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Kultur

Hacker-Serie von Matthias Schweighöfer

Mr Roboterhaft

Mit dem Hacker-Thriller "You Are Wanted" bringt Amazon Prime seine erste deutsche Serie an den Start. Den großen Wurf sollte man von dem Matthias-Schweighöfer-Vehikel aber bloß nicht erwarten.

Amazon
Von
Freitag, 17.03.2017   16:17 Uhr

Wie soll das eigentlich genau aussehen, wenn es "endlich mal was mit der deutschen Serie" wird? Primetime Emmy, Golden Globe und Besinnungsaufsätze in der "New York Times", was diese Show über unsere Zeit aussagt?

Mehr als ein halbes Jahrzehnt lang wird in der hiesigen Medienbranche schon darüber diskutiert, wann das deutsche Fernsehen denn nun an das "Golden Age of TV", die Blütezeit der Qualitätsserien, anschließt. Maßstäbe dafür, wann Augenhöhe erreicht sein soll, wurden dabei nie formuliert, und wahrscheinlich haben wir deshalb nicht gemerkt, dass wir uns schon längst in keinem goldenen und womöglich auch keinem silbernen, aber zumindest einem bronzenen Zeitalter der deutschen Serie befinden.

Die Vielfalt ist nämlich seit Langem da: Manches hat sich schon vor Jahren etabliert ("Weissensee", "Der Tatortreiniger"), manches punktete eher im Ausland ("Deutschland 83"), manches lief hierzulande ausgezeichnet ("Ku'Damm 59"). Sehenswert war das meiste. Es braucht deshalb weder große Aufregung noch große Vergleiche, wenn am Freitag "You Are Wanted", die erste deutschsprachige Amazon-Serienproduktion von und mit Matthias Schweighöfer, startet. Im besten Fall steht die Serie für sich und unterhält auf ganz eigenständige Weise.

Nach den ersten zwei Folgen zu schließen, die man vorab sichten konnte, gelingt beides nicht.

Matthias Schweighöfer, der auch produziert und Co-Regie geführt hat, spielt Lukas Franke, einen erfolgreichen Hotelmanager im Waldorf Astoria Berlin. Ausgerechnet an seinem Geburtstag legt ein Stromausfall die gesamte Stadt lahm. Ein Gast im Hotel empört sich, dass er sich im Dunkeln verletzt hat und macht Schadensansprüche geltend. Franke steckt ihm seine Visitenkarte samt Handynummer zu, dann fährt er heim ins Villenviertel, wo ihn Frau (Alexandra Maria Lara) und Freunde (u.a. Alexander Khuon) an einer kerzenübersähten Geburtstagtafel im Garten erwarten.

Nacktfotos von einer gewissen Julia

Nach einiger Zeit springt der Strom wieder an. Schnell lädt Franke noch die Kontaktdaten herunter, die ihm der Hotelgast per SMS geschickt hat, dann scheint der Tag ein rundum gutes Ende gefunden zu haben. Natürlich ist das Gegenteil der Fall. Noch in der Nacht trudeln zweifelhafte Chatnachrichten auf Frankes Handy ein, unaufgefordert kommen Pakete an, schließlich entdeckt seine Frau Nacktfotos von einer gewissen Julia auf dem gemeinsamen Tablet. Seine Frau kann Lukas noch davon überzeugen, dass er gehackt wurde. Schwieriger wird es allerdings bei der Polizei. Chatnachrichten, Einkäufe, ja sogar Videoaufzeichnungen deuten nämlich daraufhin: Franke steckt mit Terroristen unter einer Decke.

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"You Are Wanted": Geschmeidig in der Mittelschicht

Nominell sollte "You Are Wanted" ganz untypisch für Schweighöfer sein, schließlich handelt es sich um eine Serie und noch dazu einen Thriller. Doch an der Formel, die er mit seinen Kinokomödien erfolgreich erprobt hat, hat er letztlich wenig geändert - er setzt bekannte Stoffe mit bekannten Gesichtern um, ohne sich, seine Mitstreiter und sein Publikum außerhalb der gemeinsamen comfort zone zu führen.

Dass Thematik, Setting und Eskalationsdramaturgie von "You Are Wanted" aus anderen Filmen und Serien, aus "Who Am I?" und "Mr. Robot", aber auch "The Game" und "Das Netz", entlehnt sind, ist dabei nicht das Problem. Sich seine Bausteine von woanders zu beschaffen, ist vielmehr das Grundprinzip Genre. Entscheidend ist, das schnell erbaute Erzählfundament zu nutzen, um darauf etwas eigenes zu errichten.

Nichts außer Geld und Schweighöfer-Charme

Dieses Eigene, Genaue fehlt "You Are Wanted" aber, und das ist höchstwahrscheinlich nicht die Schuld der Drehbuchautoren Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf, denn die bringen mit "4 Blocks" demnächst eine Berliner Gangsterserie an den Start, die just diese Eigenartigkeit und Genauigkeit hat. Ihre Bücher zu "You Are Wanted" soll Schweighöfer dem Vernehmen nach maßgeblich überarbeitet haben. Ob es stimmt? So oder so wäre es nicht entscheidend, denn "You Are Wanted" strauchelt vor allem wegen seiner Inszenierung.

Schweighöfer und sein Co-Regisseur Bernhard Jasper zeigen nämlich nicht, wie ganz spezifische Menschen leben, sondern wie eine diffuse Masse wohl gern leben möchte: schickes Eigenheim, schlanke Frau, süßes Kind. Diese Wunschdenk-Ästhetik, auch noch im ewig kalten Thriller-Blau gehalten, ersetzt die genaue Milieu- und Figurenzeichnung. Den Szenerien fehlen die Details, den Figuren die Charakteristika. So bleibt Lukas Franke ein Mann, der außer Geld und Schweighöfer-Charme keine Eigenschaften hat.

Solang das alles und sie alle gut aussehen, sprich solang sich die Serie in der Mercedes- und Bungalow-Lebenswelt von Franke bewegt, gleiten die Bilder immerhin geschmeidig vorbei. Überhaupt nicht zufällig ist Supermodel Toni Garrn hier in ihrer ersten Sprechrolle als Frankes Assistentin zu sehen. Wenn Schweighöfer und Jasper aber in andere Milieus als die gehobene Mittelschicht wechseln, verrutschen ihre Klischeebilder ins Komische.

Bat-Girl kommt angebrettert

Einen Hacker-Keller lassen sie von Kette rauchenden, dickbäuchigen Gamern bevölkern, die lieber Ego-Shooter spielen, als dem armen Lukas Franke zu helfen. Als Karoline Herfurth schließlich ihren ersten Auftritt hat und auf einem schwarzen Motorrad in schwarzem Leder gekleidet mit schwarzer Sonnenbrille auf der Nase plötzlich angebrettert kommt, als wäre sie Bat-Girl (wobei das nicht unglaubwürdiger wäre als die tech-affine Polit-Bloggerin, die sie tatsächlich verkörpern soll), gab es im Publikum der Berliner Premiere am Mittwochabend direkte Lacher.

Dass sich Schweighöfer und Jasper fürs Erzählen ohne Tiefenschärfe entschieden haben, ist einerseits nicht verwunderlich. Schließlich hat es bei ihren Kinofilmen auch funktioniert. Andererseits erstaunt es bei einer Produktion, die via Amazon Prime weltweit zu sehen sein wird, dann doch. Nicht zuletzt hat der größte kulturelle Exporterfolg Deutschlands der vergangenen Jahre, nämlich "Toni Erdmann", gezeigt, dass es auf Einzelheiten und Recherche ankommt, dass Figuren Kontur und Milieus Grundierung brauchen - und dass Reihenhaus und Käsereibe Bungalow und Mercedes ausstechen können.

Gerade weil sich "You Are Wanted" weigert, irgendetwas über Deutschland oder zumindest Berlin zu erzählen (von komplexeren Themen wie Abstiegsängsten der deutschen Mittelschicht ganz zu schweigen), dürfte die Serie außerhalb Deutschlands kaum interessieren. Aber immerhin könnte sie dabei Gesellschaft haben: Auch die erste deutsche Netflix-Serie hat einen englischen Titel, nämlich "Dark", und nach dem ersten Trailer zu schließen, will auch sie alles dafür tun, möglichst global austauschbar daherzukommen.


Alle sechs Folgen von "You Are Wanted" sind ab Freitag auf Amazon Prime Video verfügbar

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