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Kultur

Köln-"Tatort"

Karneval-Ultras im Klassenkampf

Schwitzen für die perfekte Choreografie, morden für den besten Platz im Partyrummel: Der Kölner "Tatort" leuchtet Geschäfts- und Irrsinn in Zeiten des Karnevals aus.

WDR/ Thomas Kost
Von
Freitag, 17.02.2017   15:50 Uhr

Wenn es um ihre Freizeitgestaltung geht, neigen Männer zu erschreckendem Fanatismus. Das Hobby ragt bei ihnen zuweilen ins Pathologische. Es gibt Männer, die stecken ihr neugeborenes Kind in einen Strampler mit Raute, weil sie HSV-Ultras sind. Und es gibt welche, die lassen ihre Frau den Nachwuchs per Kaiserschnitt punktgenau am 11.11. zur Welt bringen, weil sie Hardcore-Jecken sind.

So hat es auch der Kölner Straßenkehrer Rainer Pösel (Tristan Seith) gemacht. Seinen kleinen Sohn trainiert er zum Büttenredner; die Tochter, deren Geburt einst tatsächlich auf den Anfang der fünften Jahreszeit anberaumt worden war, sollte nach seinem Willen Tanzmariechen in dem Karnevalsverein "De jecke Aape" werden.

Sollte - denn nun ist sie tot. Weil sie den Konkurrenzkampf und die Missgunst innerhalb der zu den "Affen" gehörenden Gardetänzerinnen nicht aushielt, stürzte sich die 16-Jährige von der Brücke in den Rhein.

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Köln-"Tatort": Immer lächeln - auch wenn's wehtut

Karneval, das ist in diesem "Tatort" Krieg. Karnevalshasser Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Gelegenheitsjeck Schenk (Dietmar Bär) - die beiden feiern mit dieser Folge ihre 20-jähriges Fernsehdienstjubiläum - tauchen ein in die sozioökonomische Gemengelage rund um die närrische Zeit: Gleich am Anfang des Krimis wird auch noch die Tanztrainerin der "jecke Aapen" erschlagen zwischen den Pappmachéfiguren der Umzugswagen gefunden. Neben der Leiche lächelt unbeeindruckt ein Clownskopf.

Wirtschaft und Wahnsinn

In Verdacht geraten der Vereinsboss (Herbert Knaup), der seine Truppe gnadenlos auf Effizienz getrimmt hat, um an die guten Auftritte bei Umzügen und Umtrünken zu kommen, sowie natürlich auch Karneval-Ultra Pösel, der seine Tochter an den Jecken-Drill verloren hat und sich im Verlauf der Handlung als eine Art rheinische Rachemaschine durch Umkleidekabinen und Festsäle schwatzt und schmatzt. Wirtschaft und Wahnsinn, der "Tatort" will beide Aspekte der fünften Jahreszeit beleuchten. Manchmal kommt er dabei allerdings sehr lehrbuchhaft daher.

Regisseur Thomas Jauch und Drehbuchautor Jürgen Werner haben zusammen ein paar der besten und aufreibendsten Dortmunder "Tatorte" mit dem irren Kommissar Faber ausgearbeitet, da ging es drunter und drüber, da waren Gut und Böse oft nicht auseinanderzuhalten. Hier nun sind einige zentrale Charaktere sehr schlicht gezeichnet und die Interessen und Emotionen oft von banaler Übersichtlichkeit.

Auch atmosphärisch schlägt der "Tatort" kaum Gewinn aus der besonderen Situation - das fällt besonders im Vergleich mit der entfesselten Münchner Episode vom Oktoberfest auf. Gegen die wuchtigen Suff-und-Wahn-Wimmelbilder aus den bayerischen Bierzelten wirkt der rheinische Volksfestirrsinn geradezu brav.

Und trotzdem: In der Figur des Opfervaters Pösel ist sehr schön der Widerspruch des Karnevals eingefangen. Während er über die "Bonzen" im Narrenbetrieb herzieht und den "kleinen Mann" als eigentlich treibende Kraft der fünften Jahreszeit feiert, reibt er sich und seine Familie in der Volksfestindustrie auf. Die Frage, die offenbleibt: Wie viel authentischer Rausch ist möglich im durchorganisierten Frohsinn?

Bewertung: 6 von 10


"Tatort: Tanzmariechen", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 20 Beiträge
danielc. 17.02.2017
1.
Tja der Karneval ist eine ernste Sache. Es ist wie beim Mannschaftssport... solange es Spass macht ist es gut, aber dann... Ich lache gerne und passe mich optisch gegebenfalls dem Treiben an, aber extra dort hin gehen, vor allem [...]
Tja der Karneval ist eine ernste Sache. Es ist wie beim Mannschaftssport... solange es Spass macht ist es gut, aber dann... Ich lache gerne und passe mich optisch gegebenfalls dem Treiben an, aber extra dort hin gehen, vor allem dort, wo viel Geld im Spiel ist, würde ich nicht.
der_schoene_hans 17.02.2017
2. Närrisch vs. Kölsch
Liebe Hanseaten! Wenn schon ist es der "Jecke Köln-Tatort". Ihr werdet in der Domstadt ja auch kein Alt bestellen oder Helau rufen. Hoffe ich zumindest für Euch;)
Liebe Hanseaten! Wenn schon ist es der "Jecke Köln-Tatort". Ihr werdet in der Domstadt ja auch kein Alt bestellen oder Helau rufen. Hoffe ich zumindest für Euch;)
grenadierw18 19.02.2017
3. Bitte keinen Tatort mehr
Es tut weh, für solche Sendungen Gebühren zahlen zu müssen.
Es tut weh, für solche Sendungen Gebühren zahlen zu müssen.
uhildenbrand 19.02.2017
4. Sooooo schlecht...
...aber Herr Buß vergibt 6 Punkte. Hätte an sich vorgewarnt sein müssen. Und: H. Knaup als Kölsche Oberjeck ist die Krönung...Kluftinger in Köln, sensationell. Immerhin weiß ich, wohin meine Gebühren fließen ?
...aber Herr Buß vergibt 6 Punkte. Hätte an sich vorgewarnt sein müssen. Und: H. Knaup als Kölsche Oberjeck ist die Krönung...Kluftinger in Köln, sensationell. Immerhin weiß ich, wohin meine Gebühren fließen ?
hinschauen 19.02.2017
5.
"Gegen die wuchtigen Suff-und-Wahn-Wimmelbilder aus den bayerischen Bierzelten wirkt der rheinische Volksfestirrsinn geradezu brav" Das liegt daran, lieber Herr Buß, dass Karneval keine Suff-und-Wahn-Veranstaltung ist. [...]
"Gegen die wuchtigen Suff-und-Wahn-Wimmelbilder aus den bayerischen Bierzelten wirkt der rheinische Volksfestirrsinn geradezu brav" Das liegt daran, lieber Herr Buß, dass Karneval keine Suff-und-Wahn-Veranstaltung ist. - anders als Sie es aus "unserer protestantisch norddeutschen Perspektive" heraus warhnehmen. Für wen steht eigentlich dieses "unser"? Für Sie und den Kollegen am Schreibtisch nebenan?

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