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Kultur

Sexismusdebatte

Der letzte Gorilla

Starker Film, riskanter Zeitpunkt, schwieriger Kronzeuge: Das ARD-Drama "Meine fremde Freundin" ist ein vom Kachelmann-Prozess inspiriertes Debattenstück über Sexismus am Arbeitsplatz.

NDR/ Christine Schroeder
Von
Montag, 06.11.2017   16:50 Uhr

Er ist eines dieser Primatenmännchen, das noch immer auf einigen Bürofluren seine Runden zieht: Gorillahaltung, Revierverhalten, den eigenen Trieb als Glücksversprechen fürs andere Geschlecht vor sich hertragend. Wo andere auf dem Gang noch ein sachliches Gespräch führen, da ist er schon bei der sexuellen Anspielung. Gerne bedient er sich dabei Metaphern aus der Tierwelt, von wegen: So ist die Biologie, so ist der Mann.

Sie ist die moderne Karrierefrau, die solch Atavismus und Animalismus souverän Paroli bietet. Wenn sich der letzte Gorilla noch einmal erbärmlich in seiner bedroht geglaubten Männlichkeit aufbäumt, lässt sie seine verschwitzten rhetorischen Attacken brillant ins Leere laufen. Die Kraftmeierei des Büroaffen richtet sich auf einmal gegen ihn selbst. Das muss wehtun.

Dann eskaliert die Situation zwischen Volker (Hannes Jaenicke) und Judith (Ursula Strauss), die beide auf dem Gesundheitsamt in Hannover arbeiten. Im Aktenzimmer fällt er über sie her und vergewaltigt sie - so berichtet es Judith zumindest ihrer Kollegin und Freundin Andrea (Valerie Niehaus). Und die ist es, die das Opfer überredet, die Tat bei der Polizei anzuzeigen und damit auch die anschließende Gerichtsverhandlung auf sich zu nehmen.

Charakterschwein oder Straftäter?

"Meine fremde Freundin" ist ein Fernsehspiel, das die Zuschauerin und den Zuschauer fordert: Erzählt wird das Sexismusdrama konsequent aus der Perspektive der Freundin Andrea, also aus Sicht einer dritten Person. Die Anbahnung des möglichen Gewaltakts ist offenbar, er selbst wird nur mittelbar über Anklage und Leugnung behandelt. Das heißt, das Publikum muss über lange Strecken des Films mit einer Art Schwebezustand leben: Ist der Angeklagte einfach nur ein Sexist oder ist er ein Vergewaltiger? Ist er ein Ekel oder ein Straftäter?

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ARD-Film: Sex und Vorurteil

Der Fernsehfilm ist Teil des ARD-Themenabends "Sexuelle Nötigung, Lügen und Vorurteile", der schon länger geplant ist, für diesen Mittwoch festgesetzt wurde und auch eine Ausgabe der Talkshow "Maischberger" beinhaltet. Bei den Vorbereitungen zum Dreh des Filmes ließ man sich auch von der öffentliche Debatte über die juristischen Auseinandersetzungen um den unschuldigen und freigesprochenen Jörg Kachelmann und die verurteilte Gina-Lisa Lohfink inspirieren.

Ganz konkret greift "Meine fremde Freunde" Elemente des Falles Horst Arnold auf, bei dem eine Lehrerin ihren Kollegen fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigte und dadurch sein Leben zerstörte. Dass die Sexismusdebatte durch Weinstein und die #MeToo-Bewegung jetzt eine ganz neue Dynamik bekommen hat, könnte sich als Fluch und Segen zugleich für "Meine fremde Freundin" erweisen.

Aufmerksamkeit ist dem doppelbödigen, mit vermeintlichen Gewissheiten spielenden Fernsehdrama garantiert, Zuspruch von der falschen Seite und verengte Kritik wohl ebenfalls. Durch die dramaturgische Auflösung der Geschichte mögen sich die einen in der Ansicht bestätigt fühlen, dass Machos in Wirklichkeit eigentlich liebe Kerle sind, während die anderen dem Film möglicherweise Victim Blaming vorwerfen.

Weder für das eine noch das andere gibt es einen Grund. Die Verantwortlichen vom NDR waren so klug, das Projekt drei Künstlern anzuvertrauen, die sich mit gewagten Fernsehstücken auskennen. Der Drehbuchautor Daniel Nocke und der Regisseur Stefan Krohmer haben gemeinsam schon einige Filme gedreht, die sich mit oft perfide guten Dialogen gesellschaftlichen Umbrüchen widmen, zuletzt die Patchworkfamilien-Komödie "Neu in unserer Familie". Die zweite Autorin, Katrin Bühlig hat immer wieder die Schnittstelle von Sexualität und Gewalt beleuchtet, etwa in einer Grimme-gekrönten Dokumentation zum Thema Sicherheitsverwahrung mit dem Titel "Restrisiko".

Das Restrisiko ist - wenn auch auf andere Weise als in der Doku - nun auch in "Meine fremde Freundin" eingeschrieben. Ohne falschen Relativismus lösen sich hier die Rollenzuschreibungen auf, das Publikum muss beständig sein Urteil hinterfragen. Und das ist eben nicht ohne Risiko in Zeiten, da männliche Interessengruppen die Glaubwürdigkeit von aufbegehrenden Frauen zu unterwandern versuchen.

Wichtig bei Bewertung der NDR-Produktion aber bleibt: Der strukturelle Sexismus in der Arbeitswelt wird nicht geleugnet, nur weil der starke weibliche Hauptcharakter nicht ins gängige, sich geschmeidig in die Debatte fügende Opfermuster passt. "Meine fremde Freundin" ist ein Film, den man aushalten muss. Heute mehr als vor einem Jahr.


"Meine fremde Freundin", Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD. Im Anschluss, um 21.45 Uhr, folgt eine "Maischberger"-Ausgabe zum Thema.

insgesamt 13 Beiträge
hatem1 06.11.2017
1. Sehenswert
Der Film wurde schon beim Filmfest Hamburg gezeigt. Sehr fein und sehenswert. Er hat allerdings weniger mit Jörg Kachelmann oder Gina-Lisa Lohfink zu tun, dafür sehr viel mit dem tragischen Fall von Horst Arnold, über den auch [...]
Der Film wurde schon beim Filmfest Hamburg gezeigt. Sehr fein und sehenswert. Er hat allerdings weniger mit Jörg Kachelmann oder Gina-Lisa Lohfink zu tun, dafür sehr viel mit dem tragischen Fall von Horst Arnold, über den auch der Spiegel mehrfach berichtete.
reader0815 06.11.2017
2. Endlich mal was über Sexismus
Sexismus ist offenbar das neue Griechenland. Kein Tag ohne Sexismusbeiträge und jetzt auch noch Filme zum Thema. Offenbar ist meine Arbeitsumgebung und der Freundeskreis alles andere als repräsentativ. Denn jegliche Vorfälle [...]
Sexismus ist offenbar das neue Griechenland. Kein Tag ohne Sexismusbeiträge und jetzt auch noch Filme zum Thema. Offenbar ist meine Arbeitsumgebung und der Freundeskreis alles andere als repräsentativ. Denn jegliche Vorfälle sind mir nie zu Ohren gekommen. Oder ist meine Umgebung vielleicht doch eher durchschnittlich und in den Medien entsteht Zerrbild bezüglich der Präsens des Problems. Klar ist, man darf das Thema nicht unter den Teppich kehren. Es existiert offensichtlich. Aber man sollte es auch nicht in dieser inflationären Weise ausschlachten. Da könnte man auch gleich einige Medien verbieten lassen. Denn was neuerdings den Tatbestand Sexismus erfüllt, wird hier und da mitunter serienweise geliefert.
Mastermason 06.11.2017
3.
Was für ein saudummer und sexistischer Kommentar, Herr Buß. Sie bekommen es tatsächlich hin, die beiden Justizopfer Kachelmann und Arnold sowie die Täterin Lohfink in diesen gedanklichen Kontext zu stellen: "Ist der [...]
Was für ein saudummer und sexistischer Kommentar, Herr Buß. Sie bekommen es tatsächlich hin, die beiden Justizopfer Kachelmann und Arnold sowie die Täterin Lohfink in diesen gedanklichen Kontext zu stellen: "Ist der Angeklagte einfach nur ein Sexist oder ist er ein Vergewaltiger? Ist er ein Ekel oder ein Straftäter?" "Und die ist es, die das OPFER überredet, die Tat bei der Polizei anzuzeigen und damit auch die anschließende Gerichtsverhandlung AUF SICH ZU NEHMEN." Das Opfer? Sexisten und Vergewaltiger? Kapieren Sie eigentlich, welche gedanklichen Zusammenhänge Sie da konstruieren?
ericstrip 06.11.2017
4. Aha...
...jetzt geht das auch noch im Fernsehen weiter. Gut, daß ich gar kein TV-Gerät mehr besitze.
...jetzt geht das auch noch im Fernsehen weiter. Gut, daß ich gar kein TV-Gerät mehr besitze.
RamBo-ZamBo 06.11.2017
5.
"Und das ist eben nicht ohne Risiko in Zeiten, da männliche Interessengruppen die Glaubwürdigkeit von aufbegehrenden Frauen zu unterwandern versuchen." Welche männliche Interessengruppen sind hier gemeint?
"Und das ist eben nicht ohne Risiko in Zeiten, da männliche Interessengruppen die Glaubwürdigkeit von aufbegehrenden Frauen zu unterwandern versuchen." Welche männliche Interessengruppen sind hier gemeint?
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