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Kultur

Porno-"Tatort" aus München

Fickflix versus Netflix

"Kalli, was ist der Unterschied zwischen Gangbang und Bukkake?" Die Ermittler steigen für diesen "Tatort" tief in den entfesselten Pornomarkt hinab. Heiterer, grausamer, empathischer Gesellschaftskrimi.

BR/ Hagen Keller
Von
Montag, 09.10.2017   10:54 Uhr

Pornografie ist das Geschäft, in dem sich die Triebkräfte des Kapitalismus in reinster Form entfalten. Technologische Entwicklungen werden aggressiv vorangetrieben, ineffiziente Bereiche gnadenlos abgewickelt. Der Siegeszug der VHS-Kassette in den Achtzigerjahren etwa wäre ohne Pornografie nicht so rasant verlaufen, und in den Neunziger- und Nullerjahren hat kein anderer Geschäftszweig die Vermarktungs- und Verwertungsmöglichkeiten des Internets so rigoros ausgeschöpft.

Die Ermittler Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) tauchen nun tief in dieses komplett deregulierte, ständig im Umbruch befindliche, immer neue Unterkategorien hervorbringende Marktsegment ab: Die Pornodarstellerin "Luna Pink" wurde am Set ermordet, zuvor hatte sie mit einer Kollegin eine Massensexszene gedreht. Ein Kinderswimmingpool mit den Ausscheidungen von zwei Dutzend Männern legt darüber trübes Zeugnis ab.

Veranstalter der Massenejakulation, im Fachjargon "Bukkake" genannt, war der Möchtegern-Pornoproduzent Olli Hauer (Frederic Linkemann), der weiß, dass es für seine Firma Fickflix nur einen Weg ins Business gibt: neue Stimulationssuperlative bieten, innovative Vertriebstechniken nutzen. Alles muss jederzeit verfügbar sein, da ist der Konsument in Streaming-Zeiten verwöhnt. Fickflix versus Netflix.

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München-"Tatort": Pornos bis die Augen brennen

Unter Mordverdacht gerät auch Sam Jordan (Markus Hering), Spross einer alten, ums Überleben kämpfenden Münchner Sexfilm-Dynastie. Der Name sagt sogar noch Batic und Leitmayr etwas, die mit den Jodel-und-Dirndl-Reporten der Siebzigerjahre aufgeklärt wurden. Allerdings verwechseln die Ermittler Vater und Sohn, sodass der junge Jordan erklären muss: "Mein Vater war der mit den Lederhosen, ich bin der Cumshot-King!"

Porno-Update für Batic und Leitmayr

Wer sich mit den Subgenres und Feineinstellungen des Pornofilms nicht auskennt, wird in diesem "Tatort" auf den neuesten Stand gebracht. Auch Batic und Leitmayr sind nicht mehr up-to-date und bitten ihren jungen Kollegen Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) terminologisch und anthropologisch um Nachhilfe: "Kalli, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Gangbang und Bukkake?"

Dieser "Tatort" hat über Strecken einen angenehm leichten, gelegentlich sogar amüsierten Tonfall. Er tritt aber nie in die Ironiefalle. Pornografie ist kein Witz, sie ist allgegenwärtig und hat möglicherweise mehr Einfluss auf Teile der Bevölkerung als Streamingdienste und das öffentlich-rechtliches Fernsehen zusammen.

Autor Bartosz Grudziecki und Co-Autor und Regisseur Philip Koch werden dieser medialen Macht in ihrer Darstellung der Branche gerecht. Koch hat zuvor für den Münchner "Tatort" das Hardboiled-Melodram "Der Tod ist unser ganzes Leben" gedreht. Das war süffiges Genre-Kino mit filmhistorischem Knowhow. Sein neuer "Tatort" verweist nun schon im Episodentitel auf einen Klassiker: "Hardcore" ist auch der Titel eines Krimis, den der Sex-und-Sühne-Filmer Paul Schrader im Jahr 1979 kurz vor seinem Kinohit "Ein Mann für gewisse Stunden" gedreht hat, also in jener Zeit, als Pornografie durch die Einführung der VHS-Kassette endgültig zum Massenmarkt wurde.

Damals jagte der alternde Schauspieler George C. Scott auf der Suche nach seiner Tochter durch ein entfesseltes Marktsegment, dessen neue, stetig wachsende Macht damals noch keiner einzuschätzen wusste. Fast 40 Jahre später beschreibt auch der gekonnt ambivalente "Tatort" eine weitere Umbruchsituation, die den Menschen bei aller scheinbar in der Zwischenzeit erlangten Auf- und Abgeklärtheit zu schaffen macht.

Klar, Porno ist Internetalltag, besonnene Medienkonsumenten gehen mit der immer nur einen Klick entfernten Dauerbebumsung um, ohne sie zu verteufeln oder zu verherrlichen. Doch auch wenn vielen Menschen Fachbegriffe wie Cumshot oder Bukkake leicht über die Lippen gehen - das hoch beschleunigte Geschäft mit der Pornografie sorgt eben doch auch für schwere Verwerfungen. Die Stimulanzspirale wird immer weiter gedreht, die Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer. Die Leistungsbilanz der Beischlafmalocher erfolgt nicht selten über die Mengen freigesetzter Körpersäfte.

Im "Hardcore"-"Tatort" ist es wie in Schraders Vorbild eine Vaterfigur, durch deren Auge der Zuschauer die Unerbittlichkeit des Pornomarkts sieht. Der Mann ist Staatsanwalt (einziger etwas grober dramaturgischer Dreh in diesem Krimi), und so wird er in seiner beruflichen Funktion auf grausame Weise mit ermittlungstechnischen Details konfrontiert: Die DNA-Täteranalyse bei der Leiche gestaltet sich schwierig, im Magen wird das Sperma von 20 Männern gefunden.

Porno-Abgeklärtheit hin, Internet-Aufgeklärtheit her: Was soll ein Vater tun, um an einer solchen Aussage nicht zu zerbrechen?

Bewertung: 9 von 10 Punkten


"Tatort: Hardcore", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

insgesamt 25 Beiträge
Fait Accompli 06.10.2017
1. Kalli,
wie schreibt man "Bukake"? Natürlich "Bukkake" https://de.wikipedia.org/wiki/Bukkake
wie schreibt man "Bukake"? Natürlich "Bukkake" https://de.wikipedia.org/wiki/Bukkake
muellerthomas 06.10.2017
2.
"Die Stimulanzspirale wird immer weiter gedreht, die Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer. " Ist das so? Also ich habe eher den Eindruck, die Filme sind in den letzten Jahren eher wieder aufwändiger, [...]
"Die Stimulanzspirale wird immer weiter gedreht, die Arbeitsverhältnisse werden immer prekärer. " Ist das so? Also ich habe eher den Eindruck, die Filme sind in den letzten Jahren eher wieder aufwändiger, höherwertiger gedreht, es gibt "female friendly" Filme, also gerade keinen Trend zu immer größeren Extremen.
m.gu 06.10.2017
3. Christian Buß hat diesen Beitrag hervorragend beschrieben, danke.
Es gibt kaum Ergänzungen für diesen Beitrag zu schreiben. Genauso ist unsere Gesellschaft, das Geschäft mit der Prostitution blüht auch in Deutschland. Hauptsache das Geld floriert.
Es gibt kaum Ergänzungen für diesen Beitrag zu schreiben. Genauso ist unsere Gesellschaft, das Geschäft mit der Prostitution blüht auch in Deutschland. Hauptsache das Geld floriert.
ichliebeeuchdochalle 06.10.2017
4.
Da mußte ich auch lachen ... aber diese "Qualität" kennen wir ja schon länger. Was ich so richtig gemein finde ist, daß der nicht wissende Leser den Unterschied nach Lesen des Artikels immer noch nicht kennt. Und [...]
Zitat von Fait Accompliwie schreibt man "Bukake"? Natürlich "Bukkake" https://de.wikipedia.org/wiki/Bukkake
Da mußte ich auch lachen ... aber diese "Qualität" kennen wir ja schon länger. Was ich so richtig gemein finde ist, daß der nicht wissende Leser den Unterschied nach Lesen des Artikels immer noch nicht kennt. Und in Journalistenschulen wird doch gelehrt, daß Artikel wie dieser Zeugnis für schlechten Journalismus sind.
werdercale 06.10.2017
5.
Es geht hier um Poronofilmproduktionen, nicht um Prostitution.
Es geht hier um Poronofilmproduktionen, nicht um Prostitution.
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