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Kultur

Psychopathen-"Tatort" aus Frankfurt

Hier liegt nun die Katze tot auf der Fußmatte

Der neue Frankfurter "Tatort" ist die lustvoll verspielte Variante eines Serienkiller-Thrillers geworden. Mit einem Psycho, der seinen Wahnsinn wie ein Theaterstück aufführt. Und einer Kommissarin, die ihm fasziniert dabei zuschaut.

ARD/ Bettina Müller
Von
Freitag, 08.04.2016   14:55 Uhr

Katzenbesitzer kennen das: Ihr Haustier legt ihnen eine tote Maus auf die Fußmatte. Eine Art Liebeserklärung. Hier liegt nun die Katze tot auf der Fußmatte. Auch das ist eine Liebeserklärung.

Und zwar von dem Psychopathen Alexander Nolte (Nicholas Ofczarek), der dem Tier von Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) die Lebenslichter ausgeblasen hat, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nicht der einzige Todesfall, zu dem es im Laufe von Noltes blutiger Balz um die Ermittlerin kommt.

"Ich komm wieder / In zehn Tagen / Als Dein Schatten / Und werd dich jagen": Gleich am Anfang sehen wir Nolte vor einer Wand mit Janneke-Reliquien zu Rammsteins Schauerpopsong "Asche zu Asche" wild den schweren Körper hin und herschmeißen. Später, bei einem ersten Wiedersehen mit der Kommissarin, hört er gerade in sich versunken Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen. Ja, genau: so wie Hannibal Lecter in "Das Schweigen der Lämmer", als er Profilerin Clarice Starling im Gefängnis empfängt, um mit ihr eine lange, schmerzvolle Beziehung aufzubauen.

Die schmerzvolle Beziehung zwischen Mörder und Polizistin im "Tatort" dauert hingegen bereits einige Zeit an. Vor 19 Jahren brachte Janneke, damals noch Polizeipsychologin, Nolte mit einem Gutachten lebenslang hinter Gittern. Jetzt wurde er aufgrund günstiger Sozialprognosen entlassen. Während Janneke die zunehmende Leichendichte um sie herum korrekterweise Nolte zuschreibt, glaubt der Rest der Welt, der Psycho sei inzwischen geheilt.

Parodie und Poesie, Überzeichnung und feinnerviges Spiel

Doch kann sich einer wie Nolte ändern? In der Schule hat er seine Klassenkameraden versklavt und Kaninchen angezündet, später ertränkte er seine Ehefrau in der Badewanne. Janneke hält Nolte für sadistisch, narzisstisch und hoch manipulativ. Nolte hält Janneke für seine große Liebe. Oder, wie er selbst seine ewige Verbundenheit auf den Punkt bringt: "Verhafte mich doch, ich bin die Stelle, an der du dich nicht kratzen kannst. So lange, bis du tot bist."

Parodie und Poesie, Überzeichnung und feinnerviges Spiel, das passt in dieser Killer-buhlt-um-Kommissarin-Version gut zusammen. Regisseurin Hermine Huntgeburth und Drehbuchautor Volker Einrauch haben schon häufiger bewiesen, dass sich auch für schwere Themen ein leichter Ton finden lässt, etwa in dem grimmig-heiteren Adenauer-Panorama "Teufelsbraten".

Für den Frankfurter "Tatort" nun, für den der notorisch musikbegeisterte Hessische Rundfunk neben Rammstein-Tantiemen auch einen exquisiten, extra komponierten und eingespielten melodramatischen Orchester-Score (von Christine Aufderhaar) spendiert hat, heben die Filmemacher die leicht abgenutzten Schocktechniken des Psychopathenthrillers ironisch auf eine Metaebene - um dem Genre ganz unironisch neue bewegende und bestürzende Handlungswendungen abzuringen. Unsere Lust am Sehen böser Dinge, erst wird sie belächelt, dann bedient.

Dass dieser Balanceakt gelingt, liegt natürlich auch an den Darstellern, die immer wieder die Erwartungen der Zuschauer unterwandern. Ofczarek, einer der Stars der Wiener Burg, verleiht Nolte eine doppelbödige Präsenz: Er präsentiert den sehnsuchtsvollen Psychopathen als jemanden, der selbst genau weiß, dass er gerade eine Rolle spielt; der seine eigene Krankheit zur großen Bühne macht. Doch dann walzt und walzert der Wiener Ofczarek mit seinen an die 100 Kilo brutaler Sinnlichkeit alle Klischees aus dem Weg.

Broich gibt derweil die drangsalierte Drama-Cop-Queen, bricht aber immer wieder aus diesem Stereotyp aus. Beste Szene: Kollege Paul Brix (Wolfram Koch) erzählt ihr, dass ihr vorgeworfen wird, während der Untersuchungen vor 20 Jahren mit dem Killer geschlafen zu haben. Und gerade als Brix sich darüber echauffieren will, was das für eine infame Behauptung sei, gesteht Janneke, dass sie sich tatsächlich auf ein Schäferstündchen mit dem koketten Killer eingelassen hat. Nur als Experiment, versteht sich. Aus Verpflichtung für die Aufklärung, zum Wohle der Wissenschaft und so weiter. Vielleicht aber auch ein bisschen, weil es aufregend war.

Das ist das Wunderbare an dieser Hannibal-Lecter-Variation: Hier ist die Ermittlerin alles Mögliche, nur kein schweigendes Lämmchen.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

"Tatort: Die Geschichte vom bösen Friedrich", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 35 Beiträge
Herta2.0 08.04.2016
1. Tatort?
Ach das sieht noch jemand? freiwillig? ich dachte da eher an Einschaltquoten wie Wetten Dass? ja ich weiss das wurde abgesetzt, ich frage mich warum man nicht gleich ein Testbild sendet bei den Öffentlich Lächerlichen, das Geld [...]
Ach das sieht noch jemand? freiwillig? ich dachte da eher an Einschaltquoten wie Wetten Dass? ja ich weiss das wurde abgesetzt, ich frage mich warum man nicht gleich ein Testbild sendet bei den Öffentlich Lächerlichen, das Geld hat man ja schon.
klima66 08.04.2016
2. Psycho-Täter, der Kontakt mit dem Polizisten aufnimmt.
Das hört sich ja richtig neu und prickelnd an. Nein, dass ist das Strickmuster von inzwischen 50% der Tatort Produktionen. Nein danke und 8 (von 10) Punkten von Hr. Buß sind ein weiterer Grund nicht einzuschalten.
Das hört sich ja richtig neu und prickelnd an. Nein, dass ist das Strickmuster von inzwischen 50% der Tatort Produktionen. Nein danke und 8 (von 10) Punkten von Hr. Buß sind ein weiterer Grund nicht einzuschalten.
emobil 08.04.2016
3. ach je
und schon wieder mal ein Superschlauer, der alles bereits *vorher *kennt und weiß, dass das nix taugt. Unqualifiziert und deshalb disqualifiziert!
Zitat von Herta2.0Ach das sieht noch jemand? freiwillig? ich dachte da eher an Einschaltquoten wie Wetten Dass? ja ich weiss das wurde abgesetzt, ich frage mich warum man nicht gleich ein Testbild sendet bei den Öffentlich Lächerlichen, das Geld hat man ja schon.
und schon wieder mal ein Superschlauer, der alles bereits *vorher *kennt und weiß, dass das nix taugt. Unqualifiziert und deshalb disqualifiziert!
ruzoe 08.04.2016
4. Der Ofczarek
kann spielen was er will, der macht auch noch aus dem "Förster vom Silberwald" eine depperte Granatennummer...
kann spielen was er will, der macht auch noch aus dem "Förster vom Silberwald" eine depperte Granatennummer...
Jor_El 08.04.2016
5. Schon wieder Tatort
Hat Spiegel/Kultur/TV denn kein anderes Thema als "Tatort" ?
Hat Spiegel/Kultur/TV denn kein anderes Thema als "Tatort" ?

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