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Kultur

"Hart aber fair" über späte Mutterschaft

"Die Männer werden auch nicht besser"

Bei "Hart aber fair" ging es endlich mal um ein Frauenthema, um späte Mutterschaft. Statt befürchtetem Anti-Frauen-Krawall entstand eine gewinnbringende Talkrunde. Die Sendung im Check.

WDR/Dirk Borm
Von
Dienstag, 21.03.2017   10:00 Uhr

Die Sendung: Es war, als würde die Doku, die direkt davor gesendet wurde, schon alles vorwegnehmen: "Die Wüste blüht", hieß es aus dem Off, "ein Naturwunder." Nach all den Wochen mit Polittalks rund um Erdogan-Populismus-Ende-der-Demokratie endlich mal wieder was fürs Herz bei "Hart aber fair". Ein Frauenthema: "Alles erreicht, dann noch ein Baby - Kinderwunsch ohne Altersgrenze?" Was sich Frank Plasberg da auf die Agenda setzte, klang von vorneherein nach einer rhetorischen Frage. Vor allem beim Blick auf die Runde, die er sich eingeladen hatte.

Die Gäste: Die Moderatorin Caroline Beil, mit 50 gerade im sechsten Monat schwanger, die sich wie viele andere ältere Mütter ihre Verantwortungslosigkeit vorwerfen lassen muss; die Filmemacherin Ina Borrmann, Jahrgang 1969, die ihre jahrelange Kinderwunschbehandlung in der Doku "Alle 28 Tage" begleitete und jetzt einen neun Monate alten Sohn hat; der Reproduktionsmediziner Jörg Puchta; die katholische Theologin Michaela Freifrau von Heeremann, die Kind Nummer sechs mit 40 bekam; und Giovanni Maio, Medizinethiker an der Freiburger Universität, der in seinen Aufsätzen für eine "Medizinkultur der Besonnenheit" plädiert.

Und ja, da saßen zwei Ü40-Mütter - um "späte Eltern" an sich ging es also von vornherein nicht. Sonst hätte Plasberg ja seine ARD-Kollegen fragen können, here's looking at you, Uli Wickert und Jan Hofer. Aber wahrscheinlich wollte der Moderator diese Rolle gleich mit abdecken: Als er zuletzt Vater wurde, war er 53.

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"Hart aber fair" über späte Mutterschaft: Weg mit den Stereotypen

Die Diskussion: Es gab eigentlich keine. Ja, für "Hart aber fair" überraschend, aber alle waren sich irgendwie einig. Und gerade deshalb war eine vielschichtige Unterhaltung möglich, die vor allem eines ganz fraglos scheinen ließ: In unserer heutigen Gesellschaft muss es möglich sein, dass Frauen ihr Leben selbstbestimmt gestalten. Und sich nicht von anderen sagen lassen, was geht und was nicht, während alten Vätern wie Wickert, Mick Jagger und, hm, Donald Trump auf die Schulter geklopft wird.

"Die Männer werden auch nicht besser", sprich die Spermaqualität mit zunehmendem Alter, stellte Reproduktionsmediziner Puchta dann auch unumwunden fest. Man müsse endlich die ollen Stereotype von 1900 über Bord werfen und kapieren, dass sich "die Lebensphasen verschoben haben".

Sofern sich die Redaktion vom Medizinethiker Maio mehr Kontra erwünscht hatte: Da kam nix. Dafür aber Beistand für angefeindete Mütter wie Beil: "Das sind Ansätze von Diskriminierung", diese individuellen Lebensprojekte seien "selten eine Wahlbiografie". Zumal Männer mitschuldig seien, sie setzten oft auf Verzögerungstaktiken, um das mit der Familie noch rauszuschieben. Erst werde den Frauen gesellschaftlich erschwert, Kinder zu kriegen, da der Karriereknick programmiert sei, später werde es ihnen dann vorgeworfen: "Das ist doppelt unfair."

Und die Einigkeit ging noch weiter, sodass die Sendung teils eher einer Aufklärungsstunde glich. Es wurde klargemacht, dass das künstliche Befruchtung ins Geld geht und psychisch belastend ist, bis man nur noch einen "Tunnelblick" (Borrmann) hat; wie wichtig es ist, Ärzte und Psychologen beratend zur Seite zu haben, die einem von vorneherein brutal nüchtern vorrechnen, wie groß die Chancen in welchem Alter sind, dass die gewählte Prozedur auch funktioniert (bei 44-Jährigen etwa nur vier Prozent der In-vitro-Fertilisationen); man argumentierte für bessere Aufklärung, etwa darüber, dass die Hälfte der Frauen ab 41 nicht mehr fruchtbar seien; allen voran Puchta und Maio plädierten für eine Gesellschaftsstruktur, die es Frauen wie Männern erlaube, trotz Familie gleichermaßen berufstätig zu sein, wenn sie wollten; und der Reproduktionsmediziner Puchta drängte darauf, dass "Social Freezing", also das frühzeitige Einfrieren von Eizellen, falls die Frauen sie später mal brauchten, nicht in irren Argumentationen ausgespielt werde gegen das Thema Kinderbetreuung.

Und selbst Michaela von Heeremann, die eindeutig eingeladen war, um eine Art Birgit-Kelle-Rolle einzunehmen, tat Plasberg diesen Gefallen nicht. Sie gratulierte sowohl Beil als auch Borrmann warmherzig zu deren Mutterschaft, forderte nebenbei noch eine "familienfreundlichere Wirtschaftspolitik" und gab zu bedenken, dass die Erziehungsarbeit meist immer noch den Frauen zufiele. Und überlegte nur sanft, "ob wir das Recht haben, alles zu machen, was möglich ist" und zu entscheiden, "welches Leben lebenswert ist und welches nicht". Aber Plasberg ließ sie nicht abdriften vom Thema "Alte Mütter" zu den Vor- und Nachteilen von Reproduktionsmedizin im Allgemeinen. Immerhin ist für die nächsten Sendungen mal wieder klar: Geht doch, er kann's.

Der Erkenntnisgewinn: Mal abgesehen davon, dass über die Gefahren von Risikoschwangerschaften nicht gesprochen wurde, und die moralische Frage nur anekdotisch gestreift wurde, was es heißt, wenn jemand seine Eltern zwangsläufig früher verliert als die meisten, ging von der Sendung am Ende gar eine Art politisches Postulat aus: Das 1990 verabschiedete Embryonenschutzgesetz scheint, ginge es nach dieser Runde, bald der Vergangenheit anzugehören. Auf der Basis von 1990 darf hier derzeit etwa zwar Sperma gespendet werden, so viel die "Praline" in der Klinik hergibt, Eizellen aber nicht (wie etwa in Belgien).

Und so zitierte ausgerechnet der als skeptischer Medizinethiker eingeführte Maio aktuelle Studien, die bestätigten, dass aus Eizellenspenden entstandene Kinder ein ganz normales Verhältnis zu ihrer Mutter haben, und sagte: "Es wird sehr schwierig sein, das Gesetz aufrechtzuerhalten." Wenn nur alle Talkshows so fruchtbar wären.

insgesamt 142 Beiträge
quark2@mailinator.com 21.03.2017
1.
Wieso ist späte Mutterschaft ein "Frauenthema" ? Solch grundlegende Dinge sind mMn. immer Themen für die ganze Gesellschaft, denn das hat ja Einfluß auf sehr viele Menschen. Man muß nicht überall das Geschlecht mit [...]
Wieso ist späte Mutterschaft ein "Frauenthema" ? Solch grundlegende Dinge sind mMn. immer Themen für die ganze Gesellschaft, denn das hat ja Einfluß auf sehr viele Menschen. Man muß nicht überall das Geschlecht mit reinbasteln.
huz6789 21.03.2017
2. Die Ich-will-alles Gesellschaft und der Samen-Mythos
Wenn wir das Klischee der Denke des 19 Jhdt. mal kurz außen vor vorlassen, dann möge man sich auf den Gedanken einlassen, dass die Natur das späte Kinderkriegen nicht vorgesehen hat. Nur passt der Ich-will-alles Gesellschaft [...]
Wenn wir das Klischee der Denke des 19 Jhdt. mal kurz außen vor vorlassen, dann möge man sich auf den Gedanken einlassen, dass die Natur das späte Kinderkriegen nicht vorgesehen hat. Nur passt der Ich-will-alles Gesellschaft das halt nicht in den Kram. Daher klingt die Illusion, die Natur einfach austricksen zu können, attraktiv. Außerdem ist sie ein Millardengeschäft und so wird die "Kannst Du haben"-Maschine den Leuten das so lange schmackhaft machen, bis es dann auch moralisch geadelt ist. Interessant an der Diskussion ist für mich (als Mann) der Hinweis darauf, dass die Verantwortung vor allem auf die Frauen projiziert wird. Es liegt auf der Hand, dass die meisten alten Erstväter sich in dem Job schwer tun dürften. Vorher gehen die Männer dem "Samen bis ins hohe Alter".Mythos auf den Leim, der wirklich ins 19 Jhdt. gehört.
ellibelli65 21.03.2017
3. Weibchen
Wer heiratet meistens solch alte Schabracken männlicher Natur? Ja, die in die Jahre gekommenen Models oder Trivialaktricen um ihren High Standard zu halten. Um grenzenlose Liebe vorzutäuschen, ein Kind! Allein auch wegen der [...]
Wer heiratet meistens solch alte Schabracken männlicher Natur? Ja, die in die Jahre gekommenen Models oder Trivialaktricen um ihren High Standard zu halten. Um grenzenlose Liebe vorzutäuschen, ein Kind! Allein auch wegen der Alimente. Sicher ist sicher. Emanzipation = 0. Null Emanzipation auch hier bei "Egg freezing" = Unterwerfung dem männlichen Herrschaftsanspruch. Karriere oder Kind? Wieder in die Macho-Falle getappt! Unbedingt ein Kind aus eigener Produktion! In die Gen-Falle getappt! Gesellschaft, mach die Adoption leichter! Es gibt so viele Kinder, die auf ein Zuhause warten. Diese Kinder sind aber nicht immer perfekt. Aber sie sind da. Und brauchen liebevolle Eltern.
Phil2302 21.03.2017
4. Jeder wie er mag
Finde ich es gut, sprich erstrebenswert? Nein, ich möchte nicht alt sein, wenn ich Vater werde. Ich möchte ja nicht auf dem Weg ins Altersheim sein, wenn meine Kinder gerade anfangen zu arbeiten. Aber: Mir wäre es natürlich [...]
Finde ich es gut, sprich erstrebenswert? Nein, ich möchte nicht alt sein, wenn ich Vater werde. Ich möchte ja nicht auf dem Weg ins Altersheim sein, wenn meine Kinder gerade anfangen zu arbeiten. Aber: Mir wäre es natürlich völlig egal, was andere, insbesondere die Gesellschaft von meinen Plänen hält. Daher wäre es mir auch an Frau Beils Stelle egal, was andere dazu sagen. Da wäre ich durch und durch Egoist. Ich kenne ein Paar, das kam zusammen, als er Ende 20 und sie 17 war. Man wurde das kritisiert, wie kann er nur. Jetzt ist das 7 Jahre her und niemanden interessiert es mehr, sie sind glücklich uns zufrieden. Die Gesellschaft meckert immer, also sollte man das nicht beachten. Ein Kritikpunkt aber zum Artikel: Dass "alten Vätern wie Wickert, Mick Jagger und, hm, Donald Trump auf die Schulter geklopft wird" halte ich für ein Gerücht. Kenne niemanden, der das toll findet, muss wohl so ein Twitter-Dingen sein, wo in einer kleinen Blase Menschen das toll finden, und daher geglaubt wird, das fände jeder toll. Oder vielleicht stand es ja so in der Gala. Aber auch hier gilt natürlich: Letztlich ist es deren Entscheidung.
BernieistAnders 21.03.2017
5. Ich hätte da eine Frage
Wann gab es in Deutschland eine Anti-Frauen-Sendung, Frau Haeming? Waren Sie damals geboren? Und Sie waren dann froh, dass es auch in dieser Sendung wie immer lief, also gegen Männer gehetzt wurde? Hahahah, na wenigstens [...]
Wann gab es in Deutschland eine Anti-Frauen-Sendung, Frau Haeming? Waren Sie damals geboren? Und Sie waren dann froh, dass es auch in dieser Sendung wie immer lief, also gegen Männer gehetzt wurde? Hahahah, na wenigstens schreiben Sie so wie Sie fühlen und versuchen Ihre Meinung nicht zu verheimlichen, wie die anderen Feministen auf SPON es sonst tun. Das Problem ist doch ein ganz anderes, oder besser gesagt zwei große Probleme. Das erste sind die absurden Gesetze, die Vätern so gut wie keinerlei Rechte einräumen. Das hat dann dazu geführt dass sehr wenige sich überhaupt auf Kinder einlassen. Und das zweite Problem ist, dass viele Männer schlichtweg entmannt wurden von dieser Gesellschaft. Die haben nicht das nötige Selbstvertrauen um eine Familie zu gründen, manche haben sogar Schwierigkeiten Kinder zu zeugen. Natürlich sind an allem die Feministen Schuld. Aber das "Gute" ist dann eben dass gerade diese Feministen keine Männer finden.... wie gestern in in einem Artikel bei SPON beschrieben.
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