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Kultur

Kamasi Washington und Co.

Ein Jungbrunnen für den Jazz

Junge Menschen und Jazz - wie geht das zusammen? Vielleicht über den Umweg HipHop. Pianist Robert Glasper und Saxofonist Kamasi Washington versuchen es, indem sie Genres mischen.

Mike Park
Von
Sonntag, 05.07.2015   09:12 Uhr

Fast zehn Jahre sind vergangenen, seit der Pianist Robert Glasper vom Klavier zu den Keyboards wechselte, vom akustischen Jazz-Trio zur HipHop-Band mit Elektro-Beats, Vocoder und E-Bass. Zehn Jahre, in denen er große Erfolge feierte: Sein "Robert Glasper Experiment" stürmte die R&B- und HipHop-Charts und gewann, mit Rappern als Gaststars, zwei Grammys.

Doch nun treibt es Glasper zurück zu seinen Wurzeln: Er habe das Piano vermisst - und hat deshalb wieder eine Jazz-CD veröffentlicht, das Album "Covered". Gewidmet hat er es den schwarzen Opfern von Polizeigewalt.

Das Fachmagazin "Billboard" spricht prompt von "Glasper's next experiment". Auf dem Album spielt er allerdings mit seinen bewährten Trio-Kollegen Vicente Archer (Bass) und Damion Reid (Drums). Und er spielt Songs von HipHop- und R&B-Heroen wie Kendrick Lamar, John Legend und Bilal.

Damit soll der populäre Künstler, so hofft das Label "Blue Note", seine jungen "Black-Radio-Fans mit in die Jazzgemeinde nehmen". Zur Aufnahme des Albums hatte das Label daher auch weniger Jazz-Auguren ins Studio eingeladen als jede Menge HipHopper.

Viele kennen heute Jazz nur als Sample

Die Hoffnung, HipHop-Fans zum Jazz zu locken, ist nicht neu. Sie hält sich, weil DJs seit Jahrzehnten Schnipsel von Jazzmusikern in ihre Remixe nehmen. "Für viele existiert Jazz heutzutage vor allem als Sample", schreibt der Blog "WhoSampled". Die britische Webseite mit dem Zugang zur weltweit größten Datenbank von Sample-basierter Musik veröffentliche 2014 eine Rangliste der zehn am meisten gesampelten Jazzkünstler. Auf Platz eins steht der wenig bekannte Fusion-Keyboarder Bob James - überraschend weit vor Legenden wie Quincy Jones oder Herbie Hancock.

Konnten diese Kurzeinspielungen Jugendliche zum Jazz führen? Tatsächlich gibt es Menschen, die über Miles-Davis- oder Nina-Simone-Samples auf den Geschmack gekommen sind; aber eine große Bewegung haben die Schnipsel nie ausgelöst.

Mike Park

Saxofonist Washington: früher Gast, jetzt im Rampenlicht

Einen neuen Impuls und Blutauffrischung im Publikum erhofft sich die Jazz-Branche von einem Album, das seit einigen Wochen über die Fachmedien hinaus Schlagzeilen macht: Kamasi Washington, ein Saxofonist aus Los Angeles, der bislang nur als Gast bei den HipHop-Stars Snoop Dogg, Lauryn Hill und Kendrick Lamar wahrgenommen wurde, überraschte mit einem monumentalen Werk.

Mit einem Jazz-Tentett, klassischen Streichern und einem Chor nahm der 34-Jährige "The Epic" auf - 172 Minuten Musik, die Kritiker als Jazz des 21. Jahrhunderts feiern. Washington ist es gelungen, Gospel sowie Blues-, Bebop- und Swingelemente in einer Art zusammenzubringen, die auch junge Menschen mitreißt.

Beim zweistündigen Release-Konzert im Regent Theater von Los Angeles, das Amerikas "National Public Radio" aufzeichnete und ins Netz stellte, jubelt ein für Jazzevents ungewöhnlich junges Publikum. Allerdings: während auf der Bühne schwarze Gesichter dominieren, sind im Saal kaum Afroamerikaner auszumachen. Ist Jazz ausgerechnet bei der schwarzen Jugend out?

Im Herbst geht Washington auf Welttournee und gibt dann auch fünf Konzerte in Deutschland. Wie alt die Besucher im Schnitt wohl sein werden?


CDs:
Robert Glasper: "Covered / The Robert Glasper Trio Recorded Live At Capital Studios" (Blue Note)
Kamasi Washington: "The Epic" / 3 CDs (Brainfeeder)

Kamasi-Washington-Konzerte:
6. 11. Hamburg, 8. 11. Ludwigshafen, 17. 11. Köln, 18. 11. München,
22. 11. Berlin

insgesamt 7 Beiträge
chaps 05.07.2015
1. Ein außergewöhnliches Werk
von Kamasi Washington. Für Jazz-Neueinsteiger vielleicht etwas zuviel. Reinhören (z.B. auf Youtube) lohnt sich. Ich werde mir das Live ansehen.
von Kamasi Washington. Für Jazz-Neueinsteiger vielleicht etwas zuviel. Reinhören (z.B. auf Youtube) lohnt sich. Ich werde mir das Live ansehen.
tobyrd72 05.07.2015
2. Frank McComb ist auch ein Musiker,
der helfen könnte HipHopHörer zum Jazz zu bringen.
der helfen könnte HipHopHörer zum Jazz zu bringen.
zack34 05.07.2015
3. Nach dem ersten Reinhören...
... kann ich die Begeisterung und die Lobeshymnen nicht so ganz nachvollziehen.
... kann ich die Begeisterung und die Lobeshymnen nicht so ganz nachvollziehen.
top28 05.07.2015
4. Danke Herr Hilscher
Dem unermüdlich fachkundigen Herrn Hielscher mal einen besonderen Dank an dieser Stelle für die vielen Empfehlungen. Kamasi Washington's Talent hat sich zwar schon herumgesprochen, bleibt aber DIE Entdeckung für mich als [...]
Dem unermüdlich fachkundigen Herrn Hielscher mal einen besonderen Dank an dieser Stelle für die vielen Empfehlungen. Kamasi Washington's Talent hat sich zwar schon herumgesprochen, bleibt aber DIE Entdeckung für mich als traditionellen Jazzer.
Yoroshii 05.07.2015
5. Der Jazz lebt!
Hab mir grad Miss Understanding reingezogen aus The epic reingezogen und jetzt Askim...... und: Grandios! Danke für den Tip!
Hab mir grad Miss Understanding reingezogen aus The epic reingezogen und jetzt Askim...... und: Grandios! Danke für den Tip!

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