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Kultur

Moderne Führungskräfte

Höhenrausch zwischen Kraft und Feinsinn

Wenn sich Teodor Currentzis Mahlers 6. Symphonie vornimmt, kann das kaum tragisch enden. Und was seine New Yorker Kollegin JoAnn Falletta mit Franz Schreker anstellt, begeistert gleichfalls.

Nadia Rosenberg/ Sony Music
Von
Sonntag, 28.10.2018   10:35 Uhr

Spannung: Was macht er als Nächstes? Eine brennende Frage, die sich früher Pop-Chronisten eher bei künstlerisch wanderlustigen Musikmachern wie Bob Dylan, Laurie Anderson, Madonna oder David Byrne stellten. Der griechische Dirigent Teodor Currentzis, inzwischen längst ein Musikstar eigenen Zuschnitts und Chef der Oper in Perm, spannt sein Publikum nie lang auf die Folter. Er überrascht weniger mit stilistischen Kaprizen, er ackert derzeit selbstbewusst und aufregend das Pflichtprogramm für Kapellmeister ab. Besser: Er pflügt das scheinbar Bekannte kraftvoll um. Das kennzeichnet seine Art, Spannung zu erzeugen - und zu befriedigen.

Nachdem Currentzis im letzten Jahr eine Kostprobe Tschaikowsky ("Pathétique") servierte, stellte er in diesem Jahr erste Beispiele seines Beethoven-Symphonien-Zyklus' in umjubelten Konzerten von den Salzburger Festspielen bis zum Bremer Musikfest vor. Nummer fünf, sechs und sieben, gern gleich im Dreierpack, jedes Mal prall, kraftvoll und ergreifend sinnlich. Stets Vollgas Marke Currentzis, ganz ohne Furcht vor Vergleichen mit ehrwürdigen Vorbildern. Manchmal hört man allerdings, dass ihn eventuell die späten Interpretationen von Nicolas Harnoncourt nicht kalt gelassen haben. Nun also Mahler! Start mit der 6. Symphonie, der vermeintlich "tragischen" - ein Beiname, den Mahler selbst nicht benutzte.

Nun also Mahler!

Die "Überinstrumentierung" (laut Richard Strauss) lässt Currentzis mit seinem immer perfekter agierenden Orchester MusicAeterna kaum spüren, das vom Komponisten "wuchtig" geforderte Scherzo des zweiten Satzes fließt trotz aller Zerklüftungen frisch und klar. Wie schon im kontrastreich auftrumpfenden Kopfsatz hat Currentzis keinerlei Mühe, die teils üppigen Klangmassen wohlproportioniert zu pointieren und dabei schroffe Marschrhythmen und schüchterne Romantik zu einem hypnotischen Sog zu verweben. 129 Mitglieder umfasste sein MusicAeterna-Orchester für diese CD (Sony Classical) - eine bestens disponierte Truppe über die Langstrecke von rund 85 Minuten.

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Imposante Bläserexplosionen

Nach dem unendlich zart und fein durchzeichneten Adagio mündet der Strom der Musik nach zurückhaltendem Beginn des vierten Satzes ("Sostenuto") ins blechbläserglänzende Allegro des Finales. Und bei allen schmetternden Tutti-Effekten, die sich Currentzis natürlich nicht entgehen lässt, steht über allem doch die Klarheit und Feinzeichnung aller Stimmen. Jedes plötzliche Innehalten erfährt vom Ensemble und dem Chef größte Genauigkeit, weshalb die Tempofahrten und Bläserexplosionen umso imposanter glänzen. Bitte mehr von diesem Mahler-Ansatz!

Als "entartet" diffamiert

Eine ganz anders strukturierte Portion dieses kraftvollen Zugriffs präsentiert die amerikanische Dirigentin und Musikerin JoAnn Faletta, die gemeinsam mit dem Berliner Radio Symphonieorchester Werke von Franz Schreker (1878-1934) interpretiert. Vor allem Schrekers Opern ("Die Gezeichneten", "Der ferne Klang") in der stilistischen Nachfolge Richard Wagners waren vor 1933 in Deutschland extrem populär, bevor die Nationalsozialisten seine Musik als "entartet" einstuften. JoAnn Faletta, 1954 in Brooklyn/New York geboren und ausgebildet unter anderem am Mannes College und an der Juilliard School, nimmt auf ihrer Schreker-CD (Naxos) zunächst die Suite "Der Geburtstag der Infantin" (1923) mit elegantem, kraftvollen Klang.

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Nach dem Einstieg "Vorspiel zu einem Drama" - als Vorspiel zur Oper "Die Gezeichneten" komponiert - fügen sich die zehn dramaturgisch effektvoll gestalteten Sätze zu einem prallen akustischen Bild, das die Klangmacht des Radio Symphonie Orchesters Berlin entfaltet. "Mit dem Wind in den Frühling" zeichnet Schreker in bester Programmmusikmanier fast ein wenig zu grell, die "Rose der Infantin" blüht operettenhaft farbig und mündet in den wunderbar lyrisch singenden "Nachklang". Schrekers kaum weniger betörende "Romantische Suite" von 1903 ergänzt das Programm perfekt.

Spezialistin für Raritäten

JoAnn Falletta gehört in den USA zu den herausragenden Persönlichkeiten der Konzertszene, sie war Orchesterintendantin und dirigierte schon in jungen Jahren an der Metropolitan Opera in New York, sowie die Philharmoniker ihrer Heimatstadt. Später spezialisierte sich Falletta auf die Interpretation seltener gespielter Werke. Über 70 CDs umfasst ihre Diskografie. Es wäre schön, sie nach diesem einfühlsam gestalteten Schreker-Programm auch live in hiesigen Konzertsälen zu erleben.

insgesamt 1 Beitrag
chrisberg 28.10.2018
1. Currentzis ist Chef.....
....der Oper in Perm. Und nebenbei Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters;-)
....der Oper in Perm. Und nebenbei Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters;-)

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