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Kultur
Schöner fernsehen

ZDFneo-Comedy "Im Knast"

Schwarz ist das neue Orange

ZDF/ Stefan Erhard
Von
Donnerstag, 21.05.2015   10:04 Uhr

Resozialisierung? Alles eine Frage der Rhetorik. In der ZDFneo-Serie "Im Knast" werden drei Knackis zu besseren Menschen gemacht - mit kriminell guten Dialogen. Eine Sitcom von Format.

Und das liegt auch an Denis Moschitto, dem tollen Türkenstenz-Darsteller, der in den letzten Jahren leider ein wenig ins Abseits geraten ist. Anfang des Jahrtausends war er in Comedys wie "Kebab Connection" zu sehen, mit "Chiko" lieferte er großes Gangsterkino aus Hamburg-Barmbek.

In der sechsteiligen Gefängnisserie gibt er nun den Kleinganoven Erdem Azimut, einen Schnackdaddy, debile Wortdreher inklusive. Großartig die Szene, in der er sich im zu großen Achtzigerjahre-Sakko vor Gericht selbst verteidigt: "Eure Würdigung, liebe Geschwürigen."

Der Wortwitz (Drehbuch: Tanja Sawitzki, Jochen Winter, René Förder) ist enorm, etwa wenn frei nach Chuck Norris Aphorismen wie dieser aufgesagt werden: "Wenn der Russe Honig will, dann kaut er Bienen." Die Inszenierung liefert Irrsinn in schneller, geschmeidiger Taktung; die 25 Minuten jeder Folge sind gut gefüllt mit Zitaten und Subplots. Bei einigen führte Torsten Wacker Regie, der mit Moschitto auch schon die flotte Paarungsklamotte "Süperseks" gedreht hat. "Im Knast" kommt nun als hochtourige Buddy-Komödie daher.

Koks, Holzkleber und K.-o.-Tropfen

Und wie das in diesem Genre eben so ist, könnten die Kumpels nicht unterschiedlicher sein: Die Zelle teilt sich Azimut mit dem ehemaligen Sparkassenangestellten Manni Schuster, einem pausbackigen Choleriker, der seinen Chef angegriffen hat, nachdem der sich auf dem Kopierer mit seiner Frau verlustiert hat, sowie mit dem Immobilien-Trickbetrüger "Graf" Alexander Vontrab, einem notorischen Betäubungsmittelgesetzesbrecher, der zwischen Koks und Holzkleber jeder Substanz ihren ganz eigenen Reiz abzugewinnen weiß. Zum Einschlafen schluckt er K.-o.-Tropfen.

Der Sparkassenspießer Schuster wird von Tristan Seith gespielt, bekannt aus den Kiez-Filmen von Lars Becker, der konstant gedopte Vontrab von Manuel Rubey ("Altes Geld"), der stets ein Hingucker ist, weil er auch in kleinsten Auftritten österreichische Dekadenz hinter der geputzten Bubivisage aufblitzen lässt.

Ergänzt wird das Ensemble von Gaststars, etwa Martin Semmelrogge, der hier im Vergleich zu den anderen Darstellern kaum Text hat, aber seinen ausgedörrten Reptilienkopf imposant an die Gitterstäbe presst. In der ersten Folge hat der ebenfalls etwas ins Abseits geratene Max Giermann von "Switch Reloaded" einen großen Auftritt als Psychologe mit parapsychologischem Einschlag: "Die Konflikte der Gegenwart löst man mit der Sprache der Zukunft. Jungs, könnt ihr Klingonisch?" In späteren Folgen treten Anke Engelke und Katy Karrenbauer aus dem RTL-Frauenknast "Hinter Gittern" auf.

Der ZDF-Muttersender produziert ja gerade eine Serie, die man reichlich vollmundig als "deutsches 'Breaking Bad'" ankündigt. ZDFneo ist da ein bisschen schlauer und verzichtet darauf, "Im Knast" als "deutsches 'Orange is the New Black'" zu bewerben. Das wäre auch unpassend, die Serie ist nicht als Gesellschaftspanorama angelegt, der Spaß ist reiner Selbstzweck - aber eben so virtuos in Szene gesetzt, dass er sich nicht vor modernen US-Sitcoms verstecken muss.

Nach der Polit-Comedy "Eichwald, MdB", auf deren Sendeplatz "Im Knast" donnerstags ausgestrahlt wird, setzt ZDFneo jetzt also erneut Standards in Sachen böse Comedy. ZDFneo ist das neue Schwarz der ollen orangenen Sendergruppe.


"Im Knast", donnerstags, 22.45 Uhr, ZDFneo (ab 12.00 Uhr sind die Folgen schon in der Mediathek abrufbar)

insgesamt 5 Beiträge
Hochbeet 21.05.2015
1. Wär schön,
wenn diesmal alles richtig gemacht worden wäre bei dieser Sitcom. Das Genre wurde bis auf wenige Ausnahmen meist noch nicht einmal von den deutschen Produzenten verstanden. Der Knast an sich ist ja als Setting nichts Neues, da [...]
wenn diesmal alles richtig gemacht worden wäre bei dieser Sitcom. Das Genre wurde bis auf wenige Ausnahmen meist noch nicht einmal von den deutschen Produzenten verstanden. Der Knast an sich ist ja als Setting nichts Neues, da geht man also auf Nummer sicher. Mal sehen, wann Hallervorden vorbei schaut: "Palimm palimm, ich hätt' gern eine Flasche Pommfritt..!"
awoth 21.05.2015
2.
Mit dem Titel hat der Autor ins Schwarze getroffen und offengelegt, woran das deutsche Fernsehen krankt (vom ewigen Stereotypenklopfen und Belehren mal abgesehen): Man kopiert einen Erfolg aus den USA und versucht ihn dann mit [...]
Mit dem Titel hat der Autor ins Schwarze getroffen und offengelegt, woran das deutsche Fernsehen krankt (vom ewigen Stereotypenklopfen und Belehren mal abgesehen): Man kopiert einen Erfolg aus den USA und versucht ihn dann mit deutschem Humor (und Stereotypenklopfen und Belehren) aufzupeppen. Dafür gibt es unzählige Beispiele wie Dr House, Richterin Salesch, die Harald Schmidt Show …...
saltimbocca 21.05.2015
3.
Nein, mit der Wirklichkeit hat das sicher nicht viel zu tun, aber der Anspruch wird ja auch gar nicht erhoben. In der Bewertung teile ich die Auffassung von Herrn Buß. Schön, dass das Ambiente eines alten Knasts so gut [...]
Nein, mit der Wirklichkeit hat das sicher nicht viel zu tun, aber der Anspruch wird ja auch gar nicht erhoben. In der Bewertung teile ich die Auffassung von Herrn Buß. Schön, dass das Ambiente eines alten Knasts so gut eingefangen wurde. Nicht schön, dass mein Amtsbruder sich als "Königstiger" versteht. ;-)
AliceAyres 21.05.2015
4.
Eine Sitcom, die mit Lonely Boy von den Black Keys beginnt (wobei da das Original-Video nicht zu schlagen ist) und es dann schafft, die Handlung mit Dean Martins Geknödel und einer Punk-Version von „Mandy“ zu garnieren, hat in [...]
Eine Sitcom, die mit Lonely Boy von den Black Keys beginnt (wobei da das Original-Video nicht zu schlagen ist) und es dann schafft, die Handlung mit Dean Martins Geknödel und einer Punk-Version von „Mandy“ zu garnieren, hat in meinen Augen schon gewonnen. Ich habe mir die erste Folge angesehen und fand sie überraschend gelungen.
yumyum 22.05.2015
5.
Ich fand sie eher weniger überraschend. Vielmehr hätte es nicht verwundert, wenn irgendwo Theo Lingen aufgetaucht wäre. Denn dort irgendwo war die Folge zu verorten: Im miefigen 60er Jahre Humor der Lümmel von der ersten Bank. [...]
Ich fand sie eher weniger überraschend. Vielmehr hätte es nicht verwundert, wenn irgendwo Theo Lingen aufgetaucht wäre. Denn dort irgendwo war die Folge zu verorten: Im miefigen 60er Jahre Humor der Lümmel von der ersten Bank. Inclusive Recycle-Witze. Pluspunkt gabs für den Ersatzpsychater. Im Großen und Ganzen aber eben typisch deutscher Krampf bzw. Kampf ums "lustig sein". Ich frag mich was mit "Blockbustaz" wurde. Hat ja schließlich damals bei Neo gewonnen und wäre die bessere Wahl für diesen Sendeplatz gewesen.

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