

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Ein Interview von
Sonntag, 15.04.2018   22:02 Uhr

Zur Person

Lisa Stansfield, geboren 1966, erreichte mit "All Around The World" 1989 als erste weiße Sängerin überhaupt Platz eins der Billboard-R'n'B-Charts. Es folgten eine Reihe weiterer Hits und Zusammenarbeiten mit Künstlern wie Barry White, Queen, George Michael, Tom Waits. Ihren Ruf als Königin des "weißen Soul" hat Lisa Stansfield ebenso behalten wie ihre rauhe Stimme, die im Gespräch sogar noch ein paar Stufen dreckiger klingt als auf der Bühne. Am 6. April erschien ihr achtes Album, "Deeper".

SPIEGEL ONLINE: Miss Stansfield, vor bald 30 Jahren hatten Sie mit "All Around The World" einen Welthit. Segen oder Fluch?

Stansfield: Beides. Einerseits katapultiert dich ein solcher Hit in so extreme Höhen und buchstäblich um die ganze Welt. Andererseits ist es dann auch das Einzige, wofür dich die Leute kennen. Da kannst du Hunderte andere Songs geschrieben hast, die ebenso gut sind. Leute kommen immer wieder darauf zurück. Das geht vielen Künstlern so. Es gibt nicht viele Musiker, die wirklich mehr als nur drei oder vier Songs haben, an die man sich wirklich erinnert.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten schon als Ikone der Schwulenbewegung, als es noch keine LGBTQ-Bewegung gab...

Stansfield: ...ich habe nie verstanden, warum sie das Q da drangehängt haben. Es gibt doch schon das G für "gay". Und ist eine schwule Person nicht das Gleiche wie eine queere Person?

SPIEGEL ONLINE: Das Queere ist übergreifender und soll auch alle anderen sexuellen Identitäten beinhalten.

Stansfield: What the fuck? Kommt wieder etwas Neues hinzu, müssen sie es wieder ändern. Und dann, wenn du es nicht mitbekommen hast und falsch aussprichst, bist du ein Bastard, weil du es nicht mitbekommen hast. Du kannst nur verlieren. Und die LGBTQ-Community auch.

SPIEGEL ONLINE: Als Ikone gelten Sie noch immer. Wie kommt das?

Stansfield: Keine Ahnung. Hauptsache, sie kommen (krähendes Gelächter). Vielleicht, weil ich sage, wie es ist? Ich glaube nicht an Vorurteile. Ich glaube an Gleichberechtigung. Ich denke, man sollte nicht gemein zu Menschen sein, nur weil man es sein kann. Hass kommt immer aus Unsicherheit und Angst. Krieg auch. Und es macht mir Sorge, dass wir offenbar von sehr unsicheren Menschen regiert werden. Ach, es gibt so viel Hass auf der Welt im Moment.

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Lisa Stansfield: Königin des "weißen Soul"

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt das?

Stansfield: Feigheit. Es kommt von der Feigheit. Weil niemand mehr sich irgendwas ins Gesicht sagt. Sie kritzeln ihre Frechheiten nur in irgendwelche Foren im Internet. Und das ist Feigheit. Und Feigheit ist Furcht.

SPIEGEL ONLINE: Furcht?

Stansfield: Schauen Sie sich nur diese IS-Milizionäre an. Wenn du so stolz darauf bist, einem Menschen den Kopf abzuschneiden, warum trägst du eine Maske? Du willst nicht, dass Mama dich sieht. Das glaube ich wirklich. Sie hassen Frauen. Aber sie verehren ihre Mütter. Es sind nur kleine Jungs. Kleine Jungs mit Messern und Gewehren.

SPIEGEL ONLINE: Kleine Jungs können grausam sein.

Stansfield: Ja, sehr grausam.

SPIEGEL ONLINE: Grausamer als große Jungs?

Stansfield: Nein, ich denke, große Jungs sind einfach nur kleine Jungs, gefangen in den Körpern von großen Jungs. Mit Messern und Gewehren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nie schlechte Erfahrungen mit großen Jungs in Anzügen gemacht?

Stansfield: Nur, als ich noch sehr jung war. Da konnte es vorkommen, dass mich jemand auf seinen Schoß zog, die Hand auf meinen Schenkel legte und mein Bein einklemmte. Ich stand dann einfach auf und tat, was meine Mutter mir geraten hatte - verpasste ihm eine Ohrfeige.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren stark genug, das zu tun.

Stansfield: Richtig. Meine Aufgabe ist es deshalb, andere Frauen zu einer gewissen Stärke zu ermutigen. Aber nur dadurch, dass ich ihnen Gutes über ihr eigenes Geschlecht vermittele. Wir sollten Frauen aber nicht ermutigen, Männer zu hassen. Das ist es aber, was passiert. Und so kehrt sich die Lage um. Dann haben wir Männer, die von Frauen unterdrückt werden. Wenn wir nicht aufpassen, endet es wie "Der Report der Magd"...

SPIEGEL ONLINE: ...eine US-Serie auf Grundlage eines Romans von Margaret Atwood, in dem Frauen nur als Gebärmaschinen dienen.

Stansfield: ...ja, nur umgekehrt. Die Schuldigen sollten wirklich bestraft werden, das ist Sache der Justiz. Nach meiner Erfahrung fürchten viele Männer die Frauen generell. Sie fürchten, sich zu Idioten zu machen. Um den Flirt sollten wir uns durch #MeToo nicht bringen lassen. Menschen kennen ihre Grenzen. Wenn nicht, sollte man sie in den Wald schicken.

SPIEGEL ONLINE: #MeToo hat nichts mit Sex, sondern mit Macht zu tun.

Stansfield: Aber natürlich. Und Frauen mit Macht tun auch Männern solche Dinge an. Wenn da ein 21-Jähriger im Büro arbeitet, tja ...das geht in beide Richtungen. Alles geht in beide Richtungen. Was war die Frage?

SPIEGEL ONLINE: Das war die Frage. Sehen Sie sich als mächtige Frau?

Stansfield: Nein, aber ich bin in einer privilegierten Position, denn ich habe eine Plattform. Ich stehe sozusagen erhöht. Aus dieser Warte kann ich sagen, was ich will. Das kann eine gute Sache sein, aber auch gefährlich. Ich weiß noch, wie ich in Rio auf einer Bühne stand, vor mehr als 100.000 Menschen. Das hatte ich noch nie erlebt. Ich begann zu klatschen, so ...(klatscht), und alle, wirklich alle klatschten mit. Ich diktierte den Rhythmus. Da habe ich viel über Diktatur verstanden. Es war Macht, aber es war eine falsche Macht. Da war eine gigantische Menge, ich stand erhöht, und nur deshalb kontrollierte ich sie.

SPIEGEL ONLINE: Aber es hat Ihnen gefallen?

Stansfield: Oh, es hat mir sehr gut gefallen! Aber die ganze Zeit, die ich da auf der Bühne stand, sagte ich mir immer wieder: "Du bist nur ein normales Mädchen, du bist nur hier, damit diese Leute eine gute Zeit haben, du machst deinen Job..."

SPIEGEL ONLINE: Warum findet das, worüber wir hier sprechen, kaum Eingang in Ihre Musik?

Stansfield: Ich rede darüber lieber. Sie wollen Politik? Na gut! England benimmt sich wie ein verzogenes Kind, das mit Spielzeugen um sich wirft und die Sache für alle Beteiligten ruiniert. All die Politiker wirtschaften in die eigenen Taschen, niemand sonst wird vom Brexit profitieren. Ich habe Labour gewählt, auch wenn ich Jeremy Corbyn nicht mag, denn er benimmt sich wie ein selbstgerechter Lehrer, der sich für das einzige Genie unter Idioten hält.

SPIEGEL ONLINE: Das denken Sie alles?

Stansfield: Das denke ich. Aber ich singe nicht darüber. Die Leute achten doch sowieso nicht auf Texte, oder?

insgesamt 4 Beiträge
zeichenkette 15.04.2018
1. Naja
Das hat uns jetzt nicht wirklich weitergebracht, oder? Äh, worum ging es gerade noch mal genau? Tja. Das Problem ist doch, dass Männer oft mächtiger und meist ohnehin stärker sind als Frauen, aber damit umgehen können sie [...]
Das hat uns jetzt nicht wirklich weitergebracht, oder? Äh, worum ging es gerade noch mal genau? Tja. Das Problem ist doch, dass Männer oft mächtiger und meist ohnehin stärker sind als Frauen, aber damit umgehen können sie oft nicht. Schon gar nicht damit, dass das seine Grenzen hat, wenn die andere Seite nicht einfach klein beigibt. Damit können sie dann gar nicht umgehen. Und Frauen verpassen oft (aus genau der Erfahrung, dass sich wehren nur Ärger ergibt) den richtigen Zeitpunkt, sich zu wehren. Von daher: Eine Ohrfeige im richtigen Moment (der ist SOFORT nach einer Grenzüberschreitung, wie der Donner nach dem Blitz) erspart oft viele Worte und viel anschließendes Zweifeln und Ratlosigkeit. Denn wenn man sich nicht versteht, muss man halt manchmal mit Händen und Füßen reden. Sonst lernen Männer das nie.
FK-1234 15.04.2018
2. Zu kurz gegriffen
seitens Lisa Stansfield. Viele Frauen sind eben mental nicht so "gestrickt" wie sie und deshalb kann sie nur für sich selbst sprechen. Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich der Großteil der Männer durch Backpfeifen [...]
seitens Lisa Stansfield. Viele Frauen sind eben mental nicht so "gestrickt" wie sie und deshalb kann sie nur für sich selbst sprechen. Im Übrigen glaube ich nicht, dass sich der Großteil der Männer durch Backpfeifen von ihrer Machtposition abbringen lassen. Ich fühle mich als Mann jedenfalls nicht abgeschreckt von #MeToo...schon gar nicht vom Flirten.
Onkel Drops 15.04.2018
3. danke Lisa so mag man dich
wie immer Klartext und kein Schlangen Tanz um den heißen Brei. ja auch Frauen wollen manchmal das Nein nicht verstehen, wahre Worte. wozu brauch man ein ständig wechselndes Konstrukt aus Abkürzungen, für alles was nicht Hetero [...]
wie immer Klartext und kein Schlangen Tanz um den heißen Brei. ja auch Frauen wollen manchmal das Nein nicht verstehen, wahre Worte. wozu brauch man ein ständig wechselndes Konstrukt aus Abkürzungen, für alles was nicht Hetero ist. alle nicht Heteros in meinem Bekanntenkreis bezeichnen sich als das was sie sind. Menschen die andere Menschen lieben , man muss das jetzt nicht bis ultimo treiben mit den Gender/Interessen Abkürzungen. sonst beschweren sich noch die heimlichen Autolackableckfetischsten das sie von Auspuff Liebhabern nicht toleriert werden. sonst will die CSU noch das Ministeramt für sexuellen AKüFi ( Abkürzfimmel) !!! mach bloß weiter Lisa ,ich höre mehr wie ein Lied in rauchig rauh von dir...
Rassek 16.04.2018
4. Tough
Good answers. Thanks, Miss Lisa !! There are not many people from the showbiz, that i like to drink acoffe with and talk a little. But you are one of this persons.
Good answers. Thanks, Miss Lisa !! There are not many people from the showbiz, that i like to drink acoffe with and talk a little. But you are one of this persons.

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