Schrift:
Ansicht Home:
Kultur

Serienmeisterwerk "1993"

Sex, Drugs & Berlusconi

Galgenstricke im Parlament, Marketingexperten als Königsmacher: "1993" erzählt von den Umbrüchen in Italiens Politik, die Berlusconi die Macht brachten. Sehen Sie hier exklusiv vor dem Start der Serie die erste Folge.

Von
Dienstag, 10.04.2018   07:43 Uhr

Der Kerl mit den öligen Haaren und den noch viel öligeren Slogans soll eine ernsthafte Konkurrenz für sie darstellen? Die beiden Spitzenpolitiker der Kommunisten lachen sich kringelig über den Marketingspezialisten, der ihnen in einer Szene der Serie "1993" zu erklären versucht, weshalb der Medienunternehmer Silvio Berlusconi maßgeblich die italienische Politik der nächsten Jahrzehnte prägen wird: Was der Geck von sich gebe, so die Kommunisten, sei doch selbst für einen Populisten zu platt.

Wie wir heute wissen: Es war nicht zu platt. Kein zweiter italienischer Politiker war über die folgenden zwei Jahrzehnte mächtiger, kein zweiter medial präsenter als Berlusconi. Sein Siegeszug setzte ein, als 1993 in Folge der Korruptionsskandale um den Politiker Bettino Craxi das italienische Parteiensystem kollabierte und im Land die Ära der sogenannten Zweiten Republik anbrach.

Berlusconi inszenierte sich damals über die verschiedenen Sender seines Medienimperiums als Strahlemann einer neuen Partei namens Forza Italia. Als Ritter, der das politisch und ökonomisch bankrotte Land rettet.

Die Serie "1993" erzählt in süffigen Panoramabildern und klugen Personenkonstellationen von dieser Umbruchsphase, als die Wähler die etablierten Politiker zu verachten begannen und neue Bewegungen auf das partito im Namen verzichteten, um nicht mit dem alten Parteiensystem assoziiert zu werden. Berlusconi wusste den Bildern der grauen Parteieliten die eines bunten Aufbruchs entgegenzusetzen.

Marketingstrategien statt Parteiprogramme

Es war die Zeit, als Politik Fernsehen und Fernsehen Politik wurde, als Meinungsumfragen wichtiger wurden als Parteiprogramme und Marketingstrategien wichtiger als Sachfragen. Italien, so wie wir es in "1993" kennenlernen, ist eine Mediendemokratie mit der düsteren Seele eines Königsdramas und dem Antlitz eines Waschmittelspots.

Kein Zufall, dass im Zentrum ein Werbefachmann steht: Leonardo Notte war zu Studentenzeiten Kommunist, nun, Anfang der Neunziger, dient er demjenigen, der im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Marktanteile die besten Chancen hat. Der Schauspieler Stefano Accorsi, der auch die Idee zu der Serie hatte, spielt den Glücksritter mit melancholischem Lächeln. Links und rechts, alte Eliten und neue Moral, Fernsehsternchen und Politbonzen, alles gerät hier durcheinander, und der Marketingfachmann führt uns mit dem Blick des Wissenden durch dieses Werte-, Macht- und Zeichenchaos, in dem eben derjenige die besten Chancen auf den Sieg hat, der ihm die stärksten Bilder abringt.

Fotostrecke

"1993": Zwischen Fernsehballett und Forza Italia

"1993" ist die Fortsetzung der Serie "1992", die schon 2015 als Koproduktion von Sky Italia und der deutschen Firma Beta Film ("Babylon Berlin") entstanden ist. In der ersten Staffel ging es um die ersten Erosionen im italienischen Politbetrieb, als mit der rechtspopulistischen Partei Lega Nord eine neue politische Macht entstand.

Vollrausch im Parlament

"1993" - die erste Folge zeigt SPIEGEL ONLINE exklusiv, die gesamte Staffel läuft ab Donnerstag beim Sony Channel - erzählt nun davon, wie diese Erschütterungen ganz unterschiedliche Figuren an wichtige Verteilerpositionen bringt: den drogensüchtigen Ex-Soldat Pietro Bosco (Guido Caprino) etwa, der über ein Ticket bei der Lega Nord ins Zentrum des römischen Politbetriebs gespült wird und in einer der furiosesten Szenen im Vollrausch im Parlament die korrupte Elite an den Galgen wünscht.

Oder die Fernsehballerina Veronica Castello (gespielt von Ex-Miss-Italia Miriam Leone), die durch Affären mit Medien- und Politmanagern zweitklassige Fernsehjobs ergattert, um schließlich bei der Forza Italia einzusteigen. Inspiriert wurde die Figur von Veronica Lario, der Ex-Ehefrau von Berlusconi.

imago/ Granata Images

Silvio Berlusconi Anfang der Neunziger mit seiner damaligen Frau Veronica Lario

Die Kunst der Serie liegt darin, die zugespitzten Charaktere derart mit Leben zu füllen, dass wir ihnen in die extremsten Ecken des Parteienspektrums und düstersten Winkel der Machtgier folgen. "1993" suhlt sich in der Dicke-Hose-Ästhetik der Neunzigerjahre, lässt die Figuren aber unter ihren breiten bunten Krawatten und martialischen roten Haarfestigermähnen niemals überzeichnet wirken. Was vielleicht auch an der Musik liegt: Zu ausgewählten (und ausgespielten!) Songs der frühen Neunziger von The The, Mazzy Star oder Smashing Pumpkins entfalten sich hier waghalsige Aufsteigerbiographien, wie es sie nur in den frühen Tagen der Zweiten Republik in Italien geben konnte.

Gleichzeitig werden vor historischer Kulisse hochaktuelle Themen verhandelt: etwa die Zersplitterung des Parteienspektrums, die Ohnmacht der politischen Mitte sowie die Bedrohung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Kurz: alle Fährnisse, die zur Zeit den Demokratien Europas zu schaffen machen.

Nach "Gomorrha", ebenfalls von Sky Italia und Beta-Film produziert, ist "1993" ein weiteres realitätsgesättigtes Serienmeisterwerk aus Italien. Eine Fortsetzung ist bereits in Planung. In "1994" wird es dann darum gehen, wie Silvio Berlusconi seine Macht parlamentarisch festzurrte. Dass der Cavaliere nach der letzten Wahl im März eben dies ein weiteres Mal getan hat, wird die dritte Staffel nur noch brisanter machen - und schwieriger in der Herstellung: Aus der historischen Figur Berlusconi ist wieder ein aktueller Politiker geworden. Damit hatten die Verantwortlichen bei der Entwicklung ihrer Serie nun wirklich nicht gerechnet.


"1993 - Jede Revolution hat ihren Preis", ab Donnerstab beim Sony Chanel (abrufbar über Vodafone, Unitymedia, EntertainTV und Amazon Channels)

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP