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Kultur

Chor und mehr

Symphonisches Lob der starken Stimmen

Einen Lobgesang hätte der Chor des NDR wirklich verdient. Seine französischen Exkurse klingen himmlisch und die neue Mendelssohn-Interpretation ebenso. Aber es gab auch erstklassige Unterstützung.

NDR/ Michael Zapf
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Sonntag, 08.07.2018   07:40 Uhr

Guter Grund zum Frohlocken! Als Felix Mendelssohn Bartholdy 1840 seine symphonische Kantate "Lobgesang" in der Leipziger Thomaskirche uraufführte, überwand der Komponist damit eine zähe Schaffenskrise. Mit Symphonie und Kirchenmusik gelang ihm der Sprung aus einer langjährigen kreativen Starre in Sachen orchestraler Form, noch dazu mit grenzensprengender Kreativität.

Mendelssohn hatte sich für künftige Großtaten förmlich befreit. Der große Erfolg dieser Premiere tat dann ein Übriges. Kein Wunder, denn die enge Verbindung von symphonischen und liturgischen Elementen übte mit ihrer Frische und ihrem Ideenreichtum eine überaus freudige Wirkung auf die Zuhörer aus - beste Werbung für die frohe Botschaft der Bibel, wenn man so will! Exzellentes Material aber auch für die Stimmen, allen voran den Chor, dessen Jubel und melodisches Loben den Texten Leben einhauchen.

Fabelhaft für starke Chöre

Für ambitionierte Chöre war Mendelssohns Opus, das später leicht irreführend als seine zweite Symphonie ins Werkregister einging, stets ein dankbares Terrain. Etwa für den fabelhaften Kammerchor Stuttgart unter Frieder Bernius, ein Team, das sich das komplette geistliche Chorwerk Mendelssohns vornahm.

Bei dieser "Lobgesang"-Aufnahme vereinten sich der Chor des Norddeutschen Rundfunks unter ihren Leiter Philipp Ahmann und das Hannoversche Rundfunkorchester unter Stabführung des britischen Dirigenten Andrew Manze, der das Orchester seit 2014 formt - und mit seinem aktuellen Mendelssohn-Zyklus allseits Anerkennung einsammelt. Ein Elan und intensives Verständnis, was alle bereits in der Interpretation der übrigen vier Mendelssohn-Symphonien dokumentierten und nun im opulenten "Lobgesang" vollenden.

Glockenklarer Sopran für letzte Dinge

Schon im "Maestoso / Allegro" im Kopfsatz setzt Mendelssohn den Höhenflugston, der fortan die runde Stunde fast fröhlicher Sakralmusik prägt. "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!" - die titelprägende Programm-Zeile zu Beginn des Kantenteils setzt mit machtvollen Choreinsatz die Tonalität. Andrew Manze gelingt das geforderte Kunststück, Stimmen und Orchester zu dichter, aber schwebend durchsichtiger Einheit zu verbinden.

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Dazu gehört auch die beflügelnde Führung der drei Solo-Vokalisten (zwei Soprane, ein Tenor), die auf dieser elegant angelegten Basis Bestleistungen abliefern: Allein Anna Lucia Richters glockenheller und biegsamer Sopran im Duo mit Sopranistin Esther Dierkes hat opernhafte Sinnlichkeit ("Ich harrete des Herrn"), Robin Tritschlers Strahletenor erfreut mit ebenso viel Welthaltigkeit ("Stricke des Todes") - auch wenn letzte Dinge verhandelt werden, wie es sich für Kirchenmusik gehört. Aber bei Mendelssohns "Lobgesang" geht es ohnehin eher um das Licht, weniger um die Finsternis.

Von Jazz-Gefilden in die Avantgarde

Diese Hoffnung, die in der Helligkeit des Klanges und der triumphierenden Harmonie liegt, bindet der NDR Chor mit Fülle und Feinheit in seinen Parts der Kantate. Perfekt abgestimmt und geführt von ihrem Noch-Leiter Philipp Ahmann, können die Damen und Herren natürlich noch viel mehr als Kirchenmusik. Einen Teilbereich davon lassen sie auf ihrer neuen CD "Chansons Françaises" (Es-Dur) hören, die glänzend zusammengestellte, meist kürzere Stücke und nicht oft interpretiertes von Saint-Saëns, Milhaud und Poulenc hören. Übergänge zur Moderne und leichten Jazz-Gefilden bieten die Werke von Jean Absil, avantgardistische Gesang/Vokal-Verbindungen testet Philippe Schroeder mit seiner 20-minütigen-Exkursion "Cantate Isis für Fagott und gemischten Chor" (2002) aus. Vielseitigkeit ist alles. 2018 übernimmt der niederländische Dirigent und Organist Klaas Stok den Chor. Mit Werken von Bach bis Alfred Schnittke will Stok die Bandbreite des Ensembles weiter in den Vordergrund der Repertoire-Planungen stellen.

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Nominiert fürs Weltkulturerbe

Bei aller Individualität sind die Qualitäten des NDR Orchesters Hannover und des NDR Chors auch ein Beispiel für den hohen Standard der Gesangsensembles und Orchester der deutschen Rundfunksender: Sie gehören vielfach zu den besten Europas, oft zu den Spitzenensembles der Welt wie zum Beispiel Chor und Orchester des Bayerischen Rundfunks in München. Ein Niveau, um welches Deutschland in aller Welt beneidet wird. Viele halten dies für bedeutend genug, um es wie die Stadttheater und Opernhäuser für das Weltkulturerbe der Unesco zu nominieren. Sie alle, die dafür künstlerisch und handwerklich tätig sind, hätten es mehr als verdient.

insgesamt 1 Beitrag
Duende 08.07.2018
1. Andrew Manze...
... kommt in Hannover sehr gut an und wurde neulich in einem Stadtmagazin als "Glücksfall" für die Stadt bezeichnet, er selber schwärmt seinerseits für das Orchester und die Bedingungen, sonst hätte er wohl auch [...]
... kommt in Hannover sehr gut an und wurde neulich in einem Stadtmagazin als "Glücksfall" für die Stadt bezeichnet, er selber schwärmt seinerseits für das Orchester und die Bedingungen, sonst hätte er wohl auch nicht verlängert und bliebe hier nicht noch einige Jahre. Ich kann nur jedem empfehlen, sich mal eine (für das Niveau, vergleichsweise SEHR günstige) Karte für ein Konzert der Radiophilharmonie zu kaufen. Ruhig auch etwas weiter vorne, da bekommt man wirklich einen guten EIndruck davon, wie es harmoniert und wie viel Freude die Beteiligten haben. Die CD werde ich mir sicherlich mal anhören.

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