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Kultur

Abgehört - neue Musik

Quiet Riot

Einfach mal hinsetzen, statt Aufstand proben: Die Indie-Veteranen Yo La Tengo begegnen dem Zeitgeist mit radikaler Ruhe. Rap-Prinz Lil Yachty sucht seinen Thron, Kreisky sticheln im österreichischen Gemüt.

GODLIS

Yo La Tengo

Von und
Dienstag, 13.03.2018   17:00 Uhr

Yo La Tengo - "There's A Riot Going On"
(Matador, ab 16. März)

Die wollen uns doch verarschen! "I repeat, nice and sweet, let's do it wrong", säuselt Ira Kaplan ganz entrückt. Dazu dudelt seine Band einen von warmen Südsee-Lüftchen beschwingten Hotellobby-Sound hin, eine gedämpfte Steeldrum trillert, Bambusstäbchen klacken lässig aufeinander, irgendwas gluckert wohlig im Hintergrund. Einfach mal alles falsch machen, sanftmütig und supersinnlich jede Erwartungshaltung des Zeitgeists unterlaufen. Einfach gemütlich hinsetzen und zurücklehnen, wenn alle den Aufstand proben. Ein Album voll träger, tiefenentspannter Ambient-Musik aufnehmen und das dann "There's A Riot Going On" nennen. Streitäxte zu Wattestäbchen.

Für Yo La Tengo aus Hoboken, New Jersey, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feiern, ist das keine neue Strategie. Anfang 2000, als die Welt gerade den Doomsday-Alarmismus um den Millenniums-Bug verarbeitete, veröffentlichte die Band mit "And Then Nothing Turned Itself Inside Out" eines ihrer gemächlichsten und besten Alben. Bei Yo La Tengo, anders als bei Sonic Youth, den intellektuellen Avantgarde-Brüdern und -Schwestern im Geiste vom anderen Ufer des Hudson, stand schon immer eher das Fühlen, nicht das Verkopfte im Vordergrund. Dass sie auf den allgemeinen Turmoil aus politischer Zerrissenheit, Internet-Hass und -Hysterie, Amokläufen und Polizeigewalt, Trump und anderer um sich greifender Idiotie nun mit Easy Listening, Hippie-Chants und Yoga-Begleitmusik reagieren, ist daher fast folgerichtig - und keinesfalls die Kapitulation, für die man es halten könnte: In einer Zeit, in der alle immer lauter schreien, plappern, wüten, liegt in Stille, Ruhe und Harmonie die größte vorstellbare Radikalität.

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"Whenever there's hurt / And things are uncertain / Maybe I could be that guy/ I'd like to try", bietet Kaplan in "For You Too" seine Beihilfe zur Ausgeglichenheit an. Es ist einer von wenigen klassischen Songs, die Kaplan, Schlagzeugerin Georgia Hubley und Bassist James McNew geschickt an den Anfang ihres Albums gestellt haben: "Shades Of Blue" und "She May She Might" sind sonnig-verspulte Folkpop-Lieder, die sich nach Nick Drake und CSNY strecken, aber auch die Emocore-Film-Soundtracks aufgreifen, die Yo La Tengo in den vergangenen Jahren unter anderem für "Adventureland" anfertigten. Erst mit "Polynesia #1" beginnt das große Wegträumen in ambiente, exotische Klanglandschaften. Das führt, in "Esportes Casual" mal nach Brasilien, far out ins ätherische Space-Wabern in "Shortwave" - und nimmt durch den sanften Funk-Groove von "Above The Sound" doch nochmal Bezug auf den von Sly & The Family Stone entliehenen Albumtitel. Das heute als revolutionärer Klassiker verklärte "There's A Riot Going On" aus dem desillusionierten 1971 enthielt ja letztlich auch eine Musik, die Radikalität und Protest nicht in Lautstärke und Dringlichkeit kanalisierte, sondern ins fatalistische Bedröhntsein von "Spaced Cowboy". Der kurze "Riot"-Titeltrack, hier schließt sich dann der Kreis zu Yo La Tengo, ist silent, weil Sly Stone, wie er später erklärte, Aufstände eigentlich für sinnlos hielt und ablehnte.

Andreas Borcholtes Playlist KW 11

SPIEGEL ONLINE

01 Kreisky: Veteranen der vertanen Chance

02 Erste Allgemeine Verunsicherung: Burli

03 Yo La Tengo: For You Too

04 Sly & The Family Stone: Spaced Cowboy

05 Miles Davis: Guinnevere

06 Talking Heads: No Compassion

07 David Byrne: Everybody’s Going To My House

08 Yuno: No Going Back

09 Grouper: Parking Lot

10 1010 Benja SL: Wind Up Space

Yo La Tengo lassen diese bahnbrechende Formulierung des afroafrikanischen struggle in ihre weißen Rock- und Pop-Zusammenhänge transzendieren - und knüpfen mit ihrer wutverweigernden Love-and-Peace-Musik an einen positivistisch-eskapistischen Mikrotrend an, der sich gerade in der Pop-Intelligenzija herauskristallisiert. Wenn Holly Herndon, wie im Januar bei der CTM in Berlin, ihre bisher streng digitale Sozialkommunikation mit Computern plötzlich mitsamt polyphonem Chor zum nach Liebe lechzenden Hippie-Musical auf die Bühne holt oder New-Wave-Veteran David Byrne auf seinem neuen Album die "American Utopia" in konstruktiv-optimistischen Tierfabeln sucht, dann ist anscheinend ein quiet riot im Gange. Es kann natürlich auch immer noch alles Verarschung sein. Oder zu viel Marihuana. Oder Ratlosigkeit. (9.0) Andreas Borcholte

Lil Yachty - "Lil Boat 2"
(Quality Control/Universal, seit 9. März)

Wer einen Beweis dafür brauchte, wie schnelllebig und unübersichtlich Rap im Jahr 2018 ist: ein Blick auf Lil Yachty genügt. Vor weniger als einem Jahr konzentrierte sich noch der Buzz einer ganzen Szene auf den jungen Rapper aus Atlanta. Für Rap-Puristen war er Pest und Cholera in Personalunion, während andere in ihm die Speerspitze eines Punk-Moments des Hip-Hop sahen, eines radikalen Wandels also, der die Altvorderen und ihr Regelwerk wegspülen würde.

Und genau so klang sein Debüt "Teenage Emotion" im Frühsommer 2017 auch: Mit seinem zuckrigen, maximal flamboyanten Kaugummi-Sound relativierte das Album alles, was man über Männlichkeitsbilder und andere Klischees des Rap zu wissen glaubte. Die Sache schien klar: Lil Yachty, damals 19, würde der nächste Superstar sein. Rückblickend falsch gedacht: "Teenage Emotion" verkaufte sich schwach, laut dem Szeneportal "Rapdirect" gingen in der ersten Woche nur 18.000 Exemplare über die US-Ladentheken. Zum Vergleich: Yachtys Konkurrent Lil Uzi Vert verkaufte derselben Quelle zufolge binnen weniger Tage 100.000 Kopien seines Albums "Luv Is Rage 2". Yachty, der selbsternannte "King of the Teens", stand plötzlich ohne Königreich da.

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Sein zweites Album begegnet den sinkenden Aktien nun mit der wohl zynischsten aller Maßnahmen: einem mehr oder weniger aufwändigen Rebranding. Auf "Lil Boat 2" ist von der alten kunterbunten Lebenslust nämlich höchstens noch Yachtys knallroter Schopf übriggeblieben. Stattdessen versucht er sich jetzt als zuckerfreier Migos-Verschnitt, Triolen-Raps und inflationäres Geprolle inklusive. Das Problem: Die neue Härte steht ihm ungefähr so gut wie einem Basketballer ein Trikot in Größe S.

Abgehört im Radio

Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Zwar sind beispielsweise mit "Boom" (feat. Ugly God) oder "Baby Daddy" (feat. Offset & Lil Pump) einige grimmig und leichenblass produzierte Wälzer an Bord, doch in 17 Songs und 45 Minuten offenbart Lil Yachty hauptsächlich lyrische Schwächen, die sein geölter Singsang auf früheren Releases nicht ins Gewicht fallen ließ. Anders gesagt: Auch die dickste Hose zwickt. "I was buying diamonds, you was waiting for tax refunds", rappt er etwa auf "Flex". Oder im eigentlich guten "Count Me In": "I'm rich as hell, yo bitch love on me (gang)." Hat man alles schon besser gehört, sogar von ihm selbst. Für ein paar Streams mag das reichen. Für einen neuen Anlauf auf den Thron aber ganz sicher nicht. (5.5) Dennis Pohl

Kreisky - "Blitz"
(Wohnzimmer Records, ab 16. März)

Ein Land in der Therapiesitzung: Über einem Rhythmus, der Wandas markigen Austropop-Hit "Bologna" gleichermaßen zitiert wie ausbremst, barmt Kreisky-Sänger Franz Adrian Wenzl wohltuend anti-machistisch um Mitgliedschaft in dem Club der Verlierer: "Sehr geehrte Damen und Herren vom Verband der anonymen Loser, ihr Veteranen der vertanen Chance, hiermit ersuche ich um Aufnahme meiner unglücklichen Person. Ich gehöre zu Euch!". Vier Jahre nach dem klaustrophobischen "Blick auf die Alpen", wenige Monate nach einer ernüchternden Nationalratswahl, die Rechtspopulisten stark machte, meldet sich Österreichs schlechtgelaunteste Rockband mit einem neuen Album zurück.

Im vergangenen Oktober hatten Kreisky sich schon an einer bitter-sarkastischen Bestandaufnahme des Wutbürger-Rechtsrucks versucht, als sie zusammen mit SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sibylle Berg deren Stück "Viel gut essen" für das Wiener Rabenhof Theater adaptiert und vertont hatten. Auf "Blitz", dem bisher eingängigsten und musikalisch dringlichsten Album der 2005 gegründeten Band, wird nun rhetorisch wieder subtiler gefochten, aber der Frust über die allgemeine gesellschaftliche Vertrottelung sitzt tiefer denn je. "Und ich komme hier nicht raus. Und ich löse mich auf", seufzt Wenzl in einem der wenigen ruhigen, träge vor sich hin taumelnden Stücke.

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Ansonsten herrscht Selbsthass und Verachtung im pulsierenden Post-Punk-Sound der frühen Achtziger: Europa, Aufklärung, Umweltbewusstsein, Protest gegen den Mief des Alten. "Der Lärm und die Mädchen und Lederhosenverweigerer" ebenso wie die "Gewissheit, dass man Geld nicht essen kann", das "ist alles weg", zürnt es in "Ein Depp des 20. Jahrhunderts". Noch weiter in die Geschichte zurück giftet das auf Dylans "One More Cup of Coffee" aufsattelnde "Saalbach-Hinterglemm": Im Bilderbuchidyll des Skigebiets rechnet Wenzl deklamierend wohl einerseits mit den Traumata seiner Kindheitsurlaube ab - und nebenbei auch gleich mit dem ganzen Land und seiner aus der Vormoderne emporsickernden Sehnsucht nach Führerpersönlichkeiten: "Ich danke dem Herrn Vater… für die lebenslängliche Landschaft".

"Mon General" zetert über die Diktatur von Zeitgeisttrends, "Autokauf ist Männersache", "Bauch Bein Po" und "Oh nein, die verlieben sich" sezieren schmählakonisch wie ein Kottan-Krimi den alltäglichen Nervenkrieg der Geschlechter: Miteinander, im Großen wie im Kleinen, geht gerade nichts im Zeitalter der Filterblasen voll militanter Egozentriker und Rechthaber. Und Kreisky liefern zu diesem allgemeinen Gewürge eine Handvoll Hits.

Trotzdem sitzen halt alle doch zusammen im sinkenden Schiff, besorgte Bürger wie genervte Linke. "Ich galoppiere liebend gerne im Kreis/ Es gibt echt größeren Scheiß", singt Wenzl so selbstkritisch wie anklagend zu quengelnden Gitarren in "Ein braves Pferd" - und lobt die Arglosigkeit des Nutz- und Haustiers, denn "Lügen und Betrügen, das machen nur die Menschen." Wenn man die Scheuklappen abnimmt, trifft einen die Erkenntnis manchmal wie ein Blitz. (8.2) Andreas Borcholte

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

insgesamt 1 Beitrag
Drunken Masta 13.03.2018
1. Zu viel Marihuana
bei Yo La Tengo? Endet das nicht in Paranoia und Psychosen? Der obigen Beschreibung nach klingt es doch eher als habe man die richtige Menge und keineswegs zu viel.
bei Yo La Tengo? Endet das nicht in Paranoia und Psychosen? Der obigen Beschreibung nach klingt es doch eher als habe man die richtige Menge und keineswegs zu viel.
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