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Kultur

Debüt von David Wnendt

"Mein 'Tatort' wird polarisieren"

Bislang strotzten seine Filme von Blut, Sperma oder Nazis. Jetzt wechselt David Wnendt ("Er ist wieder da"), zum traditionellen Krimi - mit einer Darknet-Geschichte will er die Grenzen des "Tatorts" ausdehnen.

NDR/ Christine Schroeder

Filmszene zum Darknet-"Tatort"

Ein Interview von
Mittwoch, 31.08.2016   15:01 Uhr

Neonazis, Gemüse als Sexspielzeug, Adolf Hitler: Regisseur David Wnendt ist für einige der spannendsten deutschen Filme der vergangenen Jahre verantwortlich. Sein mehrfach ausgezeichnetes Spielfilmdebüt "Kriegerin" erzählt ungeschönt aus dem Leben einer rechtsradikalen, ostdeutschen "Kameradschaftsaktivistin". 2013 verfilmte Wnendt dann Charlotte Roches Sperma-Hämorrhoiden-blutige-Tampons-Skandalroman "Feuchtgebiete", bevor er sich an Timur Vermes' Hitler-Parodie "Er ist wieder da" machte.

Für sein TV-Debüt hat Wnendt sich nun ein traditionsreiches Format ausgewählt: Für den NDR schrieb und drehte er eine Folge des Kieler "Tatorts". In "Borowski und das dunkle Netz" jagt Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) zusammen mit seiner computerversierten Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli) einen Mörder, der aus dem Darknet zu kommen scheint. Nach einem Mordfall in der Cybercrime-Einheit des Landeskriminalamts führt die Spur in diese anonyme Ecke des Netzes, die gerade auch im Stuttgarter "Tatort" über künstliche Intelligenz ausgeleuchtet wurde.

Gedreht wurde der "Tatort", der 2017 ausgestrahlt werden soll, auch in Schwarzenbek nahe Hamburg, in einem offenbar leer stehenden Vereinsheim in einer Wohnsiedlung. Hier rückt Wnendt spätabends nach einem langen Drehtag zwei Bierbänke fürs Interview zurecht, im Licht von Leuchtstoffröhren.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Wnendt, in vielen anderen "Tatort"-Folgen kommt die Gefahr aus dem Internet. Wird die Erzählung vom Bösewicht aus dem Netz nicht irgendwann langweilig?

Wnendt: Ja, das wäre zu bieder. Der Fall liegt aber ganz anders, zeigt sich im Laufe der Ermittlungen. Ich bin nicht angetreten, um einen Tatort zu machen, wie es ihn immer gibt. Ich wollte keinen Problemfilm drehen, der irgendwie pflichtschuldig ein aktuelles gesellschaftliches Thema abhandelt.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Wnendt: Ich mag Krimis und wollte wieder zurück zum ursprünglichen Genre. Ich will mehr Action wagen, es gibt auch mal eine klassische Verfolgungsjagd.

SPIEGEL ONLINE: Und dafür suchen Sie sich ausgerechnet ein Traditionsformat wie den "Tatort" aus?

Wnendt: Ich mag viele "Tatorte" nicht sonderlich. Das Genre an sich gefällt mir aber. Der Reiz war, herauszufinden, wie weit man die Grenzen des "Tatorts" ausdehnen und alte Regeln aufbrechen kann. Und tatsächlich sind die Regeln nicht mehr so streng wie früher, als zum Beispiel Rückblenden ausgeschlossen waren. Sonst wäre dieses Experiment gar nicht möglich gewesen. Und es gibt immer wieder einzelne "Tatorte", die herausstechen und auch mir gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Was interessiert Sie als Regisseur und Drehbuchautor am Darknet?

Wnendt: Das Darknet bietet immer noch relativ viel Anonymität und das Versprechen einer gewissen Freiheit. Das ist ein spannender Rahmen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt doch irgendwie nach bösem Internet.

Wnendt: Das Darknet klingt mysteriös, ist aber an sich weder gut noch böse. Der "Tatort" bietet für mich die Plattform, diesen Ort einem breiteren Publikum vorzustellen. Am Ende sollen die Zuschauer gut unterhalten sein, aber auch mehr übers Darknet verstanden haben. Es geht mir nicht darum, das Darknet zu dämonisieren, ich will es differenziert zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das erreichen?

Wnendt: Durch vielschichtige Figuren und Handlungen. Und dadurch, dass ich statt Klischees versuche, ein realistisches Bild zu zeichnen. Der Zuschauer soll wirklich verstehen was Bitcoins oder das Darknet sind. Auch indem wir im Tatort einfach in Zeichentricksequenzen oder Erklärvideos springen.

SPIEGEL ONLINE: Den "Tatort" schauen viele technikaffine Junge - und auch ältere Zuschauer. Wie erklärt man das Darknet für so eine breite Zielgruppe?

Wnendt: Die Resonanz ist bei meinen bisherigen Filmen ja eher bei den Jüngeren positiv. Das könnte hier auch so sein. Ich hoffe aber, Leute, die vorher noch nichts von Darknet und Bitcoin gehört haben, zu erreichen. Und etwas verständlich erklären kann unterhaltsam sein, wenn man sich mit Lust am Erzählen reinstürzt - und mit einem gewissen Augenzwinkern.

NDR / Christine Schroeder

Filmszene zum Darknet-"Tatort"

SPIEGEL ONLINE: In den USA werden Serien wie "Mr. Robot" für ihre realistische Darstellung von Hackern gefeiert. In anderen Filmen fliegen grüne Nullen und Einsen durchs Bild. Wie wirklichkeitsgetreu wird Ihr "Tatort"?

Wnendt: Wir hatten mehrere Treffen bei der Cybercrime-Abteilung vom LKA Kiel. Auch der Chaos Computer Club Kiel hat uns Anregungen fürs Drehbuch gegeben. Wir wollten wissen: Welche Ermittlungsschritte wären realistisch, was ist technisch alles möglich? Aber auch bei technisch gut gemachten Serien wie "Mr. Robot" gilt: Erst wenn man auch das Zwischenmenschliche zeigt - die Gier, den Neid, die Angst -, wird es richtig spannend.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie selbst schon im Darknet?

Wnendt: Ja. Bei den ersten Besuchen gab es noch die Silk Road, diesen Handelsplatz haben Ermittler ja aber mittlerweile geschlossen. Im Darknet gekauft habe ich aber nie etwas.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die animierten Einblendungen brechen mit vielen "Tatort"-Konventionen. Wird ihre "Tatort"-Folge das Publikum irritieren?

Wnendt: Sie wird wohl polarisieren. Ich will nicht alle zufriedenstellen. Ob ihn jetzt acht oder neun oder zehn Millionen Leute ansehen, ist für mich nicht entscheidend. Wenn man ehrlich ist, hängt das ja oft auch vom Wochenende ab. Und sieben Tage später kommt ja dann schon der nächste "Tatort".

Was ist das Darknet?

Was ist mit Darknet gemeint?
Wer im Internet surft, öffnet seinen Browser und kann dann Webseiten wie www.spiegel.de besuchen - oder er googelt Inhalte. Das Darknet, das "dunkle Netz", kann man sich demgegenüber als virtuellen Hinterraum vorstellen, der schwerer zu erreichen und anders gebaut ist als das offene Internet.

Dort gibt es keine zentralen Server. Stattdessen verbinden sich viele einzelne Computer zu Netzwerken. So entstehen exklusive Kreise, die Nutzer nicht einfach per Google-Suche finden. Es gibt also nicht nur ein Darknet, sondern viele solcher Netzwerke. Sie arbeiten unterschiedlich, aber das Ziel ist immer: Die Nutzer sollen anonym bleiben können. Die Daten in den Darknets werden in der Regel verschlüsselt übertragen, deshalb ist das Darknet schwer zu überwachen.

Doch auch dort gibt es Dinge, die Nutzer des World Wide Web (WWW) kennen dürften: Chaträume, soziale Netzwerke und Online-Shops voll illegaler Angebote, die zum schlechten Ruf beitragen.

Wie komme ich ins Darknet?
Wer in ein Darknet gelangen möchte, kann das nicht mit einem herkömmlichen Browser. Der dunkle Teil des Netzes ist nur über spezielle Software zu erreichen. Je nach Darknet ist der Zugang unterschiedlich kompliziert.

Das wohl bekannteste Darknet ist über den sogenannten Tor-Browser erreichbar. Viele nutzen ihn, um auch beim Surfen im WWW anonym zu bleiben. Tor nutzt dafür eine Technik namens "Onion Routing".

Anfragen werden dabei auf wechselnden Routen über verschiedene Server umgeleitet, die jeweils nicht das eigentliche Ziel kennen. Nach dem Passieren verschiedener Stationen gelangt die Kommunikation über einen Exit-Knoten wieder ins Netz. Sender und Empfänger sollen so anonym bleiben. In der Vergangenheit sind dennoch immer wieder Tor-Nutzer enttarnt worden.

Vom WWW abgesehen, kann man mit den Tor-Browser Seiten aufrufen, auf die man mit normalen Browsern keinen Zugriff hat. Im Darknet existieren nämlich sogenannte Hidden Services. Das sind in der Regel anonym betriebene Webseiten und Server, die nicht über die IP-Adresse oder eine klassische Adresse wie google.de oder spiegel.de angesteuert werden. Hidden-Service-Adressen enden auf .onion und bestehen aus langen Zahlen- und Buchstabenkombinationen. Derzeit gibt es über 50.000 .onion-Adressen. Um sich zurechtzufinden, gibt es für Interessenten an den Seiten unter anderem eine Art Wikipedia zur Übersicht.

Wer benutzt das Darknet?
Das per Tor erreichbare Darknet hat einen ziemlich schlechten Ruf als Ort für Kriminelle. Dabei ist der vermeintlich dunkle Teil des Netzes nicht illegal - zumindest solange nicht, bis man dort etwas Illegales tut.

Auf großen Darknet-Markplätzen werden allerdings viele illegale Geschäfte abgewickelt. Die 2013 geschlossene Silk Road war so ein Ort. Waffen- und Drogenhändler und auch Pädophile nutzen die technischen Möglichkeiten durchaus für ihre Zwecke.

In den Online-Shops können Kunden und Händler nur schwer belangt werden, bezahlt wird auf Darknet-Marktplätzen oft mit der Krypto-Währung Bitcoin. Um Bitcoin zu bekommen, gibt es gesonderte Onlinebörsen, wo man sein Geld in die Krypto-Währung umtauschen kann.

Doch die Anonymität, die ein Darknet bietet, ist auch ein Segen für Menschen in autoritär regierten Ländern, die sich vor Überwachung durch das Regime schützen wollen. Chinesische Dissidenten benutzen Darknet-Netzwerke genauso wie Journalisten oder Whistleblower. Auch viele ganz normale Webseiten haben Tor-Adressen, Facebook zum Beispiel ist unter https://facebookcorewwwi.onion/ zu erreichen.

Ist das Darknet das Gleiche wie das Deep Web?
Die Begriffe Darknet und Deep Web werden häufig synonym verwendet. Streng genommen gibt es zwischen Dark- und Deep Web aber einen Unterschied: den Zugangsweg. Deep-Web-Seiten lassen sich über einen normalen Browser aufrufen, Darknet-Seiten nicht.

Wenn man sich einen Eisberg vorstellt, ist das WWW die sichtbare Spitze über Wasser. Unter Wasser gibt es aber noch einen großen anderen Bereich: das Deep Web. Man findet es, wenn man weiß, wie man hinkommt.

Auch das Deep Web wird nicht nur für illegale Sachen genutzt: Große Teile des Deep Webs sind sogar unspektakulär und bestehen zum Beispiel aus riesigen Informationsdatenbanken, passwortgeschützten Seiten und solchen, die nicht für Suchmaschinen gelistet sind und die bei einer Suche folglich nicht angezeigt werden.

Kann man eine Seite also mit einem normalen Browser und ohne Zusatzsoftware öffnen, liegt sie vielleicht im Deep Web, aber nicht im Darknet.

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