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Kultur

Comeback von TLC

Die Popgeschäftsfrauen

Der R&B-Vibe der Neunziger ist zurück - und mit ihm eine der erfolgreichsten Frauenbands aller Zeiten: TLC kehren nach langer Pause mit neuem Album und Tournee zurück. Als Duo - und auf ihre eigene, unabhängige Art.

Dennis Leupold
Von
Sonntag, 25.06.2017   16:48 Uhr

Die Künstlergarderobe ist eng, viel zu eng für so viel gut gelaunte Frauenpower. TLC, nach dem Unfalltod der Rapperin Lisa "Left Eye" Lopez vor 15 Jahren zum Duo geschrumpft, sitzen nebeneinander auf einem sehr alten Ledersofa, eine Klimaanlage echauffiert sich laut im Minifenster, ein Tisch ist mit Getränkebechern und Catering-Resten vollgestellt, Koffer und Kleidersäcke stapeln sich unordentlich. Es bleibt gerade noch Platz für einen Stuhl, auf dem der Journalist Platz nehmen kann.

Mehr als 80 Millionen Platten hat die Band seit ihrer Gründung 1991 verkauft. In den Neunzigern galt das R&B-Trio TLC mit Hits wie "No Scrubs" und "Waterfalls" als Charts-Phänomen und gilt neben den Spice Girls als erfolgreichste Frauenband aller Zeiten. Ob Rihanna, Beyoncé oder Newcomer wie Kehlani und SZA: Nahezu alle erfolgreichen afroamerikanischen Popsängerinnen der Gegenwart haben TLC viel zu verdanken: die Gewissheit, dass sich starke, unabhängige Frauen im von Männern dominierten Musikgeschäft behaupten können.

TLC waren in den Neunzigern so wichtig und einflussreich wie Michael Jackson in den Achtzigern. Heute, Anfang Mai 2017, sitzen sie im Londoner Szeneviertel Camden in einem miefigen kleinen Raum. Am Abend werden sie ihr allererstes Konzert in Großbritannien geben, im Koko, einem alten Theater mit Punkrock-Vergangenheit, das heute nach Cocktails und Gentrifizierung riecht. Es fasst etwa 1500 Leute. Das Comeback von TLC beginnt also in aller Bescheidenheit. Chilli und T-Boz, beide Mitte vierzig, wollen es noch nicht einmal ein Comeback nennen, sie nennen es lieber "Return", Rückkehr. Am 30. Juni veröffentlichen sie zum ersten Mal seit 2003 ein Album mit neuer Musik, im Sommer gehen sie auf Tournee, dann durch größere Hallen.

Heute, im intimen Koko, geht es jedoch erst einmal um Kontaktaufnahme, um ein Abtasten der Fanliebe und ein Überprüfen, inwieweit es stimmt, was Szenemagazine schon seit Langem schreiben: dass der Neunziger-Vibe, der R&B mit Pop und Hip-Hop-Beats und bunten Fashionstatements verquickte und Acts wie TLC oder Aaliyah in den Mainstream beförderte, ein Revival erlebt.

Das Londoner Publikum hatte sich jedenfalls lustvoll in farbenfrohe Vintage-Hip-Hop-Klamotten gekleidet, zahlreiche junge Frauen trugen zu Glitzer-Make-up und Hochsteckfrisur den schwarzen Farbstreifen unter dem linken Auge, einst Erkennungszeichen von Lisa Lopes. Neben TLC versuchen auch einst erfolgreiche Girl-R&B-Acts wie En Vogue ein Comeback, während die Nineties auch im Fernsehen mit der Neuauflage von "Twin Peaks" oder "Akte X" auferstehen. Der Trend ist virulent. Aber können TLC davon profitieren?

"Die Radiosender mochten 'Waterfalls' nicht"

"Druck ist vorhanden, der ist eigentlich immer da", sagt Rozonda "Chilli" Thomas, schlank und schön, kaum einen Tag älter wirkend als vor 20 Jahren, "insbesondere, wenn man so lange weg war wie wir." Das bis dato letzte TLC-Album "3D", 2003 nach Lopes' Tod veröffentlicht, war ein kommerzieller und künstlerischer Flop. "Natürlich hätten wir gerne ein neues 'Waterfalls', aber solche Hits sind nicht einfach zu haben", sagt Chilli. Ihre Kollegin Tionne "T-Boz" Watkins ergänzt nüchtern: "Du musst bedenken, dass 'Waterfalls', als wir es als Single herausbrachten, überhaupt nicht funktionierte. Die Radiosender haben den Song nicht verstanden."

Erst als das Video auf dem damaligen Massenmedium MTV nachgereicht wurde, ein mit brillanten Computereffekten animierter Meilenstein der Clip-Geschichte, sei "Waterfalls" zum Überhit geworden. "Einen Hit zu haben, hängt immer ganz davon ab, was du veröffentlichst, wann du es tust und was gerade noch so in der Welt los ist - und natürlich, wie du es visuell zum Leben erweckst", sagt T-Boz, die etwas rundlicher und mütterlicher geworden ist über die Jahre, aber immer noch explosiv wirkt.

Die beiden Sängerinnen wissen, dass sich die Zeiten verändert haben. Dass heute schon 500.000 verkaufte Alben ein Riesenerfolg sind, nicht die elf Millionen, die das TLC-Hitalbum "CrazySexyCool" von 1994 allein in den USA verkaufte. Sie wissen, dass sie, anders als im MTV- und VH1-Zeitalter, härter um die Aufmerksamkeit des Publikums kämpfen müssen, dass sie Social Media brauchen und einen guten Auftritt auf YouTube, dass die Leute da draußen schneller gelangweilt sind. Der sonnige Clip zu ihrer Comeback-Single "Way Back" mit Rapper Snoop Dogg als Gast wurde bisher rund drei Millionen Mal aufgerufen, das ist ein gutes Zeichen.

Auch für die neue emotionalen Kampfzonen der Instagram- und Facebook-Welt haben TLC eine griffige Hymne parat: "Haters" animiert dazu, sich selbst treu zu bleiben, auch wenn die Kommentarspalten vor Hass und Häme triefen. "TLC" findet auf erstaunlich hohem Energielevel die richtige Balance zwischen Nostalgie und Freshness. Nur "It's Sunny", einen aufdringlichen Disco-Stampfer, der sich bei Earth, Wind & Fires "Dancing in September" ebenso schamlos bedient wie bei Bobby Hebbs Evergreen "Sunny", hätte das Album nicht gebraucht.

"Wir wollten keine Mikrowellen-Popsongs"

Statt auf erprobte Gewährsleute wie den einstigen Bandintimus Dallas Austin zu setzen, suchten sich TLC ihre neuen Lieder bei einem Songwriter-Camp in L.A. zusammen und ließen sich von jungen aufstrebenden Schreibern inspirieren. Das sei eben der TLC-Weg, sagt Chilli: "Wir sind keine Trittbrettfahrer, sondern immer offen, neuen Talenten eine Chance zu geben. Wir alle haben mal klein angefangen."

Als Produzent stand TLC die Musikbranchenlegende Ron Fair zur Seite, der Acts wie Christina Aguilera, Mary J. Blige oder die Pussycat Dolls zum Erfolg führte. Die Kreativseite behielten die beiden Frauen jedoch unter eigener Kontrolle. Einen Plattenvertrag bei einer großen Plattenfirma wollten sie nicht: zu viele schlechte Erfahrungen.

Stattdessen gründeten sie ihr eigenes Label und starteten eine Kickstarter-Kampagne im Internet, um 150.000 Dollar für die unabhängige Albumproduktion zu sammeln. "Immerhin waren es die Fans, die uns jahrelang gedrängt haben, eine Platte zu machen", sagt T-Boz. Am Ende kamen mehr als 430.000 Dollar zusammen, 5000 spendete allein Popsängerin Katy Perry.

Ein Risikoinvestment, denn garantierte Radiohits von Songfabrikanten wie Max Martin, Benny Blanko oder Dr. Luke gibt es auf ihrem Album nicht. Sie wollten keine "Mikrowellen-Popsongs", wie Chilli es nennt: "Es mögen Hits sein, aber jeder könnte sie singen. Es sind keine TLC-Songs. Wir brauchen echte Musik mit Texten, die Identifikationspotenzial haben, auch wenn du dazu tanzen oder grooven kannst."

Die Basisbotschaft lässt sich auch in den Songs des wohl finalen TLC-Albums so zusammenfassen: Bleib dir selbst treu und akzeptiere kein Nein. Das mag banal wirken, doch die Erfolgsgeschichte des Trios in den Neunzigern hatte zahlreiche Schattenseiten, die Chilli und T-Boz 2013 zum Teil in ihrem selbstproduzierten VH1-Film "CrazySexyCool: The TLC Story" aufbereitet haben: Nach dem größten Hitalbum musste die Band dank eines Knebelvertrags mit Management und Label finanziellen Bankrott anmelden, bei Tionne wurde eine Sichelzellenanämie diagnostiziert, die sie bis heute gesundheitlich beeinträchtigt - und natürlich gab es die Querschlägerin Lisa Lopes, die wegen Alkoholsucht mehrmals in den Entzug musste, spektakulär das Haus ihres Liebhabers, ein Football-Star, abfackelte und sich Ende der Neunziger nach dem Album "Fan Mail" schließlich auf hässlichste Weise von Chilli und T-Boz abnabeln wollte. Wenige Jahre später starb sie in Honduras bei einem Autounfall.

Ersatz für Lisa Lopes? "Niemals!"

Vor vier Jahren, als die VH1-Doku-Fiction beworben werden musste, traten TLC zusammen mit der jungen Rapperin Lil Mama auf, die im Film Lopes spielt. Doch einen dauerhaften Ersatz für "Left Eye" wird es nicht geben: "Niemals wird es irgendein anderes Mädchen in TLC geben, niemals", sagt Chilli, es sind jetzt eben nur noch wir beide übrig, und dabei bleibe es auch." Lisa, sagt T-Boz, sei vielleicht nicht mehr physisch anwesend, aber "sie rocke auch weiterhin ihren Part" auf der Bühne. Man könne ihre Präsenz immer noch spüren.

Auch im Londoner Koko werden Lopes' Rap-Parts in den alten Hits vom Band eingespielt, die Choreografie der beiden Überlebenden bettet diese Geisterstimme problemlos ein. Alles wirkt wie aus einem Guss, auch wenn die Tanz-Moves nicht mehr so flüssig und schnittig sind wie damals. Ein Gospelchor und eine Gruppe junger Tänzer sowie ein atemloser DJ-Moderator halten das Publikum mit Action bei Laune. Wobei das gar nicht nötig gewesen wäre: Die Rückkehr von TLC wird im Koko gefeiert wie eine große Party, an deren Ende alle beseelt den vielleicht größten Hit der Band mitsingen: "No Scrubs", jene damals freche, heute verinnerlichte Absage an nichtsnutzige Kerle, die Frauen schlecht behandeln.

Sind TLC stolz darauf, nachfolgenden Künstlerinnen den Weg bereitet zu haben und als feministische Symbolfiguren zu gelten? "Ich weiß immer gar nicht so genau, wem wir wie den Weg bereitet haben", sagt T-Boz lachend. Stolz seien beide vor allem darauf, wenn Leute sagen, ihre Songs seien Teil ihres Lebens geworden und hätten in schwierigen Phasen geholfen.

Heute, sagen beide, sei es definitiv einfacher, sich als Musikerin zu behaupten, als in den Neunzigern: "Wir mussten jede Menge Barrieren durchbrechen, damals war es noch nicht einmal selbstverständlich, Videos von afroamerikanischen Künstlern auf MTV zu spielen." Von reinen Frauenbands ganz zu schweigen. "Aber es kommt nicht darauf an, ob du Mann oder Frau bist", so T-Boz, "ich freue mich für jeden Künstler, der es schafft, in dieser noch unübersichtlicher und komplizierter gewordenen Industrie zu bestehen. Wenn du das schaffst, Hut ab."

insgesamt 8 Beiträge
tailspin 25.06.2017
1. Tlc
Umgangssprachliches Acronym fuer 'tender loving care'. Koennte zutreffen. Per Anschauung.
Umgangssprachliches Acronym fuer 'tender loving care'. Koennte zutreffen. Per Anschauung.
Konrad Hunkeler 25.06.2017
2. "Damals nicht üblich"
Damals sei es nicht üblich gewesen, dass Video von schwarzen Künstlern gespielt werden? So ein unfassbarer Schwachsinn. Anfangs der 90er Jahre war Hip Hop bereits omnipräsent.
Damals sei es nicht üblich gewesen, dass Video von schwarzen Künstlern gespielt werden? So ein unfassbarer Schwachsinn. Anfangs der 90er Jahre war Hip Hop bereits omnipräsent.
george_wyne 26.06.2017
3. Bandname
Eigentlich steht TLC für T-Boz, Left-Eye und Chili. Aber egal, Hauptsache sie sind wieder da. Das freut uns alte Fans. Aber ob die Jungen das kaufen ist fraglich, wenn man sich die aktuelle "Musik"-Szene so [...]
Zitat von tailspinUmgangssprachliches Acronym fuer 'tender loving care'. Koennte zutreffen. Per Anschauung.
Eigentlich steht TLC für T-Boz, Left-Eye und Chili. Aber egal, Hauptsache sie sind wieder da. Das freut uns alte Fans. Aber ob die Jungen das kaufen ist fraglich, wenn man sich die aktuelle "Musik"-Szene so anhört und sich recht oft dabei übergeben möchte. Ich drücke die Daumen!
observerlbg 26.06.2017
4. Der Generationenkonflikt...
Sich beim Anhören der bei der Jugend angesagten Musik übergeben müssen? Hat das nicht schon immer die Vorgängergeneration gesagt? Bezüglich Blues, Regtime, Rock'n Roll, Heavy Metal, Techno, House.....? Ich wünsch den [...]
Zitat von george_wyneEigentlich steht TLC für T-Boz, Left-Eye und Chili. Aber egal, Hauptsache sie sind wieder da. Das freut uns alte Fans. Aber ob die Jungen das kaufen ist fraglich, wenn man sich die aktuelle "Musik"-Szene so anhört und sich recht oft dabei übergeben möchte. Ich drücke die Daumen!
Sich beim Anhören der bei der Jugend angesagten Musik übergeben müssen? Hat das nicht schon immer die Vorgängergeneration gesagt? Bezüglich Blues, Regtime, Rock'n Roll, Heavy Metal, Techno, House.....? Ich wünsch den beiden Frauen viel Glück. Sind doch unsere Musikhelden aus den Neunzigern nach und nach gestorben: Witney Huston, Prince, Michael Jackson, George Michael....
sischwiesisch 26.06.2017
5. Geht´s auch ein wenig undramatischer ?
Zitat: in den Neunzigern: "Wir mussten jede Menge Barrieren durchbrechen, damals war es noch nicht einmal selbstverständlich, Videos von afroamerikanischen Künstlern auf MTV zu spielen." Von reinen Frauenbands ganz zu [...]
Zitat: in den Neunzigern: "Wir mussten jede Menge Barrieren durchbrechen, damals war es noch nicht einmal selbstverständlich, Videos von afroamerikanischen Künstlern auf MTV zu spielen." Von reinen Frauenbands ganz zu schweigen. Ich verstehe ja, daß PR wichtig ist um entsprechend wahrgenommen zu werden, aber ein bißchen weniger Geschichtsklitterung hätte es auch getan. Das zieht vielleicht bei jüngeren, aber nicht bei meiner und älteren Generationen. TLC mussten in den 90ern gar nichts mehr einreissen, schon gar keine Barrieren. Das ist ja ein Schenkelklopfer.

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