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Kultur

Mafia-Serie "Suburra" auf Netflix

Die Kirche, das Koks und der Coitus interruptus

Immobilien gegen Drogen, Gebete für die Macht: In "Suburra" machen Roms Mafia, Kirche und Politik gemeinsame Sache. Eine süffige, blutige und wahrlich koksvernebelte Serien-Party.

Netflix
Von
Montag, 09.10.2017   15:02 Uhr

Wenn dreckiges Geld sauber werden soll, helfen nur Immobilien. Die großen Krimiserien der letzten Jahre haben auch immer davon erzählt, wie Mafiaclans in die Stadt und ihre Architektur investiert haben, wie die Antlitze verschiedener europäischer Metropolen durch Drogengeld aufgehübscht worden sind. Das sowieso schon übel beleumundete Wort Gentrifizierung erhielt hier eine eindeutig kriminelle Konnotation.

Das war so in der Sky-Produktion "Gomorrha", dem großen, düsteren Mafia-Abgesang aus Neapel, wo abgehalfterte Teile der Camorra ihr Geld nach Mailand schafften, um es dort in Wohnparadiese zu investieren. Das war so in dem Netflix-Hochglanzbogen "Marseille", wo Politik und Verbrechen Hand in Hand an einer neuen Protzfassade für die abgewrackte Hafenstadt arbeiteten. Und das war auch so im TNT-Meisterwerk "4 Blocks", über einen arabischen Clan in Berlin-Neukölln, der in seinen Discos und Bordellen erworbenes Vermögen in schicke Apartmentgebäude investiert. Hier wie dort: Immobilien sind das neue Koks.

Alle haben Dreck am Stecken

Die neue italienischen Mafiaserie "Suburra" auf Netflix - der ein Roman und ein Kinofilm mit gleichem Titel vorangegangen sind - handelt nun vom römischen Küstenvorort Lido di Ostia, der in den letzten Jahrzehnten vor sich hindreckte, nun aber neuen Glanz erhalten soll. Die Spieler im Krieg um die Küste: der Vatikan, der große Grundstücke dort besitzt. Unternehmer, die in der strandnahen Lage attraktiven Baugrund sehen. Die Politik, die von allen Seiten bedroht und korrumpiert wird. Und die Mafia aus dem Süden, die mit der aus Rom einen Hafen bauen will - auch um dort ihr Koks zu entladen. Ganz ohne Drogen läuft das Geschäft eben doch nicht.

Mitverdienen am großen Immobilien-gegen-Drogen-gegen-Einfluss-Deal wollen auch drei sehr unterschiedliche junge Männer, die alle auf ihre Art mit ihrem Umfeld hadern: das unberechenbare römische Mobster-Kid Aureliano (Alessandro Borghi), der schwule Sinti-Gangster Spadino (Giacomo Ferrara) und der gut erzogene, aber abtrünnige Polizistensohn Lele (Eduardo Valdarnini).

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"Suburra" auf Netflix: Krieg der Mafia-Knöpfe

Durch einen Zufall erhalten sie die Gelegenheit, einen in die Grundstückdeals involvierten Priester zu erpressen - Monsignore hatte einen Herzinfarkt bei einer von Mafia und Bauunternehmern organisierten und mit Koks befeuerten Massenorgie. Die drei Mafia-Knirpse verfügen nun über kompromittierendes Material des Coitus interruptus, das eine Prostituierte aufgenommen hat.

Der Krimi als Netflix-Türöffner für neue Märkte

Das süffige, offenherzige, atemlos vorantreibende Mafia-Panorama ist die erste Serie, die Netflix in Italien drehen lassen hat. Kooperationspartner ist der öffentlich-rechtliche Sender Rai, der sie - das Finanzierungsmodell "Babylon Berlin", Sky und ARD lässt grüßen - später in seinem Programm zeigen darf. Der Gangsterkrimi ist offenbar das Genre, von dem der US-Streamingdienst Netflix glaubt, am leichtesten Zugang zu neuen nationalen Märkten zu erlangen.

Die so entstandenen Thrillerserien waren oft nicht besonders tiefenscharf in der Darstellung der organisierten Kriminalität: "Marseille", wenngleich brillantes, wuchtiges Schauspielerfernsehen, schien doch eher an touristischen Schauwerten denn an politischen Mechanismen interessiert; optisch völlig überbürstet und dramaturgisch unterversorgt kam die mexikanische Netflix-Produktion "El Chapo" über den Drogenkönig Joaquin Guzman daher. Beim Drehbuch schreiben gekokst?

Auch die Serie "Suburra" mit ihren sexlüsternen Priestern, schießwütigen Nachwuchskriminellen und ewig tanzenden Sinti-Gangstern fabuliert sich etwas zu fröhlich durchs Mafialeben. An die vielschichtige Familienpsychologie der Sky-Produktion "Gomorrha" ist hier nicht zu denken; das komplexe Einflussgeflecht und die konkreten Anspielungen der ebenfalls von Sky produzierten Serie "1992" über den Aufstieg der Lega Nord und Silvio Berlusconis - die beste Serie über Politik und Verbrechen überhaupt - sucht man ebenfalls vergeblich. "Suburra" ist explizit in der Gewaltdarstellung, aber unkonkret in Bezug auf reale Ereignisse.

Hinter der Kamera hat an zentraler Stelle der Schauspieler Michele Placido mitgewirkt, Star der auch hierzulande einst sehr beliebten Serie "Allein gegen die Mafia". Vielleicht wirkt "Suburra" deshalb sonderbar zeitlos.

Es geht hier bei allen Verweisen auf Politik, Klerus und Kriminalität eher um eine unbestimmte kollektive Angst und ewige unterschwellige Bedrohung, die die Mafia in Italien hervorruft. An einer Stelle heißt es mit Bezug auf die Vorstadt: "Dieser Ort hat sich seit 2000 Jahren nicht verändert, Patrizier und Plebs, Politiker und Kriminelle, Huren und Priester." Im Verbrechen kommen sie alle zusammen, und "Suburra" feiert diese Zusammenkunft als große, blutige, drogenvernebelte Party.


"Suburra" läuft auf Netflix

insgesamt 2 Beiträge
mactor2 09.10.2017
1. Super Serie!
War begeistert! Wollte mal kurz reinschauen aber war dermaßen gefesselt von der Serie das ich gleich mehrere Folgen geschaut habe. Ja, etwas unrealistisch. Aber trotzdem ne super Sache! Aber Achtung einige Szenen sind sehr [...]
War begeistert! Wollte mal kurz reinschauen aber war dermaßen gefesselt von der Serie das ich gleich mehrere Folgen geschaut habe. Ja, etwas unrealistisch. Aber trotzdem ne super Sache! Aber Achtung einige Szenen sind sehr "hart" und nicht Kindertauglich. Freue mich schon auf die zweite Staffel.
msix 09.10.2017
2.
Ich kann auch wärmstens den gleichnamigen Film empfehlen, auf dem die Serie basiert. https://www.moviepilot.de/movies/suburra
Ich kann auch wärmstens den gleichnamigen Film empfehlen, auf dem die Serie basiert. https://www.moviepilot.de/movies/suburra

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