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Kultur

Zum Tode von Stefanie Tücking

Von 0 auf 100 - und zurück

Statt auf kurze Röcke setzte "Formel Eins"-Moderatorin Stefanie Tücking auf eine altmodische Tugend: Kompetenz. Für SPIEGEL-ONLINE-Autor Arno Frank war sie aber vor allem die Radiostimme seines Vertrauens.

picture-alliance / Ursula Düren
Sonntag, 02.12.2018   10:24 Uhr

Wenn man Stefanie Tücking rein zufällig begegnen wollte, dann standen die Chancen dazu im Rampenlicht oder auf den roten Teppichen dieser Republik schlecht. Eher traf man sie an obskuren Orten wie Johanniskreuz im Pfälzerwald oder anderen Treffpunkten für Biker im deutschen Südwesten. Denn Tücking fuhr Motorrad, also richtige Motorräder, große Motorräder für die weite Fahrt. Und wenn sie damit stürzte und die Maschine schrottete, dann fuhr sie eben mit einem neuen Motorrad weiter.

Dieser Aspekt ist so unwichtig nicht bei einer Frau, die den Jugendlichen hierzulande die Pop- und eben auch Rockmusik schon näherbrachte in einer Zeit, als MTV noch ein Flimmern am Horizont und von VIVA noch gar keine Rede war. Stichwort "Rocklady", Stichwort "Powerfrau" und was es noch so an dummen Stichworten gibt.

In Nachfolge von Ingolf Lück moderierte Tücking von Januar 1986 bis zum Dezember 1987 "Formel Eins", insgesamt 80 Sendungen. Zu einer Zeit, als ein öffentlich-rechtlicher Sender wie die ARD tatsächlich - wenn auch zunächst "nur" in seinen Dritten Programmen - noch seinem popkulturellen Bildungsauftrag nachkam.

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Musiksendung "Formel Eins": Tücking, Illmann, Lück

Geboren ist sie in Kaiserslautern und sie ist diesen typisch pfälzischen Dialekt auch nie ganz losgeworden. Einfach, weil sie ihn - anders als die meisten Menschen in Kaiserslautern - auch nie loswerden wollte. Zwar studierte sie in ihrer Heimatstadt zunächst Elektrotechnik. Ihr großer Traum aber war es immer, Journalistin zu werden: "Ich dachte immer, das möchte ich gerne können. Ich habe das aber nicht studiert. Es war einfach nur, dass ich das machen wollte."

Kaiserslautern liegt im Sendegebiet des SWR, und so zog es sie nach Baden-Baden. Und dort stellte man sie sogleich ins Studio von "Formel Eins". Von 0 auf 100 sozusagen. Heute gilt die Musiksendung als "Kult", damals war sie vor allem konkurrenzlos und damit, programmplanerisch, eine sichere Bank. Wer sich für die Charts interessierte und die Musik hören, die Clips oder die Stars persönlich sehen wollte, der kam an "Formel Eins" nicht vorbei.

Küsse von Götz George für die "süße Maus"

Auch wenn sie "das nicht studiert" hatte, konnte Stefanie Tücking an diesem Ort und zu dieser Zeit nichts falsch machen. Überdies war sie - nach Uschi Nerke von "Beat Club" - die erste Frau an so exponierter Stelle. Vorgesehen war denn auch eine ähnliche Rolle, nämlich die der Augenweide.

Gleich die erste Einstellung der Kamera, bei der Stabübergabe durch Ingolf Lück, galt weniger einer womöglich fähigen Frau - sondern einer hübschen 23-Jährigen. Die Botschaft war klar: "Ab jetzt führt diese süße Maus durch die Sendung." Anfangs ungelenk, später immer souveräner - auch im Umgang mit den damals üblichen Schlüpfrigkeiten.

Von einem Götz George in knarzender Lederjacke musste sie sich vor der Kamera küssen lassen, misogyne Zuschriften männlicher Zuschauer ("Trägt Stefanie kein Oberteil, ist Formel Eins erst richtig geil") verlas sie mit stoischer Resilienz. Eine Gestalt wie James Brown erkannte sie mit sicherem Blick sogleich als "Arschgeige", und einen - diesmal gespielten - Kuss-Sketch mit Michael Douglas absolvierte sie mit komischem Talent.

Tücking wuchs mit der Sendung, suchte und fand ihre Rolle. Sie wurde nie der Körper und nie nur "das Gesicht" der Sendung, sondern, wie nebenbei: Journalistin und Profi vor der Kamera. Ganz ohne Studium. Als nachhaltig hilfreich erwies sich dabei die eher altmodische Tugend der Kompetenz. Darin war sie nicht nur damals ihren männlichen Kollegen überlegen, sondern auch der kompletten Generation an Textaufsagerinnen, die das Musikfernsehen nach ihr hervorbringen sollte.

Ganz egal, ob "die Tück" Wet Wet Wet, Erasure oder Feargal Sharkey anmoderierte, über das Label von Prince referierte oder Iggy Pop präsentierte - sie wusste, wovon sie sprach. Am Ende merkten auch die Macher der Sendung, mit wem sie es da zu tun hatten. Anzügliche Ratschläge wie "Zieh dir'n Röckchen an, damit die Leute merken, dass du'n Mädchen bist" konnte sie deshalb selbstironisch befolgen, weil darin bereits ein unbeholfener Respekt mitschwang. Zu #MeToo hätte sie gewiss die eine oder andere Anekdote beitragen können. Und hat es doch nie getan.

Die Prominenz Gassi geführt

1987 wurde sie zum Ausklang ihres Engagements bei "Formel Eins" als 24-Jährige mit der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet. Ab hier hätte es so richtig aufwärts gehen können. Ein wenig Schauspielunterricht und mehr als Nebenrollen in "Monaco Franze" oder beim "Tatort" wären ihr sicher gewesen. Ein wenig mehr Ehrgeiz und Ellbogen, und sie hätte eine große Nummer beim Privatfernsehen werden können.

Stattdessen besann sich Stefanie Tücking nach dem Ausscheiden bei "Formel Eins" auf ihre Qualitäten. Radiomoderatoren wie Thomas Koschwitz oder Elmar Hörig versuchten sich beim Fernsehen und scheiterten. Die Fernsehmoderatorin Stefanie Tücking schaltete einen Gang runter, versuchte sich beim Radio. Und blieb, unterbrochen nur von "Formel Eins"-Revivals oder punktuellen öffentlichen Auftritten als Moderatorin auf Festivals.

Bei solchen Gelegenheiten führte die Hunde-Liebhaberin ihre eigenen Prominenz nur Gassi, mehr nicht. Wer oft Berühmtheiten vorm Mikro hat, hält sich nur allzu leicht bald selbst für einen Star. Auch diesen Fehler machte Tücking nie. Ab 1987 arbeitete sie zunächst beim Bayerischen Rundfunk und dann für sagenhafte 30 Jahre beim SWR, bei Kollegen und Publikum gleichermaßen beliebt.

Vertraute Stimme, rauchig und voluminös

Wenn eine ganze Generation mit ihrer tiefen Stimme aufgewachsen ist, dann nicht wegen des Fernsehens. Sondern wegen Sendungen wie "Lollipop" oder "Pop Shop", von der Frühstückssendung bis zur späten Nacht. Journalismus eben, die Mühen der Ebene - bei ihr wirkten sie wie Spaziergänge. Im Englischen gibt es den "household name". Tücking war nicht nur im Südwesten eine "household voice", vertraute und vertrauensvolle Stimme, rauchig und voluminös zugleich, mit dem leicht zerkratzten Timbre der professionellen Vielrednerin.

Tücking blieb bei ihren Leisten. Dort, wo sie ihre volle Leistung bringen konnte.

Darüber hinaus gab es kein Buch, keine Wortmeldung, keine Auftritte in Talkshows. 2015 startete sie einen Blog und meldete sich bei Twitter an, 2016 hörte sie mit dem Quatsch wieder auf. Lieber gönnte sie sich den Luxus, keine Person öffentlichen Interesses zu sein. Das mag man Bescheidenheit nennen oder auch Bodenständigkeit. Charakter trifft es besser.

In der Nacht zum Samstag ist Stefanie Tücking mit 56 Jahren in Baden-Baden überraschend gestorben. Oder, wie es ihr geliebter David Bowie sagen würde: "Now she's floating in a most peculiar way".

insgesamt 48 Beiträge
alabama110 02.12.2018
1. Danke
Ein guter, bodenständiger Nachruf auf eine ebensolche Frau. RIP Steffi
Ein guter, bodenständiger Nachruf auf eine ebensolche Frau. RIP Steffi
rubraton 02.12.2018
2. R.i.p
War genau meine Zeit und warte jeden Samstag Abend gespannt auf Formel Eins ... Danke für alles was Du uns gegeben hast.
War genau meine Zeit und warte jeden Samstag Abend gespannt auf Formel Eins ... Danke für alles was Du uns gegeben hast.
krismopompas 02.12.2018
3. Zitat für die Ewigkeit
Von ihr stammt der tolle Satz: "Woran kann man eine Rockband von einer Popband unterscheiden? Bei der Popband kennt man den Sänger, bei der Rockband den Gitarristen." Dem ist nichts hinzuzufügen. Mach´s gut Steffi, [...]
Von ihr stammt der tolle Satz: "Woran kann man eine Rockband von einer Popband unterscheiden? Bei der Popband kennt man den Sänger, bei der Rockband den Gitarristen." Dem ist nichts hinzuzufügen. Mach´s gut Steffi, und rocke den Laden da oben gemeinsam mit Bowie, Petty und Lemmy.
fenasi_kerim 02.12.2018
4. Die Stimme meiner Kindheit
ist verstummt. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so nahe geht. Aber Steffi war in meinem Leben eigentlich immer da. Einer der wenigen Lichtblicke im heutigen Radio. Ein trauriger Tag
ist verstummt. Ich hätte nie gedacht, dass es mir so nahe geht. Aber Steffi war in meinem Leben eigentlich immer da. Einer der wenigen Lichtblicke im heutigen Radio. Ein trauriger Tag
aylin1896 02.12.2018
5. Schlaf gut, Steffi
Bin mit Formel 1 aufgewachsen und bis vor Kurzem ihre Moderation auf SWR gehört. Danke für alles Steffi, wir werden dich vermissen.
Bin mit Formel 1 aufgewachsen und bis vor Kurzem ihre Moderation auf SWR gehört. Danke für alles Steffi, wir werden dich vermissen.
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