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Kultur

HBO-Serie "The Deuce"

Die Pornoindustrie als Brennglas des Kapitalismus

Das Geschäft mit den Körpern: Die Serie "The Deuce" vom "Wire"-Schöpfer David Simon erzählt, wie sich der Pornofilm vom Hinterzimmerbusiness zur Industrie entwickelte - und wer daran verdiente.

HBO/ Sky
Von Nina Rehfeld
Montag, 11.09.2017   14:54 Uhr

Wenn David Simon Fernsehen macht, stehen Hollywoods Kreative Schlange. Mit "The Wire" schuf der vormalige Polizeireporter eine Serie, die vielen Kritikern als die beste aller Zeiten gilt, und seit HBO ihn alle paar Jahre leidenschaftliche Abhandlungen über das komplizierte Verhältnis zwischen Amerikas Arbeiterklasse und seinen Institutionen in Fernsehformate gießen lässt, wird der Filmemacher als gesellschaftspolitisches Gewissen des US-Fernsehens gefeiert.

Trotzdem hatte Maggie Gyllenhaal Vorbehalte, als Simon sie für die Hauptrolle seiner neuen Serie "The Deuce" anfragte. Denn das Thema von "The Deuce" ist hochkomplex. Die Serie erzählt den Aufstieg und Wandel der Pornoindustrie, von ihren Anfängen zu Beginn der Siebzigerjahre am Strich des Times Square ("the deuce" wurde der Kiez an der 42nd Street einst genannt) zur Einnahmequelle der Mafia und schließlich zur Abwanderung nach Los Angeles und ihrer Entwicklung zu einem milliardenschweren Geschäft, das eine ganze Gesellschaft tief prägt. "Die Serie", sagte Gyllenhaal kürzlich auf einem Pressetermin in Los Angeles, "wirft mit Blick auf die Pornoindustrie einen Blick auf den Kapitalismus."

Gyllenhaal spielt Eileen Merrell, die unter dem Künstlernamen Candy auf dem Strich am Times Square arbeitet. Die meisten Frauen werden von Zuhältern beherrscht. Candy indes arbeitet allein: "Niemand macht Geld mit dieser Pussy, außer ich", versichert sie den lokalen Pimps, die ihr mal zuckersüß, mal bedrohlich zusetzen.

Sex, Macht, Geld und Kunst

"Es geht hier um eine Frau und ihre Beziehung zu Sex, Macht, Geld und Kunst", sagt Maggie Gyllenhaal. "Da ich eine Prostituierte spiele, mein Körper also viel Raum einnimmt, wollte ich mir sicher sein, dass auch mein Verstand eine bedeutende Rolle spielen würde." Sie wollte die Serie mitproduzieren - eine folgerichtige Entscheidung angesichts einer Geschichte, deren weiblichen Akteurinnen es verwehrt bleibt, sich der Dinge zu bemächtigen.

Wie immer bei Simon ist auch "The Deuce" in erster Linie ein Gesellschaftsporträt aus Straßenperspektive - die Cops von der Sitte, die Prostituierten, die sich als alleinerziehende Mütter durchschlagen oder sich als Unternehmerinnen begreifen, die Zuhälter, die eigentlich davon träumen, eine richtige Familie ernähren zu können, die Barkeeper und Bauarbeiter und Gelegenheitszocker, die die Kiezkneipen bevölkern. Und die Geier, die sich an ihnen bereichern.

James Franco spielt in einer Doppelrolle mit viel Charme die Zwillingsbrüder Vincent und Frankie. Vincent ist Barkeeper, seine Kneipe der Knotenpunkt des Deuce, an dem die Fäden zusammenlaufen. Frankie ist ein Schwerenöter und Zocker, dessen Schulden Vincent in die Arme der Mafia treiben. Die ist eben dabei, sich im lukrativen Sexgeschäft breitzumachen.

Im Video: Der offizielle Trailer zu "The Deuce"

Francos Name mag den Vorspann anführen, und seine Doppelbesetzung gibt ihm reichlich Screentime. Aber es sind die Frauen, die diese Geschichte dominieren. Die junge Lori (Emily Meade), die aus Minnesota in den Big Apple kommt; die schlicht gestrickte Darlene (Dominique Fishback), die Bildungshunger entwickelt, als sich ein Kunde Filmklassiker mit ihr anschaut. Und Gyllenhaals alleinerziehende Candy, ein Profi, in deren skeptischem Lächeln stets ein gewisser Abstand zu den Dingen mitschwingt. "Nein, mein Freund", bescheidet sie einem Kunden in einer Szene, die geschickt die erniedrigenden "Sachzwänge" der Pornoindustrie vorwegnimmt, "niemand von uns, keines der Mädchen findet Analsex geil!"

Man scheut klare Worte nicht am "Deuce", und man bildet ein Kollektiv. Aber es wird immer wieder deutlich, dass dies eine Zweckgemeinschaft ist, keine romantische Ersatzfamilie. Und so sind diese Einzelkämpferinnen größeren wirtschaftlichen Interessen ausgeliefert. Als durchsickert, dass sich im Schatten des Strichs eine Industrie aus Sexfilmen etabliert, werden sie hellhörig, und viel schneller als ihre Zuhälter kapieren sie, dass hier eine neue Ära anbricht.

Eine wunderbare Szene beobachtet Gyllenhaals Candy dabei, wie sie hinter den Kulissen ihres ersten Pornos die Filmemacherei in Augenschein nimmt - sie ist fasziniert von der Beleuchtung, Kameraarbeit, den kreativen Möglichkeiten des Films. Als sie wenig später die Expertise eines Pornofilmers sucht, sagt der: "Wenn ich mal einen Job für dich habe, dann vor der Kamera. Hübsch genug bist du ja."

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"The Deuce" auf Sky: Wer verdient an den Frauen?

Die Serie ist berauschend gefilmt, das New York der Siebziger mit großer Liebe zu Atmosphäre und Details inszeniert - eine Stadt voller Dreck und Chaos und zwielichtiger Gestalten und Gewalt, der Big Apple, bevor Rudy Giuliani ihn aufräumte und zum Hipster-Paradies von heute machte.

Viel wurde darüber diskutiert, ob es angebracht ist, diese Ära mit unverhohlener Nostalgie nachzuzeichnen. Aber der Eindruck von "The Deuce" ist auch erstaunlich roh und unmittelbar: Die nervöse Energie dieser Zeit wird spürbar, man kann die verrauchten Kneipen geradezu riechen, der kühle Wind, der den Müll durch die Straßen treibt, lässt einen frösteln.

Malocherinnen und Tyrannen

Die Frauen vom Strich sind Arbeiterinnen - manche, wie Candy, mit unternehmerischen Ambitionen. Die Zuhälter sind Schwadroneure und Tyrannen, zumeist schwarze junge Männer, die sich mit Gewalt auskennen und sich aus den Abgründen von Rassismus und Armut emporzustemmen versuchen. Aber auch sie haben Motivationen und menschliche Facetten. Und der Sex ist direkt und unkompliziert gefilmt - es rücken ebenso viele männliche wie weibliche Geschlechtsteile ins Bild.

David Simon hatte zunächst kein Interesse daran, eine Serie über den Siegeszug der Pornografie zu machen. Aber Francos Figuren basieren auf einem echten New Yorker und dessen Zwillingsbruder, die diese Ära miterlebten, und als sich Simon und sein langjähriger Arbeitspartner George Pelecanos schließlich zu einem Gespräch mit dem Mann überreden ließen, waren sie gefangen von "der Tragik, der Komik, dem Gefühl, dass man es hier mit wirtschaftlichen und kulturellen Pionieren zu tun hatte".

Zwei Fallen, sagt David Simon, hätten sich für ihn bei der Entwicklung einer Serie über Sex aufgetan: "Erstens, das Ganze allzu geziert zu machen und zu oft wegzuschauen. Dann wacht man eines Tages auf und hat 'Pretty Woman' gedreht. Und zweitens, zu lange hinzuschauen - wenn die Kamera das Geschehen zu sehr genießt, macht man Porno, um Porno zu kritisieren."

Kein moralisches Urteil

"The Deuce", sagt Simon, sei die härteste Schnittarbeit seiner Karriere gewesen. Aber es gelingt ihm meistenteils, einen unbefangenen Blick auf die Anfänge einer Industrie zu werfen, deren Produkt "die Objektifizierung von Frauen ist", wie Simon sagt, und in der Milliarden gescheffelt werden - bloß eben nicht von diesen Frauen.

"Mich interessiert nicht, ob Pornografie gut oder schlecht ist", sagte Simon in Los Angeles. "Mir war auch bei 'The Wire' egal, wo Drogen moralisch zu verorten sind. Mich interessiert, wie Macht und Geld sich anordnen und wir uns gesellschaftlich mit dieser Anordnung einrichten." Der Aufstieg der Pornoindustrie, so Simon, sei die perfekte Parabel darauf, "was der Markt hergibt, wo die Arbeiter stehen, wer Geld macht und wer nicht".

Die, die in "The Deuce" das große Geld verdienen, sind zuerst die Zuhälter, dann die Mafia, die bald im Hintergrund die Strippen zieht, und schließlich die Entertainment-Industrie in Kalifornien. Aber einen kurzen Moment lang scheint es, als könnte sich hier eine Kunstform etablieren, als könnten Frauen wie Candy diese knospende Industrie mitgestalten.

Wäre das geschehen, sagt David Simon, wäre unsere Welt, in der noch die Bier- und Autowerbung Untertöne der Pornoindustrie transportierten, vielleicht eine andere.


"The Deuce" ist in Deutschland auf dem Pay-TV-Angebot Sky abrufbar sowie als Download verfügbar bei Amazon, Deutsche Telekom, Google Play, iTunes, Maxdome, Sony Playstation und Xbox.

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